13.08.2018   von rowohlt

Amerikas Außenpolitik dankt ab

«Schieß zuerst, stell niemals Fragen»: Ronan Farrow über das Ende der Diplomatie und die wachsende Kriegsgefahr

© Louisiana Research Coillection
© Louisiana Research Coillection

Die Außenpolitik klassischen Typs, zivile Kanäle zum Zwecke von Friedenspolitik aufzubauen und zu pflegen, steht in den USA vor dem Ende. Weil die westliche Führungsmacht immer mehr zivile Optionen verspielt, bleibt am Ende nur die militärische. Pulitzerpreisträger Ronan Farrow weiß, wovon er spricht: Er war als Diplomat und Sonderberater sowohl in Washington als auch in Afghanistan und dem Nahen Osten tätig. Farrow enthüllt eine Wende in der US-Außenpolitik nach dem 11. September 2001, die bisher in ihren gefährlichen Konsequenzen kaum verstanden worden ist. Von den Kriegen in Afghanistan und im Irak über die Krisengebiete Somalia, Syrien und Ägypten bis hin zum Drogenkrieg in Kolumbien zeichnet Ronan Farrow die desaströsen Folgen einer Politik nach, die fast nur noch Militärs und Militärberatern die Entscheidung überlässt, mit welchen Kräften vor Ort paktiert wird – langfristige strategische Allianzen, das Erfolgsmuster hinter großen diplomatischen Durchbrüchen (siehe Camp David 1979 oder Dayton 1995), haben so keine Chance mehr. Ein beängstigender Befund – die Kriegsgefahr wächst, wenn die USA sich weiterhin mit dieser Haltung in Krisen und Konflikte einmischen.

Ian Bremmer, Editor-at-Large, TIME: «Dieses Buch muss man lesen!»
Alexander Cammann, Die Zeit: «Passagenweise liest sich das wie ein packender Thriller, doch Ronan Farrow treibt eine analytische Mission: die Erzählung vom Niedergang der amerikanischen Diplomatie und ihrer einst so stolzen Tradition.»
The Guardian: «Eine fesselnde Mischung aus politischer Analyse und persönlichem Bericht.»
Washington Post: «Farrow ist ein geborener Erzähler.»


Ronan Farrow, 1987 als Sohn von Mia Farrow und Woody Allen geboren, verließ die Schule mit elf Jahren; mit fünfzehn schloss er das Studium am Bard College ab, in einem Alter, in dem andere Teenager noch nicht einmal damit begonnen haben. Danach studierte er in Yale an der renommierten Law School; mehrere Jahre war er ehrenamtlich für die Kinderschutzorganisation Unicef tätig. Unter dem legendären US-Diplomaten Richard Holbrooke arbeitete Farrow in Afghanistan, bevor er während der ersten Obama-Regierung im US-Außenministerium unter anderem als Berater für Hillary Clinton aktiv war. Derzeit promoviert der Jurist als Rhodes Scholar an der Oxford University. Ronan Farrow, schreibt DER SPIEGEL, «ist zurzeit so gefragt (und von manchen gefürchtet) wie wenige Journalisten der USA. Seine ausführlichen und monatelang recherchierten Geschichten im ‹New Yorker› über die Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfe gegen Harvey Weinstein haben maßgeblich zum Sturz des Filmproduzenten beigetragen – und zum Siegeszug der #MeToo-Bewegung.» Seine akribischen Weinstein-Recherchen brachten Farrow 2018 den Pulitzerpreis in der Kategorie «Dienst an der Öffentlichkeit» ein.


Am Ende seines Buches, für das er alle noch lebenden amerikanischen Außenminister (von Henry Kissinger und Madeleine Albright bis Condoleeza Rice, Hillary Clinton und John Kerry) interviewt hat, erzählt Ronan Farrow eine Episode vom Abschied des Top-Diplomaten Tom Countryman, der im Januar 2017 sein Büro im State Department räumen musste – das Ende einer 35-jährigen Dienstzeit. Er war, neben Unterstaatssekretär Patrick Kennedy, eines der prominentesten Opfer einer rabiaten, konfrontativen Politik, die der Essenz der amerikanischen Diplomatie zuwiderlief. Das «Akzeptieren von Kompromissen und Unvollkommenheiten von Verträgen in dem Bewusstsein, dass diese Kriege verhindern und Leben retten konnten» steht in der Ära Donald Trump nicht gerade hoch im Kurs; viele aus der Gefolgschaft des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten setzen Diplomatie bekanntlich mit Landesverrat gleich. Wir zitieren einige Passagen aus dem Epilog von Ronan Farrows beeindruckender Studie:

Diplomatie statt Konfrontation


«Tom Countryman hatte tagelang darüber nachgedacht,
welche Botschaft, welche Lehre, welche wertvolle Erkenntnis er hinterlassen konnte. Er sei nicht verärgert, sagte er nun den bedrängten Diplomaten. Vermutlich sei er sogar ‹die am wenigsten verärgerte Person im Raum›. Dann berichtete er von einer Laufbahn, in der er Welt- und Diplomatiegeschichte aus erster Hand erfahren hatte. Er sprach von den ‹legendären Botschaftern› und den aufgeweckten jungen Beamten, die seiner Ansicht nach immer noch aus den Rängen des Foreign Service aufstiegen.


Doch er hatte auch eine Warnung vorzubringen. ‹Eine Außenpolitik ohne Berufsdiplomaten›, sagte er, ‹ist per definitionem eine amateurhafte Außenpolitik.› Sie sollten auf dem Posten bleiben, mahnte er die versammelten Diplomaten, selbst wenn, wie er einräumte, ihr Beruf nicht mehr in die Zeit zu passen scheine. ‹Unsere Arbeit wird von unseren amerikanischen Landsleuten kaum noch verstanden, eine Tatsache, aus der manchmal politisches Kapital geschlagen wird.› Nur sie als Diplomaten könnten gegen einen zunehmend geschäftsmäßigen und militärischen Umgang mit der Welt als Bollwerk dienen. ‹Unsere Konsulatsbeamten sind die erste von vielen Verteidigungslinien gegen Menschen, die mit bösen Absichten in die USA kämen. Die Familien der amerikanischen Helden – unserer Soldaten – sollen wissen, dass ihre Lieben nicht nur deshalb in Gefahr gebracht werden, weil versäumt wurde, nach nichtmilitärischen Lösungen zu suchen … Wenn unser Umgang mit anderen Ländern nur noch ein Geschäft ist statt einer Partnerschaft mit Verbündeten und Freunden, werden wir auch dieses Spiel verlieren. China hat die rein geschäftsmäßige Diplomatie praktisch erfunden, und wenn wir sein Spiel spielen, wird es das Spiel dominieren.›


Dies entsprach genau den Befürchtungen der verbliebenen Diplomaten, die sich noch an eine Zeit erinnerten, als die Kunst des Redens und Zuhörens noch etwas galt und das State Department ein unentbehrliches Instrument amerikanischer Macht war. ‹Im Grunde rüsten wir einseitig ab›, sagte Wendy Sherman nachdenklich. ‹Wer die Diplomatie nicht als Instrument nutzt, untergräbt die eigene Macht. Warum tun wir das?› Sie seufzte. ‹Warum wir uns dieses Instruments berauben, ist mir unbegreiflich, und warum wir eine militärisch dominierte Politik treiben, ist mir unbegreiflich.›


‹Ein regelrechter Korrosionsprozess hat das Gefühl für die amerikanische Führung in der Welt erfasst und nicht weniger die Institutionen, die diese Führung ermöglichen›, sagte Bill Burns. ‹Auf diese Art produziert man Verhältnisse, die dazu führen, dass man fünfzehn Jahre später aufwacht und sagt: ‹Wo sind die ganzen Beamten aus dem Foreign Service, die jetzt eigentlich bald Botschafter werden sollten?›, und sie werden nicht da sein.› Er erinnerte sich lebhaft an die ‹Umkehrung des Gewichts› von Diplomatie und Militär in der Zeit vor dem Irakkrieg. Und nun, da die wenigen neuen diplomatischen Errungenschaften unter der Regierung Trump wie Dominosteine fielen, konnte er gar nicht anders, als die Parallelen zu sehen. ‹Diplomatie sollte in der internationalen Politik wirklich das erste Mittel sein. Manchmal erreicht sie mit viel weniger Kosten an Geld und amerikanischen Menschenleben weit mehr als ein Militäreinsatz›, sagte er. Es werde nicht immer leicht sein, den Trend zur militärisch bestimmten Politik umzukehren, räumte er ein, war aber dennoch überzeugt, dass es immer einen Weg zurück gebe. Er glaubte immer noch an die überragenden Fähigkeiten jener Amerikaner, die sich zu der unspektakulären, aber notwendigen Arbeit im diplomatischen Dienst hingezogen fühlten.


Dies erinnerte mich an etwas, das Richard Holbrooke in einer Zeit, als das State Department die brutalen Budgetkürzungen der Clinton-Ära durchstehen musste, in der Einleitung zu seinem Buch To End a War (Meine Mission), jener großartigen Geschichte Bosniens und natürlich seiner selbst, schrieb: ‹Heute hat der Staatsdienst einen großen Teil der Aura verloren, den er noch in den Tagen besaß, als John F. Kennedy uns Amerikaner fragte, was wir für unser Land tun könnten. Dieser Satz hatte damals, bevor er zu einem Klischee verkam, eine geradezu elektrisierende Wirkung … In den besten Augenblicken können sie [die im Staatsdienst tätigen Männer und Frauen] tatsächlich etwas bewegen. Wenn dieses Buch dazu beiträgt, einige junge Menschen zum Eintritt in die Regierung oder in andere Einrichtungen des Staates zu bewegen, dann hat es eines seiner Ziele erreicht.› (…)


Solange die Menschen an den Sinn eines zivilen öffentlichen Dienstes glaubten, würden die Institutionen Burns Ansicht nach überleben. ‹Der Foreign Service hat schon oft extrem heftige Prügel bezogen›, stellte er fest, wobei er sich zum ersten Mal nicht diplomatisch anhörte. Doch er habe immer überlebt. Dieses Mal jedoch, darin war er sich mit fast allen seinen Kollegen einig, musste er überleben. ‹In einer Welt, in der die Macht diffuser ist … in der so viel im Fluss ist, wird die Diplomatie tatsächlich viel wichtiger und viel relevanter, als sie je zuvor gewesen ist, ganz im Gegensatz zu der modischen Vorstellung, dass man, wenn man nur genug Informationstechnik hat, ‹keine Botschaften mehr braucht›».

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