15.01.2016   von rowohlt

Geschichten aus der Psychiatrie

Die Ärztin Claudia Hochbrunn nimmt uns mit auf eine abwechslungsreiche, amüsante Reise durch die Psychiatrie

© FinePic, München
© FinePic, München

Der eine wickelt den Kopf in Alufolie als Schutz gegen die tödlichen Strahlen allüberall, ein anderer hält sich für Napoleon oder den König von Preußen. Ganz schön verrückt? Aber was heißt schon «verrückt»! Claudia Hochbrunn, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, erschüttern die Ticks und Macken ihrer Patienten schon lange nicht mehr. In ihren Psychiatrie-Geschichten erläutert sie Krankheitsbilder wie Schizophrenie und Depression, räumt mit Klischees auf und zeigt, wie es hinter den Türen der «Geschlossenen» wirklich aussieht.
Claudia Hochbrunn arbeitete lange in verschiedenen psychiatrischen Kliniken, beim Sozialpsychiatrischen Dienst sowie im forensischen Maßregelvollzug mit Schwerverbrechern. Zum Schutze ihrer Patienten verfasste sie dieses Buch unter Pseudonym. Unter ihrem Klarnamen verfasste sie mehrere erfolgreiche Romane.
In der Nachbemerkung zu ihrem Buch setzt sie sich mit dem Fall des Germanwings-Todespiloten Andreas L. auseinander. Wir dokumentieren die wichtigsten Passagen.

Klassische Depression oder narzisstische Persönlichkeitsstörung?

«Während meiner Arbeit an diesem Buch kam es am 24. März 2015 zum tragischen Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525. Im Rahmen dieser Tragödie war ich ein paar Tage lang im Schreiben blockiert – wie kann man an einem humorvollen Buch über Psychiatrie arbeiten, wenn so etwas passiert?
Aber was mich noch viel mehr erschütterte, waren die Reaktionen in der Presse und den sozialen Netzwerken. Da wurden auf einmal alle Depressiven als potenziell gefährlich betrachtet, es wurde darüber diskutiert, ihnen den Zugang zu bestimmten Berufen zu verweigern, und einige Politiker forderten die Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht. Und all dies, ehe überhaupt vollends aufgeklärt war, was da eigentlich an Bord geschehen war. Ich habe mich mit mehreren psychiatrischen Kollegen über den Fall unterhalten – und wir alle kamen zu demselben Schluss, ebenso wie zahlreiche renommierte Psychiater, die sich danach in der Presse äußerten.
Der Fall von Andreas L. war keine klassische Depression. Dagegen spricht die Tatsache, dass ein schwer depressiver Mensch, der sich mit Suizidgedanken trägt, meist an starken Schuldgefühlen leidet. Ein klassischer erweiterter Suizid liegt dann vor, wenn eine Mutter oder ein Vater im Rahmen einer schweren depressiven Erkrankung erst ihre Kinder und dann sich selbst töten – weil sie ihre Kinder nicht allein in der lebensunwerten Welt zurücklassen
wollen, sozusagen als letzten, falsch verstandenen Aspekt der Fürsorglichkeit. Ein Mensch mit einer so schweren Depression ist nicht in der Lage, seinem Umfeld etwas vorzuspielen und sich ganz normal zu geben, so wie im Fall von Andreas L., der ganz normal zur Arbeit ging und niemandem auffiel.
Was in dem Kopiloten genau vorgegangen ist, wird man mit letzter Sicherheit nie ergründen können, aber die vorliegenden Hinweise sprechen für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die meisten Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind völlig unauffällig und oft sehr erfolgreich im Leben. Sie haben tief in sich ein mangelndes Selbstwertgefühl, das sie durch beruflichen oder sonstigen Erfolg kompensieren. Dadurch sind sie sehr ehrgeizig und leistungsbereit, weshalb sie oft Karriere
machen. Narzisstische Anteile sind von Vorteil, wenn man Schauspieler oder Politiker werden möchte. Wenn der Erfolg ausbleibt, neigen Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur dazu, depressiv zu werden, aber nicht im Sinne einer klassischen Depression, sondern als Ausdruck der Persönlichkeitsstörung, die sich nur über Leistung definiert und keine ausreichenden Mechanismen kennt, mit Rückschlägen klarzukommen. In solchen Fällen werden diese Menschen oft suizidal, aber die meisten schaffen es, sich therapeutische Hilfe zu holen.

Zur Empathie unfähig

Für diese Theorie spricht die Tatsache, dass Andreas L. bereits in jungen Jahren während seiner Ausbildung suizidal dekompensierte, sich aber mittels einer Psychotherapie stabilisieren und seine Ausbildung fortsetzen konnte. Er holte sich die Anerkennung dadurch, dass er es schaffte, vom Hobbyflieger zum Berufspiloten aufzusteigen. Bis dieser Traum aus gesundheitlichen Gründen zu scheitern drohte. Irgendwann muss er dann den Plan gefasst haben, wenn er schon scheiterte, dann auch grandios, sodass man seinen Namen nie vergessen würde.
Der Tod der anderen Menschen wurde von ihm ausgeblendet. Auch die Tatsache, dass er ruhig im Cockpit sitzen blieb, während seine Kollegen hilflos an die Tür hämmerten (immer vorausgesetzt, dass es tatsächlich so war – wir kennen ja nur die in der Presse bekanntgegebenen Auswertungen des Flugschreibers), spricht für die schwere Persönlichkeitsstörung. Ein gewöhnlicher Depressiver hätte sich aller Wahrscheinlichkeit nach noch durch Worte erreichen lassen, denn die Schuldgefühle bei einer Depression
sind immens.
Aber ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kann das alles ausblenden, wenn er einen solchen Entschluss gefasst hat. Möglicherweise genießt er sogar noch die letzte Macht, die er hat. Jetzt ist er Herr über Leben und Tod, und deshalb reagiert er nicht mehr auf das, was er hört, das Leid der anderen Menschen berührt ihn nicht, er kreist nur um sich selbst. Er kann nichts dafür – es ist Ausdruck seiner Störung. Ähnliche Mechanismen greifen bei Selbstmordattentätern – auch die genießen die Macht über Leben und Tod, so sehr, dass sie sogar bereit sind, für dieses Gefühl der Macht ihr eigenes Leben
zu opfern, denn so wird aus dem subjektiv empfundenen Scheitern noch ein Gefühl der Macht. Hätte Andreas L. überlebt, wäre er aufgrund dieser Konstellation vermutlich im psychiatrischen Maßregelvollzug gelandet und nicht im Gefängnis.

Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht?

Letztlich muss man sagen, dass es überhaupt keine Sicherheit gibt – im Gegenteil, wenn man die Schweigepflicht der Ärzte lockert und psychisch Kranke stigmatisiert, werden sich viel weniger Menschen in ärztliche Behandlung begeben. Und gerade diejenigen, die wirklich tickende Zeitbomben sind, können sich am besten tarnen. Eine schwere Persönlichkeitsstörung lässt sich nicht durch eine einmalige Untersuchung erkennen. Es bedarf bei der Untersuchung eines Längsschnittverlaufs über viele Jahre, um die einzelnen
Symptome zum Gesamtbild zusammenfassen zu können.
Nicht jeder Suizidale ist depressiv, und nicht jeder Depressive ist suizidal. Nicht jeder Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist gefährlich, ganz im Gegenteil, die überwältigende Mehrheit ist völlig harmlos. Es sind immer nur Einzelfälle. Sehr seltene Einzelfälle. Die Anzahl der Straftäter unter psychisch Kranken ist prozentual gesehen genauso hoch oder niedrig wie die unter gesunden Menschen. Es gibt keinen Grund, vor psychischen Erkrankungen Angst zu haben oder sie zu verstecken. Je offener man damit umgeht, umso besser für alle.
Warum haben alle Mitleid mit einem Piloten, der nicht mehr fliegen kann, weil er einen Herzinfarkt hatte, während alle denselben Mann schief ansehen würden, wenn er seine Flugtauglichkeit aus psychischen Gründen einbüßt? Warum muss sich jemand für eine Krankheit, für die er definitiv nichts kann, verstecken? In dem Moment, in dem jemand seine Erkrankungen verstecken muss, kann er sie nicht behandeln lassen. Wenn es Politiker gibt, die der Meinung sind, man müsste die ärztliche Schweigepflicht über psychische Erkrankungen für bestimmte Berufe aufheben, weil sie eine Gefahr für die Öffentlichkeit werden könnten, sollten diese Politiker mit gutem Beispiel vorangehen und ihre eigenen Krankenakten komplett offenlegen, denn ein psychisch kranker Politiker kann durch falsche
Entscheidungen ebenso viel Schaden anrichten.
Wenn Menschen nicht länger wegen einer psychischen Erkrankung stigmatisiert werden, sind sie eher bereit, sich zu öffnen, wenn es ihnen schlechtgeht, und sich Hilfe zu holen. Und
davon profitiert die gesamte Gesellschaft. Zu guter Letzt – jeder Dritte erkrankt im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Wir tun uns also nur selbst einen Gefallen, wenn wir mehr Verständnis zeigen, denn vielleicht könnte es eines Tages auch uns selbst zugutekommen.»

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