06.09.2016   von rowohlt

Nur ein paar Haustüren entfernt von der Angst wohnt der Hass

Von Pegida und Legida, von AfD und NPD: Till Reiners' intelligent-pointierter Blick auf ein Land im Umbruch

© iStockphoto.com
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Einen besseren Erscheinungstermin hätte dieses Buch kaum haben können. Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2016 endete mit einem politischen Erdrutsch: die AfD kam aus dem Stand auf über 20 Prozent der Wählerstimmen und löste die CDU als zweitstärkste Kraft nach der SPD ab. Der Kabarettist Till Reiners versucht zu ergründen, was in diesem Lande gerade vor sich geht. Auf Pegida-Spaziergängen, in Gesprächen mit AfD-Funktionären und in den Wohnzimmern besorgter Bürger spürt er den Gründen für die nach rechts kippende gesellschaftliche Stimmung nach. Und fragt: «Warum haben so viele Menschen Angst vor Überfremdung? Und wieso habe ich keine?»


Dieses Buch hilft mehr als ein Dutzend Talkshows zu den Themen Flüchtlingskrise, Integration, Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus. Weil Till Reiners ganz nah an viele Menschen herangekommen ist, die enttäuscht und frustriert den Volksparteien den Rücken gekehrt haben. Weil er weitergefragt hat, wo andere sich kopfschüttelnd aus dem Staub machen. Weil er verstehen wollte, wie es zu diesem Mischmasch aus realen Ängsten und Vorurteilen kommt – und wo der Punkt ist, der Angst in Hass umschlagen lässt.


Reiners ist landauf und landab gereist. Nach Leipzig und Dresden, nach Stuttgart und Pforzheim, nach Freital und Tröglitz. Manches, was er in den Gesprächen erfuhr, konnte er nachvollziehen, anderes war Stammtisch-Ressentiment, schrille Ignoranz. Oder purer Hass. «Ich verstehe nicht, wie man Angst vor den Menschen haben kann, die hierherfliehen. Viele sehen die Geflüchteten nicht einmal; die kennen die nur aus dem Fernsehen. Was ich mich häufig frage: Wenn die Bevölkerung von allen Medien abgeschnitten wäre – würde sie merken, dass so viele Menschen hierherfliehen?» Am Ende seines Buches zieht Till Reiners ein Fazit, aus dem wir einige Passagen hier dokumentieren:  

«Komisch, wie abstrakt diese Angst ist»


«Mir ist im Gespräch mit besorgten Bürgern aufgefallen, dass bei ihrer Angst der Hass meistens nur ein paar Haustüren entfernt ist, dass neben der Angst die Vorurteile wohnen, neben den Vorurteilen der Nationalismus, neben dem Nationalismus die Fremdenfeindlichkeit und neben der Fremdenfeindlichkeit der Rassismus. Das heißt nicht, dass eines zwangsläufig zum anderen führt. Aber der Weg ist kurz. Es heißt auch nicht, dass jeder, der Angst hat, ein Rassist ist. Aber besorgte Bürger haben sich eine schlechte Nachbarschaft für ihre Ängste gesucht. Ich kann nicht jede geäußerte Sorge analysieren. Aber ich kann grob drei Typen ausmachen, die die Flüchtlingspolitik kritisieren. Und ich spreche vor allem von der AfD, weil es mir um die Gegenwart geht und darum, einen Ausblick zu wagen. Pegida spielt für die Diskussion in Deutschland kaum noch eine Rolle und wird keine mehr spielen – ihre Positionen gehen in der AfD auf.


Typ1: Der Entschleuniger. Hier sei noch einmal Bernd Klingler zitiert: «Nicht ich habe mich verändert, sondern die Welt um mich herum.» Diese Menschen sind konservativ und wünschen sich eigentlich nur eines: dass die Welt mal ein bisschen Pause macht. Wenn die Erde sich schon immer drehen muss, dann bitte etwas langsamer. Und dann bitte um Deutschland. Sie stehen der Flüchtlingspolitik skeptisch gegenüber, weil sich Deutschland verändert, aber eigentlich ist das nicht ihr Thema. Viele Anhänger der alten «Lucke-AfD» sind hier zu finden, die sich engagierten, als es vor allem um Wirtschaftsthemen (gegen den Euro) ging, frustrierte CDU- und FDP-Wähler, die Marktwirtschaft super fanden – solange sie übersichtlich und Deutschland Exportweltmeister war. Globalisierung lehnen sie ab. Sie sehnen sich nach einer Pause von den Revolutionen der letzten Jahre – Atomausstieg, Bankenrettung, Griechenlandrettung, Schwule, Lesben, Frauen und jetzt auch noch Flüchtlinge. In dieser Pause hätten sie endlich mal Zeit, dieses Modem anzuschließen und mit AOL ins Internet zu gehen. Größter Wunsch: Ruhe und Ordnung.


Typ 2: Die Hüpfburg der Abgehängten. Ein Klassiker der Küchenpsychologie: Wenn es jemandem schlechtgeht, sucht er sich jemanden, dem es noch schlechter geht. Das ist das Hüpfburg-Prinzip: Je doller man nach unten tritt, desto höher kommt man – allerdings immer nur kurz. So funktioniert auch Fremdenfeindlichkeit. (…) Diese Menschen haben Angst, dass sie etwas weggenommen bekommen oder, das reicht schon: dass die anderen mehr bekommen als man selbst, obwohl sie sich nicht genug anstrengen. In einer Hüpfburg herumzuspringen macht Spaß, aber es geht schnell die Luft aus. Angst und Abwertung brauchen Nahrung: Es braucht Geschichten von undankbaren, dreisten Flüchtlingen (die es sicher auch gibt) und, wenn das nicht reicht, die Gerüchte, dass Flüchtlinge 2000 Euro Begrüßungsgeld und ein Smartphone geschenkt bekommen und eine Begrüßungsvergewaltigung frei haben. Der größte Traum der Hüpfburger: «Gerechtigkeit – zumindest für mich!».

«Rechtspopulismus ist das E-Bike der Rechtsextremen»


Typ 3: Der Rechte. In Deutschland sind 20 Prozent der Bevölkerung fremdenfeindlich. Diese Zahl veröffentlichte die IG-Metall-Stiftung Otto Brenner in der Studie «Die enthemmte Mitte» aus dem Jahr 2016; die Studie fußt auf einer Umfrage. Demnach ist eine Person fremdenfeindlich, die allen drei Positionen zustimmt: 1. Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen. 2. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken. 3. Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet. 20 Prozent der Deutschen stimmten allen drei Aussagen zu. Unter AfD-Anhängern sind es 52 Prozent. Die AfD kann offenbar viel von diesem Potential abschöpfen. Fremdenfeindlichkeit ist ein deutscher Klassiker – aber sie hat wenig mit dem klassischen Jamel-Nazi zu tun. Ein rassistisches, in sich geschlossenes Weltbild vertreten nur 5 Prozent der Menschen in Deutschland. Auch Rechtsextremismus ist individuell geworden. Jeder kann sich sein Feindbild selbst zusammenrühren wie die Bestandteile seines Müslis – Hauptsache, es schmeckt. (…) 


Niemand, den ich traf, rief dumpf «Ausländer raus!» Allen ist wichtig, mehr als das zu sagen, die Meinung zu rechtfertigen. Ein wichtiges Hilfsmittel für diese Rechtfertigungen ist der Islam. «Moslems sind gegen Schwule und Frauen und passen nicht hierher.» Wenn es passt, wird der «Mainstream» als Argument für die eigene Meinung benutzt. Das zeigt, dass viele sich mehr daran orientieren, als sie behaupten. Dazu passt, dass «Nazi» oft sogar als Schimpfwort für die Gegenseite benutzt wird – das sind dann ‹Linksfaschisten›. Diese Form von Fremdenfeindlichkeit bringt Leichtigkeit und Schwung in die Geschichte: Man ist nicht böse, man sagt nur die Wahrheit, hoppla, hab ich da Rapefugee gesagt? Das war ein Ausrutscher!


Dadurch, dass viele offenen Rassismus ablehnen, etabliert sich mehr verdeckter. Rechtsextreme Parolen sind raffinierter geworden: Man erkennt sie nicht sofort, und sie bieten Neulingen einen sanften Einstieg. Rechtspopulismus ist das E-Bike der Rechtsextremen: Sieht von außen peinlich aus, aber man kommt schnell rein. Der größte Wunsch der Rechten: ein homogenes Volk (…).»

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