04.07.2016   von rowohlt

«Es war toll, es war klasse – es war ein Albtraum»

Rowohlts top-top-top-aktuelles Frage-Antwort-Spiel zur Fußball-EM 2016: lustig, erhellend und fast ein bisschen literarisch (Clint Eastwood! Gudmundur Benediktsson! Harald Schmidt!)

© iStockphoto.com
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Thorsten Legat hat's einfach drauf. Das Verdichten komplexer Zusammenhänge in schlanken Lines, die die Edelfedern von Jung von Matt nicht besser texten könnten. Dieses Viertelfinale zwischen Italien und Deutschland – und dann dieses Elfmeterschießen! Gehalten, Pfosten, drüber. Egal, Schlamm drüber: jetzt wartet Frankreich im Halbfinale. So viel Glück war den Engländern nicht gegeben: nach dem Brexit der EMxit. Aus, aus, das Spiel ist aus – das  kann auch den toughsten Briten fertigmachen. Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch der Spott dazu (und zwar from all over Europe). Die Times tobte:  Die schlimmste Niederlage seit Menschengedenken, zugefügt von einem Land, das mehr Vulkane als Fußballer besitzt – und von einem Zahnarzt trainiert wird. Elender Skandal!


STEILPASS meint: So viel Fußballspaß wie mit den Is- und Irländern hatten wir lange nicht mehr. Und fordert deshalb: Direktqualifikation von Island, Irland (Süd und Nord), Grönland, Guernsey, Liechtenstein und den Färöer-Inseln für die nächste EM. (Und wenn alles gutgeht, auch mit Helgoland.) Außerdem fordern wir: Wildcard für Griechenland (statt Grexit) und die Niederlande («Hup, Holland, hup!»). Denn wenn was in Frankreich gefehlt hat, dann waren es – um Dieter Kürten zu zitieren – pickepackevolle Innenstädte, die schwarz waren vor Menschen in Orange.


Bei Gelegenheit möchten wir übrigens dem passionierten Bodenseeschwimmer Martin Walser die Frage stellen, wie ernst es ihm damals mit der Behauptung war, es gebe nur eine Sache, die noch blöder sei als Fußball: nämlich das Reden über Fußball. Wir fürchten: todernst war es ihm damit. Und wären nicht die bärenstarken, bärtigen Hand- und Fußballer von Knattspyrnusamband, dem Fußballverband Island gewesen, man müsste ihm glatt beipflichten. So heißt es: Noch drei Spiele, dann beginnt auch für uns die Fußballsommerpause.


Heute: Teil 4. Mit dabei u.a.: Aron Gunnarsson («Uuh! Uuh! Uuh!»), Gudmundur Benediktsson, Sir Bobby Charlton, Helmut Qualtinger, Paul Breitner, Marcel Reif, Hildegard Knef, Gary Lineker, Horst Hrubesch u.v.a.

«Übergangslösungen sind Untergangslösungen»

Steilpass: Die englische Presse ist in bekannt martialischer Manier über ihre «EM-Versager» hergefallen. «Es gibt drei Dinge, denen man sich im Leben sicher sein kann: Tod, Steuern und mittelmäßige Auftritte Englands bei großen Turnieren», schreibt der Daily Mirror. Wird das EM-Aus nach dem Brexit-Schock medial nicht arg hochsterilisiert, pardon: hochkristallisiert? England als ehemalige Kolonialmacht ist  ja nicht gerade unerfahren mit Begräbnissen erster, zweiter oder dritter Klasse …
Dorothy Sayers: Das schönste Begräbnis taugt nichts, wenn man die Leiche ist. 


Steilpass: Sir Bobby Charlton, als englischer Alt-Internationaler und Weltmeister von 1966 muss es Ihnen in der Seele wehtun, dass die Three Lions ausgerechnet gegen einen winzigen Parvenü wie Island die Segel streichen mussten. Wie hätte sich Ihr Team von 1966 gegen Island geschlagen?
Bobby Charlton: Wir hätten 1:0 gewonnen.
Steilpass: Wie bitte – nur 1:0? 
Bobby Charlton: Die meisten von uns sind mittlerweile über 70.


Steilpass: Pardon, stimmt ja. Letzte Frage zu Englands EM-Auftritt. War ein von moderner Taktik und komplexen Spielsystemen unbeleckter Trainer wie Englands Roy Hodgson nicht von vornherein eine Fehlbesetzung?
Helmut Qualtinger: Übergangslösungen sind Untergangslösungen.
Thomas Ramge: Wir sind doch alle in unseren Beruf hineingescheitert …
René Rydlewitz: Wenn man was im Kopf hätte, wäre man schließlich kein Fußballer geworden.
George Bernard Shaw: Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute. Seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.


Steilpass: Der Europameister der Herzen: Island, eine Mannschaft aus lauter -ssons und -dóttirs. Spätestens nach den ekstatischen Schreien des TV-Kultreporters Gudmundur Benediktsson (Spitzname «Gummi Ben») und der isländischen Version des Haka-Kriegstanzes der neuseeländischen Rugbyspieler (von Dr. Ulrich Wittmaack, Experte für Nordisches Kommunikationsdesign, als «Is-Haka» identifiziert) wissen wir, was Begeisterung, was Leidenschaft ist. Fragen wir doch mal den 35-fachen Nationalspieler Marko Rehmer: Deutsche Gefühlsäußerungen bei Sieg oder Niederlage nahmen sich früher arg zurückhaltend aus, oder?
Markus Rehmer:  Wir sind hierher gefahren und haben gesagt: Okay, wenn wir verlieren, fahren wir wieder nach Hause.

«Ich habe nie an unserer Chancenlosigkeit gezweifelt»

Steilpass: Was haben Sie gedacht, als es im Viertelfinale gegen Italien nach 70, 80 Minuten immer noch 1:1 stand?
Aleksandar Ristic: Wenn man ein 0:2 kassiert, dann ist ein 1:1 nicht mehr möglich.
Steilpass: Jaja, Herr Ristic, schon klar. Das 0:2 ist aber bekanntlich nicht gefallen …
Marcel Reif: Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt. 
Richard Golz: Ich habe nie an unserer Chancenlosigkeit gezweifelt.
Martin Driller: Fußball ist wie eine Frikadelle. Man weiß nie, was drin ist.
Thorsten Legat: Jetzt spielt die Raffinesse eine besondere Antwort.


Steilpass: Und dann dieses unglaubliche Elfmeterschießen! Lieber Herr Breitner, Sie sind ja nicht ganz unerfahren in Sachen Dramatik nach 120 Minuten. Wie war das damals bei Ihnen?
Paul Breitner: Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief's ganz flüssig.
Toni Polster: Für mich gibt es nur entweder-oder. Oder voll und ganz. 
Juri Sawitschew: Elfmeterschießen, das ist irgendwie mit Frauen und Autos. Reine Glückssache!


Steilpass: Schon klar. Manchmal glaubt man gendertechnisch noch in der Vorkriegszeit zu leben, als Frauenfußball noch nicht erfunden war. Noch immer darf  eine Top-Schiedsrichterin wie Bibiana Steinhaus keine  Bundesligaspiele leiten, und mit Claudia Neumann vom ZDF gibt es nur eine einzige Frau als Reporterin eines EM-Spiels. Finden Sie das in Ordnung? 
Mario Basler: Ich bin ehrlich: Fußball ist nichts für Frauen. Wenn Mädels auf dem Rasen rumtoben wollen, sollen sie ein Netz aufstellen und Tennis spielen. Ist doch wahr, Clint, oder?
Clint Eastwood: Wenn eine Frau nicht spricht, soll man sie auf keinen Fall unterbrechen.


Steilpass: Nettes Bonmot, Mr. Eastwood, aber voll macho – ab in die Bäh-Ecke. Möchte sich irgendwer zu dem Old-school-Gequatsche der Herren äußern?
Maren Kroymann: Frauen und Männer sind grundsätzlich verschieden – vor allem die Männer.
Hildegard Knef: Ich habe ein einfaches Rezept, um fit zu bleiben: Ich laufe Amok.


Steilpass: Lieber Cristiano Ronaldo, Glückwunsch zum Einzug ins EM-Halbfinale. Falls Sie noch kein Mantra oder Lebensmotto haben – das hier von Mark Twain würde sich als Rücken-Tattoo doch gut machen: «Alles, was man im Leben braucht, sind Ignoranz und Selbstbewusstsein.
Cristiano Ronaldo: ………………. (Unverständliches Gebrummel des Superstars aus Funchal, Madeira. Ein wenig klingt es wie «Das ist gut, könnte glatt von mir sein». Vielleicht hat CR7 aber auch «Ich muss mir endlich Gedanken über meinen Scheiß-John-Wayne-Anlauf bei Freistößen machen» gemurmelt. )


Steilpass:  Kleinen Moment bitte, ein Anruf … Danke für den Rückruf, Herr Lagerfeld, wir fühlen uns ausgesprochen geehrt. Was uns interessiert: Sehen Sie irgendwelche modischen Accessoires von Belang bei der EM, vielleicht abgesehen von den grauen Schlabbertrainingshosen von Ungarns Torwartfossil Gabor Kiraly? 
Karl Lagerfeld: Ich ziehe niemals Jogginghosen an. Die Dinger sind gefährlich.


Steilpass: Zweifellos sind sie das. Kingsley Coman, Emre Mor, Marcus Rashford, Brem Embolo (gerade von Schalke für 20 Mio. Euro vom FC Basel geholt), Renato Sanchez ...  Verdirbt das irrsinnige Geld, was europäische Top-Vereine hinlegen, nicht den Charakter dieser Jungspunde? 
Peter Falk: Geld allein macht nicht unglücklich.
Arnold Schwarzenegger: Geld ist nicht so wichtig. Darum ist mir völlig egal, ob ich 70 oder 50 Millionen Dollar besitze.
Harald Schmidt: Muss denn Reichtum immer Geld sein? Ist es nicht viel eher das Licht der Sonne, das sich in der polierten Haube eines Ferrari spiegelt?

«Will Grigg's on fire, your defence is terrified …»

Steilpass: Apropos Kohle. Die Honorare von den Co-Moderatoren Mehmet Scholl (ARD, mit Matthias Opdenhövel) und Oliver Kahn (ZDF, mit Oliver Welke) sind zu einem kleinen, feinen Nebenthema dieser vier Wochen Dauerfußball geworden, Stichwort «Neiddebatte». Mich nervt, ehrlich gesagt, mehr noch als Meister Mehmet mit seinen gelegentlichen Ausfällen King Kahn mit seiner selbstgefällig-staatssekretärhaften Attitüde … 
Guido Cantz: Uli Hoeneß war schon immer ein Steuerfuchs. Der hat schon in den neunziger Jahren versucht, Olli Kahn als Nutztier abzusetzen. 
Oliver Kahn: Das einzige Tier bei uns zu Hause bin ich.
Oliver Kalkofe: Wäre das deutsche Fernsehen ein Pferd, man hätte es längst erschossen.


Steilpass: Anderes Thema. Häme ist nach dem EM-Aus von Teams wie Spanien nicht angebracht. Welchen Rat würden Sie als einer der fünf Weltweisen den Gescheiterten geben? 
Konfuzius: Setz dich an den Fluss und warte darauf, dass die Leichen deiner Feinde vorüberschwimmen. 


Steilpass: Das klingt arg rabiat. Aber wenn Sie meinen … Zurück zum Sport. Gibt es überhaupt irgendjemanden, der das auf dem Zettel gehabt hat: Belgien, England, Spanien raus, dafür Island im Viertelfinale und Wales im Halbfinale? Wie heißt es so schön? Was heute nicht richtig ist, kann morgen schon falsch sein … 
Dieter Nuhr: Statistisch betrachtet besteht das Leben zu 98 Prozent aus Unsicherheit. Der Rest ist Stoffwechsel.
Adi Preißler: Grau ist alle Theorie, wichtig ist auf 'm Platz.
Adam Säbelzahn: Ich hab keine Ahnung, was du meinst. Aber ich bin dabei.


Steilpass: Man muss ja nicht unbedingt Europameister werden, nur weil man vor zwei Jahren in Brasilien Weltmeister geworden ist. Herr Bohlen, was würden Sie, falls für Deutschland im Halbfinale gegen Frankreich Schluss ist, einem sehr jungen Spieler wie Julian Weigl (oder Joshua Kimmich oder Leroy Sané) mit auf den Weg geben?
Dieter Bohlen: Du musst nicht traurig sein. Guck mal, Schweine können zum Beispiel nicht Stabhochspringen und sind deshalb auch nicht traurig. 


Steilpass: Typisch Bohlen, ein Gemüt bei wie Fleischerhund – Mann, wir sind doch hier nicht bei DSDS. Sehen so tröstende Worte aus?  (Ein Typ im verwaschenen Karo-Pullunder schlurft vorbei.) Olaf, meine Rettung. Mit Ihnen hätte ich hier am allerwenigsten gerechnet, Herr Schubert. Schneller Tipp: Gibt es Hoffnung für das deutsche Halbfinale – ohne Hummels, ohne Gomez, ohne Khedira, aber mit einer seriös diagnostizierten Ananasunverträglichkeit bei Draxler?
Olaf Schubert: Der Deutsche ist begeisterungsfähig, das hat er in der Geschichte schon oft bewiesen.
Michael Ballack: Der Mannschaft fehlt Persönlichkeit und Charakter.
Steilpass: Is' klar, Michael, du bist ja nicht mehr dabei. Herr Ribbeck, was glauben Sie?
Erich Ribbeck: Wenn ein Tor fällt, können noch mehr fallen. Aber es muss erst mal eins fallen.
Steilpass: Auf jeden Fall!

«Kompliment an meine Mannschaft, Sie hat Unmenschliches geleistet!»

Steilpass: 'Tschuldigung, ich höre gerade, die Live-Schalte zu Lionel Messi in Buenos Aires steht – , kleiner Blick über den Tellerrand Europas hinaus!  Leo, Sie sind wieder mal im Finale der Copa America an Chile gescheitert und daraufhin aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Wir kapieren nicht, weshalb Sie dennoch behaupten, Argentinien wäre auf jedem Feld die absolute Nummer 1 …
Lionel Messi: Wir spielen den schönsten Fußball, haben die schönsten Spieler und wissen, wie wir unsere Frauen behandeln müssen. 
Dieter Eilts: Das interessiert mich so sehr wie eine geplatzte Currywurst im ostfriesischen Wattenmeer.


Steilpass: Na na, Herr Eilts, weshalb so bitter? Ist doch alles im Flow, wie die Altlateiner sagen. Zu guter Letzt der Finaltipp von einem der besten Kenner des europäischen, speziell des deutschen Fußballs. Mr. Lineker, wie wird die Fußball-EM 2016 enden? 
Gary Lineker: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.
Steilpass: Einverstanden, Herr Matthäus?
Lothar Matthäus: Wir haben eine gut intrigierte Truppe.


Steilpass: Aber hallo! Ich höre, wie haben noch zwei Stimmen, absolute Top-Prognosen: von Dschungelcamper Thorsten «Kasalla» Legat und Kazim Akboga, Rapper und Komiker aus Neukölln …
Kazim Akboga: Deutschland is gute Land. Kommt ins Final. Und holt das Pokal.
Thorsten Legat: Unsere Chancen stehen 70:50.
Horst Hrubesch: Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!


Steilpass: Das hören wir doch gern. Herzlichen Dank Ihnen allen. Damit gebe ich zurück in die angeschlossenen  Funkhäuser. Guten Abend allerseits!

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