20.01.2015   von rowohlt

Fils Kindheit und Jugend im Märkischen Viertel

Frischluft und Rambazamba: vom Großwerden in einem sogenannten Problemviertel

© Thorsten Wulff
© Thorsten Wulff

Wer im Märkischen Viertel aufgewachsen ist, der weiß, was Härte ist: Beton, Rockerbanden, piksige Sträucher. Und auf drei Seiten: die Berliner Mauer. Kindheit, schöne Kindheit! Fil hat das alles am eigenen Leib erlebt und dazu noch einiges mehr. Nun schreibt er in Pullern im Stehn über sich: als Kind in der Hochhaussiedlung. Als Erziehungsobjekt in einer raumschiffartigen Gesamtschule der Siebziger. Als Punk in feindlicher Umwelt. Als Ziel sozialpädagogischer Extremmaßnahmen. Und als Heranwachsender, der nicht weiß, wer ihm mehr Rätsel aufgibt; die Eltern, die Lehrer, die Mädchen oder er sich selbst.

«Beton, Werkstoff der Zukunft …»

Das Märkische Viertel im Norden Westberlins: erbaut 1963 bis 1968, Hochhäuser mitten im Schlamm («Sumpf ist Trumpf»), durchnummeriert nach einem Irrwitzsystem. Alles in fünf Grundfarben, damit sich die 70.000 dorthin katapultierten Bewohner nicht heillos verlaufen: Grau, Weiß, Gelb, Orange, Dunkelgrau. In drei Richtungen kesselte die Mauer das Viertel ein. Wer nach Kreuzberg will, benötigt mit Umsteigen zwei Stunden. Die U-Bahn soll 1974 fertig sein. Dann 1986. 1993 heißt es dann: gar keine U-Bahn, bätsch. «So blieben wir weitgehend unter uns und konnten unsere eigene Kultur entwickeln.»
Der Bezirksbürgermeister malt in seiner hyperventilierenden Eröffnungsrede berauschende Perspektiven in den Berliner Himmel: «Beton, Werkstoff der Zukunft. Unsere Neubauten – sie werden länger stehen als die Pyramiden.» Eine waghalsige Prognose, wie Fil und alle, die im MV aufwachsen, sehr schnell begreifen – sie, die Pioniere in einer neuen Welt.

«Ich mochte das Märkische Viertel …»

«Es war aufregend – die Kinder warfen ihre Katzen vom Balkon, um zu kucken, ob sie auf den Füßen landen würden. Die kleinen Geschwister der Kinder warfen ihre Meerschweinchen hinterher, um zu schauen, ob die Meerschweinchen Katzen waren. Manche Erwachsene sprangen gleich selbst runter. Vielleicht sind Menschen nicht gerne hoch oben. Es scheint einen Sog nach unten zu geben.»
Kurz und gut: das Märkische Viertel bietet Kids wie Fil nicht eben paradiesische Voraussetzungen, um möglichst unbeschadet und unbeschädigt ins Leben zu kommen. Wobei speziell er es nicht gerade leicht hatte. Beispiel: Fußball. «Fast alle Jungs aus meiner Klasse waren Stürmer, nur ich und ein stotternder Einpullerer mit sanftem Naturell mussten Verteidiger sein.» Eh egal, meint die resolute Mutter, «Sport ist nur was für Idioten.»
Beispiel: Mädchen. Philipp, also Fil, ist spät dran, was das andere Geschlecht angeht. Wo andere schon tatkräftig rummachen, muss er erst mühsam in Erfahrung bringen, was es mit dem ersten Samenerguss auf sich hat. Und dann ist da Heike Bujarski, «das schönste Mädchen unter der Sonne»; weil sie im Leichtathletikverein ist, folgt Fil ihr dorthin. Die Konsequenzen sind fatal: Sprungband, Kreuzband, Meniskus gerissen (beim Bockspringen!) Saucool, auf Krücken durchs MV! Tschüss Leichtathletik, tschüss Heike! Hatte seine Mutter nicht gewarnt: «Wieso gehst du auch nicht in den Schachverein?» 
Fils Rettung: Punk! «Endlich Punk. Es war der Hammer. Das war es also gewesen, wonach ich mein Leben lang gesucht hatte. Nun war ich angekommen.» Es stimmt schon: einfach nur hässlich aussehen reicht nicht, und doch ist der Einstieg in ein Punkerleben keine große Kunst: «Immer mehr wurden Punks. Meist nutzten sie dafür die Ferien. Am letzten Schultag waren sie noch stinknormal, und aus den Ferien kamen sie als fertige Punks, mit allem Lametta.»

Lieber labil als debil …

Fil ist ein komischer Punk, mit der rabiaten Musik und der Pogo-Klopperei auf der Tanzfläche hat er wenig am Hut – kein Wunder, wenn man zu Hause in einem Soundmix aus Beatles, Adamo und Jazz sozialisiert wird. (Und natürlich verrät er keinem, wie sehr er Sades Schmachtfetzen «Smooth Operator» liebt …). «Wir waren keine Punks. Wir waren das Ding, das nach Punk hätte kommen sollen, aber nie gekommen war. Totgeburten waren wir.»
Irgendwo zwischen voll cool und Volldepp – so geht das weiter im Leben des Jungen aus dem Märkischen Viertel. Es ist die Zeit, als eine Erektion die nächste jagt; als er beschließt, mit seinen überschaubaren Ersparnissen von zu Hause abzuhauen, um im Bayerischen Wald als Holzfäller naturnah über die Runden zu kommen und endlich «sein Mädchen» zu finden. (Irgendwie sind ihm Ökomädchen angenehmer als Punkerinnen: einer von vielen Nebenwidersprüchen im Leben des Jungpunks Fil …) Stattdessen fliegt er von der Schule, muss sich von einem Psychiater dumme Sachen anhören, darf zur Maltherapie und wird auf ein Resozialisierungsschiff gesteckt (Motto: den Teufel mit Beelzebub austreiben). Lange denkt Fil, er sei zu dünn für Sex: überall spitze Knochen, nichts Weiches. Und dann kommt Tanja, und das Leben beginnt … 
Pullern im Stehn nennt Fil seinen «Werther 2000», ein «egozentrisches Vergnügen», , sich einmal «total zum Löffel» zu machen. «Ich habe mir mal die Freiheit genommen, Eltern, Kumpane, Geliebte und Mitarbeiter in zweidimensionale Witzfiguren zu verwandeln» … ehe es jemand anders aus seinem Umfeld tut! Kurz: «Ich musste es tun – kuckt mal, jeder Hirbel schreibt heutzutage ein Buch. Keinbuchschreiben ist anscheinend voll Achtziger …»

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