12.02.2016   von rowohlt

«Es kommt der Tag, an dem wir nichts mehr haben werden als unser Gebet»

«Alte Sachen» von Markus Flohr: eine deutsch-jüdische Familiengeschichte. Und ein packender Berlin-Roman.

© Einbandgestaltung: anyway, Barbara Hanke/Cordula Schmidt; Abb.: iStockphoto.com, thinkstockphotos.de
© Einbandgestaltung: anyway, Barbara Hanke/Cordula Schmidt; Abb.: iStockphoto.com, thinkstockphotos.de

Endlich liegt das Abi hinter Rieke und ihre Freundin Iza. Party, Bars, Abhängen, Jungs: das Leben kann schon ziemlich schön sein. Durch einen merkwürdigen Zufall lernt Rieke Lior Atzmon kennen, den es wie so viele andere junge Israelis nach Berlin verschlagen hat. Als Änderungsschneider von überschaubarem Talent schlägt er sich mehr schlecht als recht durch. Plötzlich ist Lior verschwunden – auf der Suche nach seiner Familie, die bis in die Nazijahre hinein das Modegeschäft Mäntel Rettig in Kreuzberg besaß … Markus Flohr erzählt auf zwei Zeitebenen eine Geschichte von Verfolgung, Flucht und der Kraft der Liebe: spannend, bewegend und mit viel Gespür für historische Zusammenhänge.


«Ein herausragender Berlin-Roman», urteilt die Hamburger Morgenpost. Und bestechend schön ausgestattet: Stoffbezug in Rot und Weiß (Fischgrätenmuster), Titel und Autorenname sind auf ein weißes Stoffschild gestickt. Die edle Ausstattung passt perfekt zu einem Roman über ein jüdisches Mode- und Konfektionsgeschäft im Berlin der frühen Nazi-Jahre.

Motte und Lavendel

Eigentlich hat die Motte sie zusammengebracht. Als Rieke nach einer durchtanzten Nacht im Berghain vor einem Laden steht, bemerkt sie einen kleinen Falter, der es sich auf der Schulter einer Schneiderpuppe gemütlich gemacht hat. Was ist das für ein Schneider, denkt sie, der nicht weiß, was Motten anrichten können. «War ihm das nicht klar? Dass die Motten überall Löcher fraßen? Vor allem in die teuren Stoffe, die echte Wolle, den Tweed, in alles, was vom Tier kam?»  Ein Himmelreich für ein Sträußchen Lavendel!


Und so lernen sie sich kennen: Rieke, für die der Ernst des Erwachsenenleben ruhig noch etwas warten kann. Und Lior, der so markant nach Kaffee und Kardamom riecht, Umlaute konsequent ignoriert und Sätze sagt wie «Ich bin zu Dank verflechtet». Sie erfährt, dass Lior von seinem Großvater Nis im Kibbuz Ejin Haschloschah das Schneiderhandwerk gelernt hat. Allzu viel Talent fürs Zuschneiden, Nähen und Bügeln scheint er aber nicht mitbekommen zu haben. Vielleicht ist es das, was Rieke an ihm so anziehend findet: Dass er nicht der ist, für den er sich ausgibt. Dass er ein Geheimnis mit sich herumträgt. Dass er auf der Suche ist – wie sie auch.


Liors Mutter Miriam, Vorabreiterin der Kibbuz-Schneiderei, hat bis zuletzt versucht, ihren Sohn und dessen Freund Uri von ihrer «Alijah Berlin» abzubringen. Ihr werdet in Deutschland scheitern, niemand dort wird euch verstehen, ein Fluch wird euch in Berlin begleiten!  Fernhalten von dem «bösen Land» lassen sich die beiden mit apokalyptischen Beschwörungen aber nicht. Obwohl, wie Lior Rieke grinsend verrät, von Deutschland und den Deutschen nichts, aber auch gar nichts Gutes zu erwarten sei. Die Frauen? «Ohne Zauber. Können nicht kochen. Wollen keine Kinder.» Die Männer? «Dumm. Ohne Humor. Nazis.» Das Nachtleben? «Keine Freude, nur Rausch, Bier, Wurst, Techno, Schweiß, Marschmusik, Rammstein.» Die Natur? «Zerstört, kaputt – oder stockdunkel … Voller Konzentrationslager und SS-Burgen.» Kurz und gut: nichts wie hin.

«Überall fällt brauner Regen»

Viel über seine Familie in Israel und seine Vorfahren in Berlin ist aus Lior herauszukriegen. Andere Geschichten gehen ihm leichter über die Lippen: Zum Beispiel dass in Israel ein Kampfjet der Armee abgestürzt ist; der junge Pilot, der Sohn des legendären Armeeveteranen und Astronauten Ilan Ramon, ist bei dem Absturz ums Leben gekommen. Lior ist am Boden zerstört.


Irgendwann ist Lior verschwunden,  ohne ein Wort des Erklärens, des Bedauerns gegenüber Rieke. Da macht sie sich auf eigene Faust auf die Suche – als ginge es um ihre eigene Geschichte und nicht um seine. Fragen über Fragen tun sich auf: Haben Liors Urgroßeltern gern in Berlin gelebt, wie sehr fühlten sie sich als Deutsche? Wo sind sie untergetaucht, wer hat sie versteckt? Hat ihnen  die schwedische Victoria-Gemeinde Schutz vor den marodierenden SA-Horden gewährt? Ist der alte Rettig im KZ gestorben? Und wie haben es seine Kinder Nils und Selma und deren Tochter Miri nach «Eretz Israel» geschafft?


Rieke lässt nicht locker. Sie fährt mit der S-Bahn nach Wannsee raus. Dorthin, wo in einer hochherrschaftlichen weißen Villa am Wasser fünfzehn Nazifunktionäre in nicht einmal zwei Stunden bei Kaffee und Cognac die die Ermordung der europäischen Juden geplant haben: die «Endlösung der Judenfrage». Sie studiert Unterlagen aus der Bauaktenkammer und vom Amtsgericht – Akten, die kurz vorher jemand anderes angefordert hat: Lior Atzmon …

«Sie meinen dich, sie meinen mich. Sie meinen uns alle …»

Wenn Rieke die Augen schließt, sieht sie die Aufmärsche der SA in Kreuzberg. Zerschlagene Scheiben. Die Verwandlung von Menschen in hasserfüllte Nazis. All die hingeschmierten Drohungen,  die Parolen an den Mauern:  «Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!» «Judensau, auf nach Jerusalem!»


Nach und nach nimmt ein Bild Konturen an. Wie es gewesen sein muss, als immer weniger Kunden den Weg in den Schneiderladen von Meister Rettig fanden. «Ein bestimmter Schnitt, der Stil, die Linien, die Eleganz verschwand. (…) Für die Männer sollten es fette Ulster-Mäntel sein in der Art von Regentonnen und Farben, gegen die selbst die ausgelutschten und verblichenen Töne des Mauerwerks an den Mietskasernen der Luisenstadt wie ein Regenbogen wirkten … Die Frauen knoteten sich Zöpfe wie aus Teig und legten lange Schürzen an. Was elegant war und gewagt, was glitzerte und schmeichelte und bestach, das verschwand. Das verschwand wie die Menschen, die früher zu Mäntel Rettig gekommen waren ...»

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