09.09.2016   von Renate Bergmann

Guten Tag, hier schreit Renate Bergmann!

Über das Schreiben, das Lesen und all die Bilder im Kopf: Neues von der Online-Omi

© Rudi Hurzlmeier
© Rudi Hurzlmeier

Guten Tag, hier schreit Renate Bergmann. Schreibt, nicht schreit. Sehen Se, man muss so aufpassen! Ein falsches Wort oder nur ein fehlender Buchstabe, und schon kommt ein ganz anderer Sinn zustande. Ich bin 82 Jahre alt, da wollen die Finger an manchen Tagen nicht mehr so, und Zack - hat man den Schlamassel. Aber so ist es nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Lesen: Wehe, man hat nicht die richtige Brille auf und überliest eine Stelle oder nur einen Buchstaben – schon hat es einen ganz anderen Sinn. Aber wenn man es genau überlegt, ist das ist auch das Spannende und Schöne am Lesen.

Erinnern Sie sich auch noch an das Fräulein Scarlett?


Jeder bringt seine Phantasie mit ein und malt sich die Geschichte und die Bilder selber aus. Das kann auch schief gehen, wenn man nicht richtig aufpasst. Ich weiß noch, ich war ein Backfisch von 15 Jahren, da gab mir Mutter «Vom Winde verweht» zu lesen. Das Buch war schon durch so viele Hände gegangen und des Nachts unter so vielen Bettdecken mit der Taschenlampe gelesen worden, dass es ganz zerfleddert war, und vorne fehlten sogar zwei Seiten. 


Bei über 1000 Blatt Papier konnte ja keiner ahnen, dass die so wichtig waren, aber gerade da wurden wohl das Fräulein Scarlett und die dicke Mammy beschrieben. Ich habe, bis ich dann viele Jahre später den Film im Fernsehen gesehen habe, gedacht, dass Scarlett eine üppige schwarze Frau ist und mich immer gewundert, was der Herr Rhett an ihr fand, weil ich im Kopf eine ganz andere Vorstellung von dem Mädelchen hatte. Wissen Se, die Geschichte, die ich in meiner Vorstellung hatte, war eine ganz andere als die, die sie verfilmt hatten. Und zwar nur, weil zwei von über tausend Seiten fehlten. 


Was ich damit sagen will ist: Bücher beflügeln die Phantasie und lassen die Leute träumen. Es ist gar nicht so wichtig, dass einer nun jedes Wort auswendig aufsagen kann. Wenn es ein gutes Buch ist, dann lebt es im Kopf des Lesers sein eigenes Leben.


Ich habe in den letzten Jahren auch ein paar Geschichten aus meinem Leben aufgeschrieben, und wissen Se, was das Schönste für mich ist? Das Schönste ist gar nicht, wenn mir die Leute sagen: «Frau Bergmann, das war lustig, was haben wir gelacht!» Nee, am meisten freue ich mich, wenn einer kommt und mir sagt: «Ich habe oft an meine Oma gedacht, die war genauso!» Und dann erzählt er mit Erinnerungen und Begebenheiten von seinen Großeltern, während die Augen leuchten. Dann wird mir immer ganz warm ums Herz, weil die Geschichten es dann nämlich geschafft haben, den Leser nicht nur zu unterhalten, sondern ihn zu bewegen. 


Dem Himmel sei Dank sind meine Augen noch recht gut, und ich kann selber schmökern. Was se einem im Fernsehen oft anbieten, das ist doch eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen! Dann knipse ich die Flimmerkiste aus, nehme mir ein Buch und lese mich davon in eine Welt, wo nicht jeden Abend Fußball oder englische Bumsmusik im Fernsehen läuft. Machen Se das auch mal wieder!


Es grüßt Sie herzlich


Ihre Renate Bergmann 



Und hier bitte weiterschmökern: #buchpassion

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