21.08.2013   von rowohlt

Grandiose literarische Science-Fiction

«Eine meisterhafte Reflexion des Schreibens im 21. Jahrhundert, eine der vielleicht wundervollsten Selbstdedikationen der deutschen Literaturgeschichte.» (NZZ)

© Anke Feuchtenberger
© Anke Feuchtenberger

«Die fremde, kühle Luft schmeckt süß. Aber die süße, fremde Luft tut auch ein bisschen weh ...» Georg Klein ist «einer der seltenen wirklich originellen Erzähler der deutschen Gegenwartsliteratur» (Die Zeit). Mit seinem wilden, großen Roman Die Zukunft des Mars (jetzt neu als Taschenbuch) hat die Gattung der literarischen Science Fiction eine neue Stufe erreicht. Dieses Buch ist eine Kostbarkeit – auch in der Aufmachung: ein Halbleinenband mit Farbschnitt, zweifarbigem Innenteil und nachtblauem Vorsatzpapier.

Von weither wirft er einen Blick zurück auf die Gute Alte Zeit, wie einmal die Erdenzeit genannt werden wird. Noch in Stanislaw Lems Solaris hatte es geheißen: «Der ewige Glaube der Verliebten und der Dichter an die Macht der Liebe, die dauerhafter sei als der Tod, jenes finis vitae sed non amoris, das uns durch die Jahrhunderte verfolgt – das ist eine Lüge. Aber diese Lüge ist nur vergeblich, nicht lächerlich.» Georg Klein geht weiter: Allein das Erzählen ist es, was das Leben lebenswert macht, was Hoffnung gibt.

Bericht an die Erde

«Alle mussten sterben. Bis auf den heutigen Tag ist noch ein jeder von Euch gestorben, kaum dass er bei uns eintraf. Fast allen, die Ihr geschickt habt, erlosch das Dasein gleich nach der Auffindung, als bliese ihnen unser freudig erregter Atem das Lebenslicht aus. So hat es Smosmo mir, den er zum Nothelfer gemacht hat, gefragt und ungefragt, wieder und wieder erzählt. Smosmo, mein verehrter Lehrer und Vorleser …»
Porrporr, der junge Mann, der dies schreibt, arbeitet als Hilfsarzt auf dem Planeten Mars. Wenige haben sich eingerichtet in der Kolonie, die Verbindung zur Erde ist lang schon abgerissen. Die Mutterkugel wurde vom Großen Beben heimgesucht. Nun existieren beide Welten unter veränderten Vorzeichen weiter. Die Kolonisten, die Nachkommen der Siedler, die einst stolz den Mars für die Menschen erobert haben, leben unter der Oberfläche des Gestirns. Ihr ganzes Tun ist aufs Überleben ausgerichtet. Das Große Palaver verspricht zwar, die Erde werde die ausgesandten Kinder eines Tages zurückholen. Aber noch gibt es kein Beispiel dafür.
Der junge Arzt setzt mit der Lektüre der als unlesbar geltenden Heiligen Bücher sein Leben aufs Spiel. Er geht noch weiter: Er beginnt, die drei Leerseiten am Schluss jedes Buchs zu füllen. Sein Bericht an die Erde ist Teil seiner irdischen, erdvernarrten Lektüre. Und während er sich in neun langen Dienstnächten hinauswagt auf fremdes Terrain, drängt eine rätselhafte Wesenheit aus den Tiefen des Marsgesteins an die Oberfläche.

Der Weg zum Mars

Spirthoffer ist ein Bastler alten Schlags. Im Freigebiet Germania, im Herzen Alteuropas, nun am Westrand der chinesischen Protektorate gelegen, hat er sein Elektronisches Hospital eröffnet. Hier lebt er, im Herrschaftsbereich von Don Dorokin, der sich in der dreigeteilten Stadt ein kleines Territorium gesichert hat. Für ein paar Stunden täglich kann er deren Bewohner sogar mit Strom versorgen.
Elektrische Geräte sind rar und kostbar, kaum jemand versteht sich auf ihre Reparatur. Spirthoffer ist der Beste auf seinem Gebiet. Elussa, neu in Germania, hängt eine Annonce für Russisch-Sprachunterricht aus, so lernt sie den Alten kennen. Die Kolonisten sind verzaubert von der kleinen Alide, Elussas Kind; sie pflegen es heimlich, ohne von seiner Ankunft Meldung zu machen. Es verträgt sogar Mockmock, die Hauptspeise auf dem Mars, die irdischen Nahrungsvorräte sind längst verbraucht.
Spirthoffer schenkt Alide eine Mond-Broschüre, alles was mit Fliegen zu tun hat, fasziniert sie ungemein. Als er ein altes Flugfunkgerät zur Reparatur erhält, sieht er eine einmalige Gelegenheit gekommen ...

Schönheit bannt Schrecken

Die zentralen Figuren des Romans sind Erzähler. Porrporr, der uns seine Heimat ans Herz legen will, seine Wünsche, seine Ängste. Spirthoff, Elussa, auch Alide. In einem Interview auf einer eigenen Webseite zum Roman hat der Autor auf das Wechselspiel von Fremdheit und Vertrautem hingewiesen: «Das Sehnen und Phantasieren des jungen Mannes gilt uns, den Bewohnern des fernen Muttersterns. Auf diesem libidinösen Pfeil lässt sich die Wegstrecke zwischen Mars und Erde auch in Gegenrichtung zurücklegen – mit der Neugier und dem Mitgefühl des irdischen Lesers.»
Ein Zweites zeigt den literarischen Rang dieser Mars-Reise: Entgegen fast allen Science-Fiction-Settings verzichtet sie völlig auf das Ausmalen technologischer Phantasien. Vor der hier entworfenen Welt wird das Einfältige, Kurzgreifende von Technikschwelgereien sofort spürbar. Georg Klein setzt dem etwas Eigenes entgegen: «Das berührbare und lesbare, das zerstörbare und irgendwann unverständlich werdende Buch ist selbst eine Super-Metapher, eine unermüdliche Übertragungsmaschine – wahrscheinlich für dasjenige am Lebendigen, wovor uns am meisten graut. Deshalb war es mir besonders wichtig, dass Die Zukunft des Mars ein rundum schönes Buch wird. Schönheit bannt nahezu jeden Schrecken.»

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