23.07.2019   von rowohlt

«Nix als Flausen in Kopp!»

Generation Kittelschürze – Neues von Oma Martha und Üttchen

Marco Göllner wuchs in der tiefsten Provinz auf, in Bad Salzuflen, Lippe (Ortsteil Aspe). In einem  Frauenhaushalt mit Oma Martha und Üttchen, zwei Originalen der Generation Kittelschürze. Männer spielten in seiner Kindheit nur eine Nebenrolle. Vor allem Oma Martha hatte alles und jeden im Griff, sie war in der ganzen Gegend eine Autorität. An sie erinnern Marco Göllners wunderbar lakonische, heitere Episoden, die Fortsetzung seines SPIEGEL-Bestsellererfolgs «Oma Martha & ich» (rororo 63383)  – Geschichten von einer Frau, die ihr Leben lang nach 4711 roch, die weltbesten Püfferken (Kartoffelpuffer) zauberte und deren Kittelschürze jeden Superheldenumhang alt aussehen ließ. 

«Marco Göllners Geschichten ziehen einen tief in das Labyrinth seiner herrlich komischen Phantasie.» (Olli Schulz)

In einem amüsanten Nachwort berichtet Göllner von zum Teil heftigen Reaktionen auf den ersten Band seiner Episoden um Oma Martha. Man kann sich vorstellen, dass Salzuflen City & Umgebung, also das lippische Kernland, sehr wohl registrierte, dass da einer der Ihren was zu Papier gebracht hatte. «Einige aus meinem Umfeld haben sich beschwert, dass sie darin nicht vorgekommen sind, andere aus meinem Umfeld haben sich beschwert, dass sie darin vorgekommen sind. Plötzlich haben sich Menschen bei mir gemeldet, von denen ich bisher gar nicht wusste, dass ich mit ihnen verwandt bin, und wieder andere Menschen, mit denen ich urkundlich und nachweislich verwandt bin, streiten seitdem vehement ab, ein wie auch immer geartetes familiäres Verhältnis zu mir zu haben.»

«Weil ich doch so süß war»

Nun aber mal in medias res – oder «Jau, ab jez!», wie der normale Lippische zu sagen pflegen täte. Um die realen Verwandtschaftsverhältnisse auf der Papa-Mama-Kind-Oma-Opa-Uroma-etc.-Ebene kurz zu skizzieren: «Wie meine Eltern sich kennenlernten, ist schnell erzählt: Mama war immer mit dem Chef vom Mofa-Club zusammen, und als Papa dort Chef wurde, halt mit ihm. Papa ritt auf seiner Maschine wild durch die lippischen Berge. Mama saß hintendrauf und hielt ihn fest, auf dass er nicht runterfiele. Das ist bis heute eigentlich genauso geblieben. (...) Mama machte die Schule zu Ende, Papa ging zur Bundeswehr, beide fingen eine Lehre an, ich blieb bei meiner Urgroßmutter Martha. Für mich schlicht <Oma>.» Eine Urgroßoma gab es auch, eine «knallharte Geschäftsfrau» von dezent aristokratischer Art, die «Königin der Langen Straße», die der Einfachheit halber Omma Göllner genannt wurde. So war das bei Göllners zu Hause.

Irgendwie war Marco schon ein besonderer Junge. Nicht umsonst gibt er seinen Händen eigene Namen, sie heißen Biggi und Banda. Täglich spricht er mit ihnen, erklärt ihnen was, fragt um Rat, wenn er nicht weiterweiß. Gute Kumpels, beste Freunde. Und wahrscheinlich haben auch sie als Erste von Jessica erfahren, Marcos erster großer Liebe. (Was nichts daran ändert, dass das Mädchen zeitweise arg mit Marcos anderer großer Liebe konkurrieren musste, mit Körmi, dem Frosch: schlank, schlaksig, grün, für 24,95 Mark in einem Geschäft in Salzuflens Brüderstraße erworben.) Jessica war ein Kindergartenschwarm von beachtlicher Haltbarkeit, und wäre sie nicht mit ihren Eltern nach Detmold gezogen, wer weiß ...?! 


«Wir waren drei Jahre fest zusammen. Als wir uns trennen mussten, also bereits die Hälfte unseres jungen Lebens. Und wer kann schon von sich behaupten, die Hälfte seines Lebens mit ein und derselben Frau verbracht zu haben?» Wir wollen nicht vorgreifen – aber die beiden, Marco und Jessica, sehen sich Jahre später überraschend wieder, auf der Tanzfläche einer Disco...

Mama und Papa Göllner bescherten ihrem Marco einen kleinen Bruder von «mächtiger Pummeligkeit», der immer dann gewichtstechnisch zum Problem wurde, wenn er bei einem der wüsten Gewitter im Lippischen Land durchs halbe Haus geschleppt werden musste. (Wichtiger als die Kinder waren für Martha und Üttchen in derart krass existenziellen Momenten ihre «Jewittatüten», in denen alles Wichtige drin war: Stammbuch, Sparbuch, Gesangbuch, Geburts- und Sterbeurkunden, Seepferdchenurkunde usw.) Andere in der Familie fanden den gewichtigen Knaben, Marcos Bruder, voll in Ordnung: «Mama hatte gesagt, das sei Babyspeck, Papa hatte gefragt, von wie vielen Babys denn? Und Oma hatte gesagt, das sei Schmull. Schöne weiche, weiße Haut von enormer Dicke und Dichte, die das Kind hervorragend abfedern würde, wenn es stürzte.»

«Wir sind, was wir sind, beziehungsweise werden, was wir waren ...»

Wen wir nicht alles in diesem herrlichen zweiten Band der Oma-Martha-Geschichten treffen! Marcos «Zwei-Wort-Opa», der wenig redete, sehr wenig, aber vieles aus seiner Brieftasche heraus zu regeln imstande war. Den Pommes-Mann vom «Plockenotto». Den fiesen Hennes, dessen wüste Angeberei («ein original Schweizer Taschenmesser!») Marco cool mit dem Armeemesser seines Vaters («mein Schlachti!») kontert. Oder den alten Willi Tödheide. Der kann nur noch gaaanz langsam gehen, ist dafür aber immer «am Flöttkern» will heißen: Er pfeift ständig vor sich hin, «füüü – fü,fü,fü,fü». Darüber hinaus ist Willi ein wahrer Champion der Hätte-wenn-Sätze. «Er hätte ganz bestimmt beim Hundertmeterlauf gewonnen, wenn er denn teilgenommen hätte.» Oder: «Er hätte ganz sicher die Wahl zum Mister Universum gewonnen, wenn er denn da da gewesen wäre.» Oder auch: «Er hätte ganz sicher einen Führerschein, wenn er denn damals einen gemacht hätte.»

Was für ein entspanntes, lustiges Buch! Und dann dieser wunderbare Lippe-Slang – kesse Lippe!  Gestern? Chestern! Schweißränder? Schwitzekrüstchen! Hol mir mal 'ne Limo aus der Garage? Krich du mich ma 'ne Sinalco aussa Garage! 


Hier als Kostprobe ein kleiner Ausschnitt, eine von vielen genial-lippischen Passagen, vollgesogen mit Wort- und Mutterwitz:


«Fährste jez wieder auf Lititi?», fragte Oma.


«Nee», sagte Didi. «Ich fahr zum Tanken, und dann helf ich die Sylvie mitten Bienenkörbeaufstellen. Oben an Waldrand. Die Sylvie is jez nämlich Imke!»


Oma, Üttchen und ich blickten einander kurz an, dann sagte Oma: «Passte auf, dassde dich nich verfährst, ne?»


«Nee», sagte Didi, «kenn ich wie meine Wespentasche.»


«Apropos fahren», sagte Oma. «Frittchen Derberg hat jesacht, du seist letztens vorbeijefahren und abjebogen und hättest nicht jeblinkt!»


«Frittchen Derberg», sagte Didi und lächelte leise. «Die sacht viel, wenn der Tach lang ist.»


Jaja, Didi, dat Frittchen Derberg und die Imke oben an Waldrand ...

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