30.03.2016   von rowohlt

«Heb deine Tränen für später auf»

Drei Epochen, drei Kriege, eine Familie: der neue Roman des Büchner-Preisträgers Friedrich Christian Delius

Marie von Schabow nimmt sich im Januar 1969 eine Auszeit von ihrem normalen Leben und reist für fünf Tage in die Niederlande. Nicht um der majestätischen Nordsee nahe zu sein, sondern um im Königlichen Archiv in Den Haag und in Amsterdamer Museen Material für ihr Traumprojekt zu sichten. Drei Liebesgeschichten aus den Zeiten der Kriege und der Niederlagen schwirren ihr durch den Kopf: ihre eigene, die ihrer Eltern und die ihrer Vorfahrin Wilhelmine, uneheliche Tochter des niederländischen Königs Willem I. Friedrich Christian Delius' Roman «Die Liebesgeschichtenerzählerin» liegt die bewegte Geschichte seiner eigenen Familie zugrunde – «ein Erzählsound, der magisch ist, dem man sich gern anvertraut» (NDR Kultur).

Von der Liebe in den Zeiten des Krieges und der Niederlagen

Im inneren Monolog erzählt Marie von Mollwitz, geborene von Schabow, von ihrer Reise, ihrem Auf- und Ausbruch aus der Alltagsroutine. Endlich hat sie sich für ein paar Tage freimachen können, um für ihre Schreibprojekte zu recherchieren. Dass es gleich drei Geschichten sind, die erzählt werden möchten, macht die Aufgabe nicht leichter. Je länger sie über all den Friederikes und Wilhelms und Wilhelmines und Maries  grübelt, desto dichter verzweigen sich die Verbindungslinien zwischen den Geschichten, die in die Zeit der napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgehen und bis in die turbulenten 68er-Umbrüche reichen.


Dafür hat Delius literarisch die perfekte Form gefunden. So wie die Gedanken in Maries Kopf hin und her fliegen, von ihrer Urahnin, der schönen Berliner Tänzerin und Geliebten des Prinzen von Oranien, über den deutschen U-Boot-Krieg zu ihrer eigenen Liebes- und Ehegeschichte, so impressionistisch ist auch die Struktur der Erzählung. Kurze, oft nur wenige Zeilen umfassende Textstücke, die mit einem Gedankenstrich enden. Leerstellen, Auslassungen, die unsere Fantasie als Leser beflügeln. 


Von Gedanke zu Gedanke zu Gedanke – man liest und liest und liest gebannt. Und fragt sich, ob Marie nicht kurz davor ist, an ihrem komplexen Drei-in-Eins-Projekt zu scheitern. Als Autorin ist Marie ja durchaus erfahren: ihre Biografie der von den Nazis hingerichteten Pädagogin Elisabeth von Thadden erfuhr viel Beachtung. Aber das hier zu stemmen, wie soll das gehen? Mit welcher der Geschichten, die alle gleichzeitig ans Licht zu drängen scheinen, soll sie beginnen – hängen doch alle «auf vertrackte Weise zusammen, alles wurzelte in Niederlagen und Katastrophen»? 


«Heb deine Tränen für später auf, du wirst sie noch brauchen»

Willem und Marie. Er: der Prinz von Oranien und zukünftige König Willem I. der Niederlande. Sie: die Berliner Bäckerstochter Marie Hoffmann. Eine amour fou, eine Skandalliaison mit Folgen: das unehelich geborene Kind Wilhelmine (genannt Minna), bestens versorgt durch königliche Alimente und ausersehen, al Gräfin Wilhelmine von Dietz auf Gut Dobbin in Mecklenburg ein sorgenfreies Leben zu führen. Wenn das kein Stoff für einen Roman ist! Aber je offener Marie, die «Liebesgeschichtenerzählerin», sich diesem Chor der fernen Stimmen hingibt, in Den Haag, Scheveningen, Delft und Amsterdam, umso mehr schweifen ihre Gedanken ab zu ihren Eltern und deren Liebesgeschichte. 


Hildegard und Hans. Als U-Boot-Kapitän im Ersten Weltkrieg hat Maries Vater mit seinen Torpedos Hunderte feindlicher Seeleute in den Tod geschickt. Für alle überraschend, wurde er nach Kriegsende zum Missionar seines Glaubens –  von der Kaisertreue zum Gottesgehorsam, von der wilhelminischen in die pietistische Rüstung. Das Meer war sein Element gewesen – «die wilden Meere, die Totenmeere, die Kriegsmeere blieben der Tochter unheimlich und fremd». In diesen Mann hatte sich Hildegard, Maries Mutter, einst unsterblich verliebt, obwohl sie bereits einem anderen versprochen war: Hans' Bruder, dem «walzertanzenden Luftkrieger Friedrich von Schabow», abgestürzt bei einer Übung auf dem Schweriner Flugplatz ... 


Marie und Reinhard. Und Marie selbst? Ihre «Kriegsliebe zum Gutsbesitzersohn Reinhard», der so spät aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte? Längst ist sie sich der Gefühle für ihren Mann nicht mehr sicher und dessen Gefühle für sie. Er, der manische Briefmarkensammler, allein in einem Odyssee-im-Weltraum-Film? Schwer zu glauben – «gerade jetzt, da sie ihre Fruchtbarkeit verlor und auch im Winter unter Hitzeschüben zu leiden hatte und der Mann sich öfter zur Seite drehte und auf seiner Seite blieb …»


«Jeden Tag die Abwehrschlacht gegen das Störfeuer im Gehirn»

Auf der Rückreise im Zug von Amsterdam nach Frankfurt am Main ist Marie in fast keiner Frage weitergekommen: was ihr zukünftiges Leben mit (oder ohne) Reinhard und auch die anderen Liebesgeschichten betrifft. Und doch fühlt sie sich «von frecher Fröhlichkeit gekitzelt, dass ich als Urtochter des holländischen Königs nach Holland eingereist bin und als Urtochter auch der preußischen Könige wieder zurückreise, mit doppeltem Schmuggelgut, den Stammbaum heimlich veredelt, zwei ganze Königshäuser, in ein paar Blutstropfen versteckt, sind zollfrei, der Stammbaum ist zollfrei –»


«Man kann nur staunen, wie es dem gern als ‹Chronisten der Bundesrepublik› gerühmten Autor erneut gelingt, Zeitkolorit und Familiengeschichte zu einer eindrucksvollen erzählerischen Synthese zu bringen.» (Der Tagesspiegel)


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