24.04.2017   von rowohlt

«Es ist erstaunlich, wie wenig viele Menschen über Sex wissen»

«Liebe macht für 6 Tage oder 6 Wochen blind, dann fangen die nächsten 25 Jahre an» – Das neue Buch der Sexologin Ann-Marlene Henning

© Juliane Werner
© Juliane Werner

Alle scheinen alles über Sex zu wissen, und dennoch hat nicht jeder den Sex, der ihn glücklich macht. In unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft sind die wahren Tabus das Schweigen, die Unsicherheiten und die Wissenslücken in unseren privaten Beziehungen. Ann-Marlene Henning hat es mit ihren beiden Ratgebern, ihrer TV-Sendung, vor allem aber mit der Arbeit in ihrer Praxis geschafft, diese Tabus zu durchbrechen: explizit, ohne pornografisch zu sein; empathisch, ohne aufdringlich zu wirken. In ihrem Buch tauchen wir mit der Sexologin in ihre Arbeit ein, in die «typischen » sexuellen Probleme und Defizite unterschiedlicher Paare, deren Ursachen oft vielschichtig sind.

«Man kann den Sex ja mit dem Kopf komplett kaputt machen»


In ihren Bestsellern  «Make Love» und Make More Love» ebenso wie in ihren TV-Sendungen hat Ann-Marlene Henning gezeigt, wie man über Liebe, Lust und Sex offen, humorvoll und entspannt spricht. Ihr erstes Buch brachte der im dänischen Viborg geborenen Therapeutin 2013 eine Vorladung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Bonn ein; «inzwischen habe ich zum Glück Brief und Adlerstempel darauf, dass dies nicht der Fall ist». Kurioserweise war «Make Love. Ein Aufklärungsbuch für Jugendliche» zur gleichen Zeit für den Jugendliteraturpreis nominiert …


Ausbildung zur Sexologin – das war so im Leben  der Ann-Marlene Henning nicht vorgesehen. Ihre Familie sah die toughe, eloquente junge Frau als zukünftige Anwältin – so wie sie reden und argumentieren könne. Also zunächst: Jura. Das Studium von Gesetzen und Verordnungen langweilte sie nach kurzer Zeit derart, dass sie die Juristerei ein für allemal an den Nagel hängte. 1990 bewarb Henning sich um einen der begehrten Studienplätze in klinischer Neuropsychologie – und wurde angenommen. 


Später studierte sie in Dänemark und der Schweiz Sexologie und Paartherapie nach dem Sexocorporel-Konzept. Es legt den Fokus auf sexuelle Gesundheit durch die «Integration körperlicher, emotionaler, intellektueller und sozialer Aspekte des Sexualwesens Mensch». Ihre Ausbildung finanzierte sie jahrelang durch Modeln, eine komplett neue Erfahrung. Und deutlich besser bezahlt als die üblichen Jobs in Cafés und Bars: «Als Modell war ich eine Außenseiterin, ich sah eher französisch aus, hatte nichts vom Claudia-Schiffer-Style, der gerade en vogue war.» 


Seit langem lebt Ann-Marlene Henning in Hamburg, Hier eröffnete sie im Frühling 2007 ihre eigene sexualtherapeutische Praxis mit dem sprechenden Namen «doch noch. Beratung in Beziehungsfragen». Der Praxisname sollte definitiv anders klingen als eine Kombination aus Paar und Sex; warum aber doch noch? Häufig geben Klienten im Erstgespräch resigniert zu Protokoll, in ihrer Partnerschaft sei es eh zu spät für einen Kurswechsel, geschweige denn für einen Neuanfang. Die professionelle Reaktion darauf: «Bist du sicher? Vielleicht geht es ja doch noch?»


Im Interview mit n-tv nennt Henning die Eröffnung einer Sexologie-Praxis hierzulande ein nicht unriskantes Projekt: «Ich mag keine Klischees. Aber die Deutschen haben es für mein Gefühl ein bisschen schwerer als andere, zu sagen: ‹Das kann ich nicht.› Der Deutsche funktioniert, er hat alles im Griff. Wenn ‹unten› was nicht stimmt, gehen in Amerika über 60 Prozent zum Arzt. In Europa um die 40. In Deutschland um die 20 Prozent. In Amerika gibt es Sexologen, das ist ganz normal. Hier muss man dann zum Urologen – ups! Keiner weiß, dass es uns gibt.» 

Da geht doch noch was …


In «Liebespraxis» findet sich ein ganzer Schwung eindrucksvoller Fallgeschichten (und zwar so anonymisiert, dass kein Betroffener in ihnen auch nur ansatzweise erkennbar ist). Geschichten wie die von Andrea und Holger: ein symbiotisches Paar, das fast keinen Sex mehr hat; zwei Menschen, denen über uneingestandene Orgasmus- und Erektionsstörungen die Lust abhanden gekommen zu sein scheint – und die doch noch in Liebe miteinander verbunden sind. 



Oder: Beata und Klaus. Sie eine «Nachteule» (Leidenschaft: am liebsten mehrfach in der Woche auf die Piste gehen), er ein überzeugter Gesundheits- und Fitnessfreak. Ein Mann, der diverse Sportarten obsessiv nebeneinander betreibt, der nicht raucht und selbstredend kein Gramm Fett zu viel am Leib trägt – und der von seiner Partnerin sagt: «Mich stört es wirklich sehr, wie Beata mit ihrem Körper umgeht. Das törnt mich komplett ab. Alles an Beata riecht nach Rauch, ihre Haare, jede einzelne Pore.» In Fällen wie diesen eine neue Offenheit für Sex und Erotik zu finden, ist auch für eine erfahrene Therapeutin wie Ann-Marlenen Henning keine einfache Aufgabe.


Ob es bei ihren Klientinnen und Klienten um Themen wie Vaginismus, männliche Standfestigkeit («weichere Erektionen»), Selbststimulation durch Pornos, Intersexualität, Erschöpfung durch sexlose Beziehungsjahre, Ejaculatio praecox (EP), Orgasmusblockade durch Sexstress, Masturbationstechniken, Fetischsex oder Ekel vor bestimmten Sexpraktiken geht: Entscheidend für die therapeutische Arbeit ist es, den Punkt zu finden, an dem die Betroffenen sich öffnen – für das Gespräch mit dem Partner, für neue Erfahrungen. Und manchmal auch: für die Trennung. Nicht allen kann geholfen werden. Und nicht alle wollen sich helfen lassen.


Eines verbindet alle diese Fallgeschichten: Paare wissen viel zu wenig voneinander. Auch nicht, was dem anderen Lust macht. Erfüllende Erotik verlangt die Bereitschaft, sich immer wieder neu einzulassen und offen über Sex zu sprechen. Und das verlangt Mut. «Manchmal hilft es, sich die Gummibanddynamik der Liebe klarzumachen: Liebe und Sex können nicht immer gleich gut sein, es geht immer auf und ab und wird vor allem nie wieder so wie am Anfang. Über viele Jahre eine gute Spannung aufrechtzuerhalten kostet Mühe, beide Partner müssen etwas tun.»


Und noch einen (guten!) Grund gibt es, offen über Sex sprechen zu lernen: «Damit wir unserem Nachwuchs Antworten geben können, wenn sie fragen. Ganz entspannt. Wir sollten Bescheid wissen. Über all das, was mit Sex zusammenhängt, über anregende Hilfsmittel, erregende Vielfältigkeit, wahre Liebe, Intimität und gutgemeinte Ratschläge.»

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