10.04.2017   von rowohlt

Flaneur zwischen den Avantgarden des 20. Jahrhunderts

«Meisterhaft» (Cicero) – Lorenz Jägers große Walter-Benjamin-Biografie

Walter Benjamin nahm auf die typografische Gestalt seiner Bücher stets Einfluss. Für sein Buch «Ursprung des deutschen Trauerspiels» (1928 bei Rowohlt erschienen) wählte er als Schrift die Schwabacher.
Walter Benjamin nahm auf die typografische Gestalt seiner Bücher stets Einfluss. Für sein Buch «Ursprung des deutschen Trauerspiels» (1928 bei Rowohlt erschienen) wählte er als Schrift die Schwabacher.

Walter Benjamin zählt zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts, Intellektuelle wie Adorno und Kracauer bewunderten ihn als Genie. Lorenz Jäger erzählt von Benjamins Kindheit in der Familie eines jüdischen Kunsthändlers, der Freundschaft mit Gershom Scholem und Hannah Arendt, der wechselhaften Beziehung zur Frankfurter Schule, der vorsichtigen Annäherung an die kommunistische Bewegung – und der Arbeit Fragment gebliebenen Arbeit am großen «Passagen-Werk». 1940 floh er vor der Gefahr, nach Deutschland ausgeliefert zu werden, in das spanische Portbou, wo er sich das Leben nahm – ein Ende, rätselhaft wie vieles in Benjamins Leben und Schreiben. Eine hochspannende Biographie, die Leben und Werk dieses großen Denkers neu erschließt.

Über Lorenz Jägers Benjamin-Biografie


Wirtschaftswoche: «Dem Publizisten Lorenz Jäger gelingt eine Biografie von erlesener Klasse.»
Cicero: «Genau dieses Paradigmatische an Benjamins Werk aufzuzeigen, ist Lorenz Jäger meisterhaft gelungen.»
Süddeutsche Zeitung: «Lorenz Jäger erzählt das Leben des extremen Denkers und rezeptiven Genies Walter Benjamin mit großer Anteilnahme, jedoch ohne ihn zum Märtyrer zu verklären.»
Die Welt: «Eine ganz besondere, nämlich höchst scharfsinnige und zugleich völlig transparente Intellektualbiografie … Benjaminscher kann wohl keine Benjamin-Biografie sein.» 
NZZ: «Lorenz Jägers Darstellung beeindruckt durch ihre Intensität. Im Gesamtgefüge der Benjamin-Literatur ist diese Biografie so etwas wie der zentrale Raum eines vielstöckigen Hauses …»

«Die Aura des Irgendwie»


So ist Philipp Felschs Besprechung von Jägers Benjamin-Biografie in der Süddeutschen Zeitung überschrieben. Walter Benjamin hat es niemandem leicht gemacht, nicht seinen Kritikern und auch nicht seinen Freunden und Bewunderern. Bei der Begegnung mit Benjamin, notierte Siegfried Kracauer in einem Brief an Ernst Bloch, sei es, «als ob man sich an einer Straßenkreuzung träfe und dann nach verschiedenen Richtungen weiterginge». Am 15. Juli 1892 in Berlin-Charlottenburg als Sohn eines jüdischen Kunsthändlers geboren, wurde Benjamin 1919 über die Kunstkritik in der Romantik promoviert. Weil er 1925 in Frankfurt am Main mit seiner Habilitationsschrift über das barocke Trauerspiel an einer akademischen Karriere scheiterte, lebte er als freier Schriftsteller fast durchgehend in komplizierten materiellen Verhältnissen – was Benjamin nicht hinderte, zu einem der einflussreichsten Denker der Weimarer Jahre zu werden. 


Walter Benjamin, extremer Denker mit de «Aura des Irgendwie»: Im Schweizer Exil lernte er den Dadaismus kennen, im Pariser Exil den Surrealismus; er bewegte sich in utopisch-messianischen Zirkeln, sympathisierte auf den Spuren der lettischen Revolutionärin Asja Lacis mit dem Kommunismus Moskauer Prägung, ehe ihn der Stalin-Hitler-Pakt in tiefste Verzweiflung stürzte. Er schrieb Städteporträts und Rundfunkgeschichten für Kinder,  – und hinterließ sein «Passagen-Werk» als fragmentarisches Konvolut. 


Auf der Flucht vor dem Terror der Nationalsozialisten nahm sich der schwer herzkranke Walter Benjamin am 26. September 1940 an der französisch-spanischen Grenze das Leben. Dort, im katalanischen Portbou gestaltete der israelische Künstler Dani Karavan 1990/94 das Benjamin-Memorial Passagen, eine spektakuläre begehbare Landschaftsskulptur.


Ob «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit», «Einbahnstraße», «Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik», «Berliner Kindheit um Neunzehnhundert» oder «Das Passagen-Werk» (das ursprünglich als 50-Seiten-Essay konzipiert war, dann aber Benjamin für dreizehn Jahre in der Paris Nationalbibliothek festhielt – und doch unvollendet blieb): Um Walter Benjamins Werk hat sich eine «schier unüberschaubare akademische Ausdeutungsindustrie in Lohn und Brot gesetzt … Unvorstellbar, dass es heute zwischen jüdischem Messianismus und voluntaristischem Kommunismus, Theologie und Profanitätskunde, Jugendbewegung und Endzeitbitternis, Dichtung und Theorie, Geschlechts- und Geisterkunde noch irgendeinen Benjamin-Aspekt geben könnte, der nicht aus- und überdeutet schiene.» (Erhard Schütz, Die Welt)


«Ich habe drei verschiedene Frauen in meinem Leben kennengelernt und drei verschiedene Männer in mir», notierte Benjamin 1939. Eine dieser Frauen war die kommunistisch «elektrifizierende» lettische Theaterschauspielerin und Regisseurin Asja Lacis (1891–1979). Weshalb Walter Benjamin seinen 1928 im Ernst Rowohlt Verlag erschienenen Text der Lettin widmete, schildert Lorenz Jäger im Kapitel IX. Hier ein Ausschnitt:

Asja Lascis und die «Einbahnstraße»


«Wenn die Augen blitzen, dann reagieren sie auf eine Situation, auf etwas eigentümlich Aktuelles. Ein Blitz ist der Inbegriff des Plötzliche n und Schnellen. Und so steht es auch mit dem Glitzern – es handelt sich dabei um ein in Funken aufblitzendes Licht. Ein solcher Blick gehört nicht mehr zur metaphysischen Kontemplation, sondern zu einem Augenblick, der geistesgegenwärtig erfasst sein will. Und nirgendwo zeigte sich diese Seite von Benjamins Produktivität so wie in der «Einbahnstraße», die, wie das Trauerspielbuch, 1928 bei Rowohlt erschien.


Aber wie verschieden waren diese Werke schon typographisch! Altertümlich die Fraktur des Trauerspielbuchs, neusachlich (aber nicht mit einer verarmten Bauhaus-Schrift) die «Einbahnstraße». An Hofmannsthal schrieb Benjamin über das Buch: «Es stellt ein Heterogenes oder vielmehr Polares dar, aus dessen Spannung vielleicht gewisse Blitze zu grell, gewisse Entladungen zu polternd hervor gehen. (Nur der falsche Klang des Theaterdonners begegnet Ihnen, hoffentlich, nirgends darin.)»


Und er bittet Hofmannsthal «in allem Auffallenden der inneren und äußeren Gestaltung nicht einen Kompromiss mit der ‹Zeitströmung› sehen zu wollen. Gerade in seinen exzentrischen Elementen ist das Buch wenn nicht Trophäe so doch Dokument eines inneren Kampfes, von dem der Gegenstand sich in die Worte fassen ließe: Die Aktualität als den Revers des Ewigen in der Geschichte zu erfassen und von dieser verdeckten Seite der Medaille den Abdruck zu nehmen. Im übrigen ist das Buch in vielem Paris verpflichtet, der erste Versuch meiner Auseinandersetzung mit dieser Stadt. Ich setze ihn in einer zweiten Arbeit fort, die ‹Pariser Passagen› heißt.» Scholem gegenüber erläuterte Benjamin seine Absicht, ‹die äußerste Konkretheit› zu erfassen.


Dem Buch ist eine Widmung vorangestellt: ‹Diese Straße heißt / Asja-Lacis-Straße / nach der die sie / als Ingenieur / im Autor durchgebrochen hat». Benjamin hatte diese Frau 1924 auf Capri kennengelernt, nachdem Rang und Gutkind abgereist waren. Von ihr berichtet er in einem Brief: ‹Eine bolschewistische Lettin aus Riga, die am Theater spielt und Regie führt, eine Christin, ist am meisten bemerkenswert.› Scholem meldet er am 7. Juli 1924 über die Arbeit am immer noch nicht abgeschlossenen Trauerspielbuch, es hätten sich ihm neue Lebensperspektiven eröffnet, die ihm «unbedingt zum Besten einer vitalen Befreiung und einer intensiven Einsicht in die Aktualität eines radikalen Kommunismus» ausgeschlagen seien:


«Ich machte die Bekanntschaft einer russischen Revolutionärin, einer der hervorragendsten Frauen, die ich kennengelernt habe.»8 Wieder war es ein konkreter Mensch, der eine metaphysische Umwälzung in ihm auslöste – war Luise von Landau ihm das Muster eines adligen Menschen, so wird der Blitz, der ihn durch Asja Lacis erreicht, zugleich ein kommunistischer elektrischer Schlag. In einem Geschäft hatte er sie angesprochen. Ihr erster Eindruck von ihm war nicht unbedingt schmeichelhaft für einen Mann, immerhin wird das Blitzen der Augen auch von ihr bemerkt: 


«Brillengläser, die wie kleine Scheinwerfer Lichter werfen, dichtes, dunkles Haar, schmale Nase, ungeschickte Hände – die Pakete fielen ihm aus der Hand. Im Ganzen – ein solider Intellektueller, einer von den Wohlhabenden.» Beim ersten Rendezvous, als sie ihn bekocht, legt er ein Bekenntnis ab, das ihr gefallen musste: «Als wir die Spaghetti aßen, sagte er: ‹Ich beobachte Sie schon zwei Wochen – wie Sie in Ihren weißen Kleidern mit Daga, die so lange Beine hat, über die Piazza nicht gehen, sondern flattern.»


Von einer «vitalen Befreiung» hat Benjamin gesprochen – vielleicht auch deshalb, weil Asja Lacis die erste Frau seit langem war, die in sein Leben trat; seine Frau Dora und Jula Cohn kannte er noch aus der Studentenzeit. (…)»

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