10.03.2017   von rowohlt

Extreme Lust, extremer Schmerz, extremer Hass

«Schatten» – der vierte Fall für die Salzburger Ermittler Beatrice Kaspary und Florin Wenninger

© Gaby Gerster; Image Source/Getty Images
© Gaby Gerster; Image Source/Getty Images

Der Mann ist schon mehrere Tage tot, als man seine grausam zugerichtete Leiche findet. Für Beatrice Kaspary, Ermittlerin im Dezernat Leib und Leben der Polizei Salzburg, ist es kein Fall wie jeder andere. Sie kannte das Opfer – genau wie die Hebamme, die wenige Tage später aus einem Bach geborgen wird. Beatrice ist das Bindeglied zwischen den beiden Mordopfern – dem Täter geht es um sie, ausschließlich um sie. Aber weshalb? Brillant konstruiert, packend, dramatisch bis zum Schluss – Ursula Poznanskis neuer Thriller «Schatten».


«Sie schreibt Krimis, nach denen ich süchtig werden kann.» (Angela Wittmann, Brigitte)

«Niemals war das ein Zufall, niemals …»


Der Gestank aus der Wohnung hatte erst die Nachbarn und dann die Polizei alarmiert. Dem an einen Stuhl gefesselten Mann war die Kehle mit einem einzigen tiefen Schnitt durchtrennt worden: routiniert, mit chirurgischer Präzision. Nein, Markus Wallner war kein angenehmer Zeitgenosse; Nachbarn beschreiben ihn als verwahrlosten Trinker und brutalen Schläger. Seine Neigung zu jäher Gewalt hatte Beatrice vor dreizehn Jahren am eigenen Leib erfahren. Damals, sie war im dritten Monat mit Mina schwanger, war er bei einer Personenkontrolle in einer Weise über sie hergefallen, dass sie sich unfassbar beschmutzt und gedemütigt gefühlt hatte. 


Als Beatrice vor Wallners Leiche steht, spürt sie in sich keinen Funken Mitleid. Als ihr Blick im müllübersäten Schlafzimmer auf eine Zeitung fällt, packt sie das Entsetzen. Auf dem Titelblatt ein Foto, das sie selbst vor langer, langer Zeit geschossen hatte. Ein Foto, das alte Wunden wieder aufreißt: «Evelyn. Ihre wilde, rothaarige Freundin, die nach einer fröhlichen Partynacht von einem Unbekannten ermordet worden war. Nicht einfach nur getötet. Zerfleischt. Beatrice war es gewesen, die die Leiche gefunden hatte, an einem sonnigen Morgen im Mai. Danach war ihr Leben nie wieder so gewesen wie zuvor.» 


Kann es ein Zufall sein, dass genau diese vor sechzehn Jahren erschienene Ausgabe der Zeitung in der Wohnung des Toten liegt? Außerdem eine CD mit der Musik von Evelyns Begräbnis – und eine schwarze Haarspange, die Beatrice gehört hatte, als sie in Wien studierte? Zu viele Zufälle sind keine Zufälle, heißt es. Beatrice Kaspary weiß: Das hier hat mit ihr zu tun, mit dem schlimmsten Trauma ihres Lebens.


Ihre düsteren Ahnungen bestätigen sich, als in einem Bach in der Nähe von Salzburg eine weitere Leiche gefunden wird, mit Fesselspuren an den Handgelenken und Hämatomen an Schulter und Armen. Auch Andrea Martinek ist einen gewaltsamen Tod gestorben. Beatrice ist sofort bewusst, woher sie die Tote kennt: Sie war die Hebamme in dem Geburtsvorbereitungskurs, den sie und ihr Mann Achim besucht hatten: belehrend, selbstgefällig, mit schneidender Stimme ihre Kommandos gebend – von dieser Frau hatte Beatrice nicht entbunden werden wollen. Es stimmte – Beatrice empfand eine tiefe Abneigung gegen Wallner und Martinek. Aber das war doch kein Grund für ihren Tod – was hatte das mit ihr zu tun?

«Ich habe beide Opfer gekannt und beide nicht gemocht»


Dass beide Mordfälle von ein und demselben Täter begangen wurden, liegt für Beatrice und ihren Freund und Kollegen Florin Wenninger auf der Hand. Der Täter gefällt sich darin, den Polizisten auf ihn deutende Spuren frei Haus zu liefern, nach dem Motto: «Schaut her, ich war's wieder». So nimmt er aus Wallners Wohnung eine Fotografie mit, die dann bei der toten Hebamme gefunden wurden. Erste Konturen eines Täterbildes zeichnen sich ab; aber ausgerechnet jetzt ist der erfahrenste Profiler der Salzburger Polizei nicht verfügbar.


Dass ausgerechnet Dr. Vasinski ihrem Ermittlerteam zugewiesen wurde, ist für Beatrice Kaspary eine Zumutung. Weder kann er eine Polizeiausbildung vorweisen, noch hat er je als Profiler gearbeitet. Trotz aller Vorbehalte verhält sich der Psychiater vom Klinikum Salzburg Nord ihr gegenüber überraschend zurückhaltend und kooperativ. Und das, obwohl sie ihn in einem früheren Fall verdächtigt hatte, die Morde in der Traumaklinik begangen zu haben – ein Irrtum, wie sich herausstellte. Im wichtigsten Punkt zumindest stimmt Dr. Vasinski mit Beatrice und Florin überein: dass der nach sechzehn Jahren noch immer unaufgeklärte Mord an Evelyn Rieger der Dreh- und Angelpunkt für die Aufklärung der aktuellen Fälle ist.


Gesucht wird: ein Mann, dessen Lebenselixier die nackte, physische Gewalt ist. Ein Psychopath mit hoch entwickelter Intelligenz, der es liebt, Menschen Schmerzen zuzufügen, sie über die Grenzen des physisch und emotional Aushaltbaren zu treiben. Ein Sadist, der die animalische Panik in den Augen seiner Opfer genießt: «Nichts ist so berauschend wie das Gefühl, jemanden zu besitzen. Vollkommene Macht über ihn zu haben, über Körper und Seele – oder eben das, was man im landläufigen Sinn unter Seele versteht. Die Gedanken. Die Wünsche. Die Ängste. Ich besitze den Körper dieser Frau. Nicht im sexuellen Sinn, das ist mir bei ihr nicht wichtig. Nein, ich besitze ihn wie einen Gegenstand, mit dem ich tun und lassen kann, was ich möchte. Ihn erhalten oder zerstören. Ihn bedecken oder entblößen. Ihn verformen. Teile davon entfernen.»


Der neue Fall raubt Beatrice den Schlaf – als hätte sie nicht schon genug andere Probleme. Ihr Ex-Mann Achim, der Vater von Mina und Jakob, terrorisiert sie nach der Scheidung mit unverminderter Heftigkeit. Pflegte er sie früher mit seinen Anrufen mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen, ruft er nun morgens gegen sechs Uhr an, um sie wegen Nichtigkeiten zu beschimpfen. Vor allem Mina, die Ältere, leidet unter dem Nach-Ehe-Krieg der Eltern. Auch wenn sie an Beatrice hängt: sie hasst es, dass der «Polizeikram» ihrer Mutter oft wichtiger zu sein scheint als sie, ein Mädchen mitten in der Pubertät, mit ihren Sorgen und Nöten. Alles wäre einfacher, hätte Beatrice den Kindern von sich und Florin erzählt, von ihrer neuen Liebe. Aber die Vorstellung, ihrem cholerischen Ex frische Munition im Kinderversorgungskrieg zu liefern, ist der pure Horror für sie.

Der Tod als letztes Geschenk


Die einzigen Spuren, an denen sich Beatrice und ihr Team orientieren können, sind die bei den Toten gezielt abgelegten «Hinweise» des Mörders – und Evelyns Tagebuch. Dieses Satz für Satz und Seite für Seite zu lesen, ist schwere Kost für Beatrice. Weil ihre Freundin nicht immer freundlich über «Hase» (so ihr Spitzname in der Clique) geschrieben hat. Und weil es keinen Tag gibt, an dem die Erinnerung an die traumatische Ereignisse von damals nicht wieder hochkommt. 


Irgendwann glaubt Beatrice zu wissen, auf wessen Konto die Morde gehen: ein Mann, der in Evelyns Aufzeichnungen unter dem Namen Jago – oder Prince of Darkness – firmiert. «Es sind die Extreme, sagt Jago, die ihn im Leben interessieren. Extreme Lust, extremer Schmerz. Die Kombination aus beiden. Extreme Angst, fügt er dann nach kurzer Pause hinzu. Extremer Hass. Extremes Begehren, bis hin zur Besessenheit.»


Keiner aus der alten Clique scheint Jago je kennengelernt zu haben, keiner außer Evelyn. Während die Ermittler weiter im Dunkeln tappen, schlägt der Mörder ein drittes Mal zu. Die Zeitabstände zwischen den Morden werden immer kürzer. Beatrice, geschockt und schuldbewusst, macht sich auf den Weg zum dritten Tatort, dem Aigener Friedhof in Salzburg. Aber dort kommt sie nicht an, auch nach Stunden gibt es noch immer kein Lebenszeichen von ihr …  

Top