14.06.2016   von rowohlt

«Es steht 1:1. Genauso gut könnte es umgekehrt stehen»

Rowohlts top-top-top-aktuelles Frage-Antwort-Spiel zur Fußball-EM 2016, Teil 2: lustig, erhellend und fast ein bisschen literarisch (Albert Camus! Renate Bergmann! Olaf Thon!)

© iStockphoto.com
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Bei der Fußball-Europameisterschaft geht es wieder mal um alles: um Triumphe und Tragödien, Titel und Tore. 4 Wochen und 2 Tage Fußball! 36 Vorrundenpartien, bis endlich im Achtelfinale der K.o.-Modus greift. Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit und spielen STEILPASS, dass die Interviewschnipsel nur so fliegen! So ganz nebenbei wollen wir auch das Martin-Walser-Axiom widerlegen: Dass es nämlich nur eine ödere Sache als Fußball gibt, nämlich das Reden über Fußball. Öde ist hier gar nix! Wobei – geredet wird in STEILPASS im engeren Sinne auch nicht. Wir bringen nur einige der schönsten, bizarrsten und (pardon!) blödesten Sprüche von Fußballern, Trainern und Funktionären mit den richtigen Fragen zusammen. 


Heute: Teil 2. Mit dabei u.a.: Günter Netzer, Olaf Thon, Albert Camus, Martina Nawratilowa, Renate Bergmann, Gigi Buffon, Roland Wohlfarth, Christoph Daum, David Safier, Franz Beckenbauer, Marcel Reif, Mario Basler, Uli Hoeneß, Giovanni Trapattoni, Berti Vogts, Andreas Möller, Spiegel Online.

«Heute hat das Glück gefehlt, und dann kam auch noch Pech dazu»

Steilpass: Okay, 2:0 gegen die Ukraine, vom Ergebnis her ein passabler Einstand ins Turnier Aber was war mit der Abwehr los? Ohne Neuer und Boateng hätte die Ukraine (die Ukraine!) locker zwei oder drei Treffer machen können. Fragen wir einen ausgewiesenen Experten: Woran hat's gelegen?
Olaf Thon: Ja gut, ich sach mal: Woran hat's gelegen? Das ist natürlich die Frage, und ich sage einfach mal: Das fragt man sich nachher natürlich immer.
Günter Netzer: Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler …
Bernd Schuster: Keiner muss so super spielen wie ich früher.


Steilpass: Andererseits … war das nicht der Hammer, dieses 2:0 durch Basti Schweinsteiger? Der bei ManUnited so gut wie nur Reha gemacht hat, dann gegen die Ukraine kurz vor Spielende reinkommt und die Pille sowas von fidel ins Netz haut. Da musste sogar Kumpel Poldi grinsen!
SPIEGEL Online: Zu einem ordentlichen Fanatismus gehört schon ein bisschen mehr, als «Schweini» und «Poldi» zu kreischen und zu behaupten, dass beide auf Schalke spielen. Ein hartes Los ist die Ahnungslosigkeit.
Marcel Reif: Wenn Sie dieses Spiel atemberaubend finden, haben Sie's an den Bronchien.


Steilpass: Ist ja gut, jetzt mal nicht so humorlos. Schauen wir doch mal über den Tellerrand zu einem anderen Ballsport rüber. Frau Nawratilowa, Sie haben als Tennisprofi zahllose Grand-Slam-Turniere gewonnen. Was würden Sie Jogi Löw nach dem nicht gerade berauschenden Turnierauftakt der deutschen Elf raten?
Martina Nawratilowa: Um nach vorne zu kommen und dort zu bleiben, kommt es nicht darauf an, wie gut du bist, wenn du gut bist, sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.
Steilpass: Sie meinen, gut wie gut und schlecht wie böse, oder vielleicht doch nicht?
Albert Camus: Alles was ich über Moral und die Pflichten der Menschen weiß, verdanke ich dem Fußball.


Steilpass: Tatsächlich? Das gibt schon zu denken. Wo wir schon beim Thema Moral sind: Sind die Siegprämien bei der Europameisterschaft nicht absurd, geradezu obszön hoch? Die deutschen Spieler, die in ihren Vereinen eh schon Millionen scheffeln, erhalten für den Finaleinzug 150.000 €, für den Gewinn des Titels sogar 300.000 €. Erinnert sich noch einer, wie das früher war? 
George Best: Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.
Norbert Dickel: Der ist mit allen Abwassern gewaschen …


Steilpass: Hooligans aus Russland und anderen Ländern sind drauf und dran, uns die Laune am Turnier kaputtzumachen – da braucht es die IS-Idioten überhaupt nicht. Herr Möller, Herr Vogts, überrascht Sie das Ausmaß der Gewalt, diese Jagdszenen vor und nach dem Hochsicherheitsspiel zwischen England und Russland? 
Andreas Möller: Das ist eine Deprimierung.
Berti Vogts: Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben.


Steilpass: Hab' ich das jetzt richtig verstanden? Sie meinen das vermutlich ganz nett. Bisschen unglücklich ausgedrückt vielleicht. Nun zu was ganz Anderem, die Eitelkeit der Spieler: penetrant, nervig! Bunte Strähnchen, rasierte Schläfen (mit und ohne Tattoo), Irokese, Glatze, Pferdeschwanz, es gibt nichts, was es nicht gibt. Rudi Völler, könnte es sein, dass Sie an dieser  «Du-hast-die-Haare-schön»-Kiste nicht ganz schuldlos sind?
Rudi Völler: Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist.


Steilpass: Renate Bergmann, Sie als ältere Dame beschweren sich zu Recht, dass man im TV nicht vernünftig alle Spielernamen mitkriegt …
Renate Bergmann: Ja, genau. Das Ballkind, das da vor dem Herrn Neuer läuft, hat ja schon Bartwuchs. Huch, das ist ja der Herr Lahm! Entschuldigung, aber ohne Brille …
Steilpass: Nein nein, Renate, das ist nicht der Philipp Lahm, das ist der andere Kleene von Bayern München, der Joshua Kimmich. Der hat tatsächlich schon bisschen Bartwuchs!

«Andere erziehen Ihre Kinder zweisprachig, ich beidfüßig»

Steilpass: Hallo Lothar, Sie sehen blendend aus – noch immer der Typ Mann, auf den Frauen, also: sehr junge Frauen fliegen, Kompliment! Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie gerade einen EM-All-time-Rekord verloren haben?
Lothar Matthäus: Wie bitte?
Steilpass: In Ihrem letzten Länderspiel am 20. Juni 2000 waren Sie 39 Jahre und 91 Tage alt. Die EM-Partie gegen Portugal ging zwar jämmerlich mit 0:3 in die Grütze, aber Sie hatten einen Rekord für die Ewigkeit. Nun hat sich Gabor Kiraly, der ungarische Torhüter mit den weiten grauen Schlabberhosen, gestern in der Partie gegen Österreich Ihre Bestmarke geschnappt: 40 Jahre 74 Tage, Jurassic Park pur! Sind Sie sauer?
Lothar Matthäus: Ein Lothar Matthäus kann es sich nicht leisten, sich zu blamieren. I look not back, I look in front. 


Steilpass: Not looking back ist immer cool, klar. Klar ist auch: Es gibt blutjunge Spieler, mitteljunge Spieler und altgediente Veteranen wie die komplette Abwehr der Squadra Azzurra  mit Buffon, Chiellini, Bonnucci, Barzagli. Sie, Otto Pfister, sind als Trainer in der ganzen Welt herumgekommen, Liechtenstein, Zaire, Kamerun, Bangladesh, Togo. Was sagen Sie zu alten Fußballherren wie Gabor Kiraly: Gibt es das eigentlich im Fußball – zu alt? Wer ist zu alt, wer stellt das fest?
Otto Pfister: Da hilft nur: Bein aufsägen und Jahresringe zählen.


Steilpass: Jahresringe zählen, da wäre man bei den deutschen Jungspunden Leroy Sané, Joshua Kimmich und Jule Weigl flott fertig. Ein Wort zu den Trainertypen von heute: Taktikmaniacs (Pep Guardiola, Thomas Tuchel), Motivationsgurus (Diego Simeone, Jürgen Klopp), Choleriker (Werner Lorant), Realbuddhisten (Claudio Ranieri) usw. Wo bleiben da eigentlich die guten alten Schleifer wie Felix Magath?
Jan-Age Fjörtoft: Ob Felix Magath die Titanic gerettet hätte, weiß ich nicht. Aber die Überlebenden wären topfit gewesen.


Steilpass: Christoph Daum, was halten Sie eigentlich von Löws Rotationsspielchen in Mittelfeld und Angriff?
Christoph Daum: Ob Rotationsprinzip oder Detonationsprinzip: Hauptsache, wir gewinnen.


Steilpass: Fußball ist Kultur, wussten Sie das nicht? Beispiel: Nationalhymnen vor dem Anpfiff. Leider sind zwei der schönsten nicht zu hören: «Het Wilhelmus», die wohl älteste Hymne der Welt – weil die Niederlande das Kunststück fertigbrachten, sich zu dieser 24er-EM nicht zu qualifizieren. Dasselbe gelang den Griechen (Färöer-Debakel!), weshalb wir nicht in den Genuss der ersten von 158 (!) Strophen der «Ode an die Freiheit» kommen. Keiner schmettert übrigens seine Nationalhymne mit solcher Inbrunst wie Italiens Keeper Gigi Buffon. (Der läuft zufällig genau in diesem Moment vorbei …) Gigi, kurze Frage: Sie wären vermutlich bei Ihrem Talent ein ebenso großartiger Feldspieler für die Squadra Azzurra geworden. Wie kam es, dass Sie Torwart wurden?
Gianluigi Buffon: Als Kind schießt du Tore. Dann wachst du auf, verblödest und wirst Torwart.
Steilpass: In der Tat, Linksaußen und Torhüter, das sind oft schon ziemlich merkwürdige Vögel …
Tschik Cajkovski: Die Torhüter spinnen alle ein bisschen. Ich kannte mal einen, der schrieb einen Brief deshalb so langsam, weil er wusste, dass seine Mutter nur langsam lesen konnte.


Steilpass: Äh ja. Zurück zum Spiel: Sie, Herr Wohlfarth, waren damals ja ein klassischer Knipser. Nerven diese ewigen 1:0-Ergebnisse bei der EM Sie nicht tierisch – weshalb ist das so?
Roland Wohlfarth: Zwei Chancen, ein Tor: Das nenne ich hundertprozentige Chancenverwertung.

«Bisher ziehen sich die Bayern toll aus der Atmosphäre»

Steilpass: Helden von damals – hallo Herr Wegmann, Sie auch hier? Jetzt geht's für die Deutschen am Donnerstag gegen Polen. Aus der alten «polnischen Fraktion» in Löws Team ist nach dem Rücktritt von Miro Klose nur noch Lukas Podolski übrig geblieben. Was glauben Sie, wird Poldi bei dieser EM eine Rolle spielen können?
Jürgen «Kobra» Wegmann: Das muss man verstehen, dass er Schwierigkeiten hat, sich einzugewöhnen. Er ist die deutsche Sprache noch nicht mächtig.


Steilpass: Na na, dass Ihnen Prinz Poldi für diesen Schmäh nicht mal kräftig in den Hintern tritt! Bleiben wir beim Polen-Spiel, Experten an die Front: Franz Beckenbauer, Ihr Tipp für Donnerstag …
Franz Beckenbauer: Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage.
Otto Rehhagel: Franz ist wie Marlene Dietrich: Ein alternder Star, den man nach wie vor bewundern muss.
Günter Netzer: Dieser Satz hat eine Wahrheit.


Steilpass: Stimmt, da hätten wir auch selber drauf kommen können. Vermisst eigentlich jemand die Niederländer, das Oranje-Team? Der gottgleiche Louis van Gaal, gerade eben erst bei ManUnited rausgeflogen, kann es nicht lassen. Er lästert über die Elftal, die peinlicherweise als Gruppendritter in der EM-Quali zerschellt ist …
David Safier: Van Gogh? Hat der nicht mal Bayern München trainiert?


Steilpass: Nee, hat er nicht. Van Gogh war der mit dem Ohr, van Gaal ist der mit dem Größenwahn («Tod oder Tulpen»). Apropos Größenwahn: Sie, Manni Breuckmann, sind als Fußballreporter eine Legende. Der gigantische Kommerz im Profifußball geht Ihnen schwer auf den Keks. Wann ist bei Ihnen der Punkt erreicht, wo Sie sagen: Jetzt reicht's, den Scheiß tu ich mir nicht mehr an?
Manfred Breuckmann: Wenn die Eckfahne irgendwann einmal Nutella-Eckfahne heißt, höre ich auf.


Steilpass: Und bei Ihnen, Thomas Müller, alles in Ordnung? Wird ja auch Zeit, dass Sie endlich Ihr erstes Tor für La Mannschaft in Frankreich schießen. Die Polen mit Ihrem alten Bayern-Sturmkumpel Robert Lewandowski kämen doch da wie gerufen, oder?
Thomas Müller: Langsam habe ich das Gefühl, dass ich mit meinem linken Fuß mehr anfangen kann, als nur Bier zu holen.


Steilpass: Das stimmt uns hoffnungsfroh. Im Prinzip beginnt das Turnier ja jetzt erst …
Lukas Podolski: Wir müssen jetzt die Köpfe hochkrempeln – und die Ärmel auch.


Steilpass: Hallo Mario, hier vor dem deutschen Mannschaftshotel in Évian-les-Bains läuft man sich ja ständig vor die Füße. Möchten Sie noch einen Gruß an Freunde oder Verwandte in Deutschland loswerden?
Mario Basler: Ich grüße meine Mama, meinen Papa und ganz besonders meine Eltern.


Steilpass: Das ist ja mal ein schönes Schlusswort. Oder um es mit Huub Stevens zu sagen: «Es sind Worte gefallen. Jetzt werden Taten fallen.» Herzlichen Dank allen, mit denen wir sprechen konnten. Für heute zurück in die Funkhäuser. Guten Abend allerseits!

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