23.04.2018   von rowohlt

Ferngesteuerte Morde

«Eine nervenzerfetzende, hochbrisante und aktuelle Geschichte. So muss ein moderner Krimi aussehen.» (WDR2, Krimitipp)

© Sandra Kreuzinger/Getty Images
© Sandra Kreuzinger/Getty Images

Eine Serie von grauenvollen Morden gibt den Hamburger Kriminalkommissaren Nina Salomon und Daniel Buchholz Rätsel auf: Während einer Herz-OP stürzt sich ein Arzt auf den Patienten und ersticht ihn mit einem Skalpell. Ein Mann wird am hellichten Tag vor Dutzenden von Zeugen mit einem Baseballschläger an den Landungsbrücken totgeschlagen, ein anderer in seiner Wohnung niedergemetzelt. Die Täter sind schnell gefasst. Nur – ihre Motive sind völlig unbegreiflich. Keiner von ihnen hat sein Opfer gekannt; das einzige, was sie verbindet, ist eine grenzenlose, unermessliche Wut auf das Opfer. Und dass sie nicht wussten, weshalb sie taten, was sie taten. Wurden alle Täter manipuliert? Aber von wem – und weshalb?

«Er wollte mich einfach zerstören, verstehen Sie das?»


Für die Spezialisten der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am UKE Hamburg ist es nicht mehr als ein Routineeingriff. Der Patient: Olaf Richter, 62 Jahre; Mitralinsuffizienz, Rekonstruktion der Herzklappe. Der Operateur: Dr. Hillbrecht, makelloser Ruf als Herzchirurg. Alles nimmt seinen gewohnten Lauf, bis Hillbrechts Kollege, der Chirurg Dr. Paul Bremer, überraschend den OP betritt. Der Mann wirkt wie weggetreten, als er ein Skalpell ins Herz des Patienten stößt. Olaf Richter ist sofort tot. Und Bremer starrt fassungslos auf das Mordwerkzeug in seiner Hand.


Dr. Bremer ist geständig – wie hätte es auch anders sein können? Alle anderen im OP waren Zeugen des unbegreiflichen Exzesses. Kaum weniger schockierend ist die bizarre Begründung, die der Arzt für seine Tat verantwortlich macht: Er habe den Mann, den er vorher nur einmal kurz gesehen habe, nicht gekannt. Und ihn trotzdem so gehasst wie nichts anderes auf der Welt. Auf einer Online-Plattform habe Richter vor Monaten eine hämische Kritik seiner Privatpraxis veröffentlicht und ihn danach regelrecht gestalkt. «Er wollte mich vernichten …»


Das Rätselraten um die Exzesstat wird immer größer, als sich herausstellt, dass die Verleumdungsmails gar nicht von Richter verschickt wurden, sondern von Dr. Bremers eigenem Rechner kamen. Fingierte Mails, vorgetäuschtes Cybermobbing – aber weshalb? Für die Boulevardmedien ist der Fall ein gefundenes Fressen. Erst recht, als wenige Tage später der Makler Martin Rauch in seiner Wohnung gefunden wird. 24 Messerstiche, davon potentiell fünf tödlich: ein Massaker. Und das gleiche Muster wie beim Mord im UKE: Auch hier ist der Täter rasch gefasst. Erwin Wegscheidt, 41 Jahre alt, vorbestraft wegen Körperverletzung. 


«Der Druck war so groß, und mit jedem Stich hat er nachgelassen. Deshalb konnte ich nicht aufhören, ich konnte einfach nicht. Bis ich mich dann ganz leicht gefühlt habe, und frei.» Rauch habe ihn vernichten wollen, gibt der Täter zu Protokoll. Und das Motiv? «Keine Ahnung. Vor dieser einen Nacht bin ich ihm nie begegnet.» Noch ein ferngesteuerter Zombie, der von einem perfiden Manipulator zu seiner schrecklichen Hasstat aufgehetzt wird? Aber wo ist das Motiv hinter den Gewalttaten? «Jeder könnte das nächste Opfer sein und jeder der nächste Täter (…)»  


«Zudem sind die Täter ebenso bunt zusammengewürfelt wie die Opfer: Ein Chirurg, ein Arbeitsloser Maschinenschlosser und ein Lagerarbeiter töten einen Rentner, einen Immobilienmakler und einen Rechtsreferendar. (…) Vielleicht geht es dem Drahtzieher, falls es ihn wirklich gibt, gar nicht um die Opfer – sondern um die Täter? Vielleicht sind sie es, die er aus dem Verkehr ziehen möchte. Aber um diesen Preis?»  

Was sind schon Dienstvorschriften?


Die Morde lassen nur einen Schluss zu: Es gibt jemanden, der in der Lage ist, andere so mit Hass und blinder Wut zu infizieren, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Affekte zu steuern. Die beiden Ermittler vom LKA Hamburg müssen weit zurückgehen, bis sie endlich wissen, welches tragische Ereignis die verwirrende Mordserie ausgelöst hat. Dabei gerät Nina Salomon in Lebensgefahr, mal wieder …


Ursula Poznanskis und Arno Strobels Thriller ist teuflisch gut durchdacht. Üblicherweise gilt ein Fall als geklärt, wenn der Täter feststeht, der Mörder gefunden und überführt ist. Ganz anders in «Invisible». Hier wird nicht nur vor Zeugen gemordet, die Täter entledigen sich nicht einmal der Tatwaffen und tragen das Geständnis auf den Lippen. Wie ist es möglich, Menschen derart präzise zu manipulieren, dass sie Morde für jemanden anderen begehen? Aus Unbeteiligten Täter zu machen, die weder das Opfer noch den «Auftraggeber» kennen? Das – in ein kompliziertes Geflecht von Schuld, Hass und Rache eingesponnen – ist der brillante Kniff dieses Thrillers, der mit dem Horror der diffusen, «unsichtbaren» Bedrohung spielt.


Weibliche Perspektive, männliche Perspektive: Im Wechsel erzählen (wie schon im Poznanski/Strobels Vorgängerroman «Anonym») die beiden LKA-Ermittler, die als Typen unterschiedlicher kaum sein könnten. Nina ist bekannt für ihren Eigensinn, sie ist ungeduldig, laut und konfrontativ – ihre draufgängerischen Alleingänge bringen ihre Vorgesetzten und Kollegen immer wieder in Rage bringt. Aber sie ist eine erstklassige Polizistin, clever, cool und mutig. In seiner ruhigen, akkuraten Arbeitsweise ist Hauptkommissar Daniel Buchholz dagegen der exakt Gegenentwurf zu seiner forschen Kollegin: penibel gekleidet, besonnen, hyperkorrekt. 


Dass Daniel aber selber kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht, liegt an seiner prekären Beziehung zu Isabel, mit der seit wenigen Wochen zusammen ist. Als sie ihn mit der Nachricht überrascht, schwanger zu sein. gerät sein sorgsam austarierter Lebensplan ins Wanken. Bis etwas geschieht, was ihn fassungslos zurücklässt …

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