16.02.2017   von rowohlt

«Eigentlich möchte niemand älter werden, außer den Kindern.»

Autorin Franka Bloom («Anfang 40 - Ende offen») im Interview über ihr Buch, das Älterwerden und was das Ganze mit einem Flamingo zu tun hat.

© Dagmar Morath
© Dagmar Morath

Worum geht es in Ihrem Roman?
In einem Wort: um Identität. Es geht um die immer gleichen Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Das klingt jetzt vielleicht philosophisch, aber in der Mitte des Lebens ist es für viele Menschen völlig normal, Bilanz zu ziehen. Und in meiner Geschichte geht es um das ganz normale Leben einer modernen Frau Mitte vierzig, die feststellt, dass ihre Komfortzone sich verändert hat, weil ihr Leben sich verändert hat und weil sie selbst sich verändert hat. Auslöser sind ihre Scheidung und der Auszug des einzigen Kindes. Sie steht also jetzt allein da, und ihr wird klar, dass sie ihr Leben neu ordnen und ausrichten muss, wenn es an Qualität gewinnen soll. Und damit beginnt der Spaß.
Gab es in Ihrem Leben auch einen solchen Wendepunkt?
Absolut. Ausgelöst durch ein berufliches Tief habe ich begonnen, mich selbst komplett in Frage zu stellen. Das war nicht nur für meine Mitmenschen schwierig, sondern irgendwann bin ich mir selbst auch auf die Nerven gegangen. Da habe ich dann angefangen, mich zu fragen, was ich eigentlich will, welche Ziele ich habe und wohin die Reise gehen soll. Es hat dann noch eine Weile gedauert, bis ich das alles definieren konnte, aber es war ein sehr bereinigender Prozess. Bis dahin hatte ich mich vor allem mit meinen Kindern, der Familie und meinem Job befasst und mich kaum mit mir selbst auseinandergesetzt.
Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
Ich nehme es zähneknirschend hin, denn es ist wohl unvermeidbar. Schließlich werden wir seit unserer Geburt ständig älter. Eigentlich möchte niemand älter werden, außer den Kindern. Aber da geht es mehr ums Erwachsenwerden. Solange wir Kinder sind, tragen wir keine Verantwortung. Mit dem Erwachsenwerden nimmt diese Verantwortung für uns zu und gipfelt in der Verantwortung für eigene Kinder und die eigene Familie. Wenn diese Phase aber zu Ende geht, weil die Kinder älter werden, die Beziehung vielleicht scheitert, der Job unbefriedigend wird, dann verschiebt sich der Fokus wieder mehr auf die eigene Persönlichkeit, und es beginnt ein Prozess der Selbstreflexion. Bei Männern wie bei Frauen. Die Bedürfnisse ändern sich genauso wie die Ansprüche ans Leben. Ich glaube, wichtig ist, dass man nicht in Panik verfällt, sondern genau in sich hineinhört und sich und seine Wünsche und Bedürfnisse wahrnimmt. Positiv denken ist schon mal nicht schlecht, aber allein hormonell bedingt nicht immer ganz einfach. Da muss man sich nichts vormachen. Es geht gar nicht darum, zwanzig Jahre jünger auszusehen oder die nächste Diät als Herausforderung anzusehen, sondern an einen Punkt zu gelangen, wo man sich in seiner Haut und mit dem, was man macht, einfach wohl fühlt. Das muss jeder für sich entscheiden. Was sicher hilfreich ist, sind Ziele. Sich immer wieder neue Ziele setzen, die auch erreichbar sind, motiviert, befriedigt und verhindert das bequeme Einrichten im Stillstand. Denn das führt wieder zu Unzufriedenheit.
Ist die Handlung autobiographisch?
Nein, ich bin weder verheiratet noch geschieden oder schwanger, und zum Glück haben wir noch ein Kind zu Hause. Aber ich finde mich in der Lebenswelt meiner Protagonistin durchaus wieder, weil es natürlich Schnittmengen mit meiner realen Welt gibt. Und ich reflektiere, was um mich herum bei den Mittvierzigern geschieht. Ehen gehen auseinander, Menschen verlieben sich neu, entdecken sich neu oder erfinden sich neu. Jobs werden gewechselt, Sicherheiten aufgegeben und Risiken völlig neu bewertet. Zwischen vierzig und Mitte fünfzig kann sich das ganze Leben noch mal drehen. Ich finde das total spannend. Die einen lassen sich scheiden, die anderen wandern aus oder erfüllen sich einen längst vergessenen Traum. Leider ist so etwas auch oft mit Schmerz verbunden. Aber wie heißt es: In jedem Ende liegt ein neuer Anfang. Da ist sicher was dran.
Wieso ein Flamingo auf dem Titel?
Ich finde den Flamingo passend, weil er voller Gegensätze ist: elegant und witzig; kitschig und stylisch; sexy und bieder; ironisch und real. Ich habe gelesen, dass der Flamingo erst mit seiner Geschlechtsreife die rosa Farbe annimmt. Das passt super zu meiner Geschichte, denn mit der vermeintlichen Reife fangen die Turbulenzen doch erst richtig an. Die Flamingo-Dame auf dem Titel meines Romans steht nicht nur auf einem Bein, sondern sie hat auch nur einen Schuh an. Da kann man sich also aussuchen, ob sie von einem in den nächsten Lebensabschnitt stolpert oder stolziert und ob sie den einen Schuh anzieht oder den anderen vielleicht sogar auszieht. Alles ist möglich.

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