14.07.2013   von rowohlt

Ernest Hemingway – genial und selbstzerstörerisch

«Fiesta» in neuer Übersetzung – der Roman, der Hemingways Weltruhm begründete

© picture-alliance/akg-images
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In den ersten Julitagen 1961 ging die Nachricht vom Tod Ernest Hemingways um die Welt. Der Literaturnobelpreisträger von 1954 hatte sich – gezeichnet von seinen Exzessen und von Depressionen verdüstert – in seinem Haus in Ketchum, Idaho, eine Schrotflinte an den Kopf gesetzt und abgedrückt. Am Ende war er, der Inbegriff des Macho-Schriftstellers, zum Opfer seiner eigenen Legende geworden. Abenteurer, Stierkampffanatiker, Hochseefischer, Großwildjäger, Frauenheld – das war der öffentliche Hemingway. Seine weiche, grüblerische, selbstzerstörerische Seite kannten nur wenige.

«Ganz krank vor Grauen vom Hinsehen …»

21. Juli 1899. Ernest Hemingway wird als zweites von sechs Kindern von Dr. Clarence Edmonds Hemingway und seiner Frau Grace Hall in Oak Park, Illinois, geboren. Zu seinem Vater «Ed» hat er zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis. Der zu den Honoratioren des bürgerlichen Vororts von Chicago zählende Hausarzt ist ein Mensch von puritanischer Strenge: religiös, konservativ, genussfeindlich. «Dennoch liebte Hemingway seinen Vater mit einer ambivalenten Mischung aus Bewunderung, Abgestoßensein und Zärtlichkeit», schreibt Hans Peter Rosenberg in seiner Monographie. Im Dezember 1928 setzt Hemingways Vater seinem Leben mit einer Smith & Wesson ein Ende.
1917: Reporter beim Kansas City Star. Zu jung, um als Soldat der US-Army gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen, gelingt es Ernest Hemingway, als Reporter der angesehenen Tageszeitung erste Recherche- und Schreiberfahrungen zu machen. «Gebrauche kurze Sätze und kurze Einleitungen, verwende ein kraftvolles Englisch, ohne zu vergessen, flüssig zu schreiben», heißt es im Stilkodex des Kansas City Star. Es sind die Grundprinzipien dessen, was später zur Essenz seines bewunderten Stils werden sollte: «Zeichnen ist Weglassen, auch Erzählen ist Weglassen. Es ist ganz ungeheuerlich, wie er das macht.» (Hans Fallada)
1918: Soldat an der Dolomiten-Front. Über das Sanitätskorps des amerikanischen Roten Kreuzes kommt Hemingway nach Europa. In Fossalta di Piave wird er schwer verwundet; 28 Granatsplitter müssen aus seinem Bein herausgeschnitten werden. Im amerikanischen Rotkreuz-Hospital in Mailand warten noch einmal zwölf Operationen auf ihn – und die bildschöne Krankenschwester Agnes von Kurowsky aus Washington, D.C. Die Affäre ist nicht von langer Dauer; Hemingway schreibt: «Ich wollte, es gäbe einen Krieg, der meine Probleme lösen würde …»
1921: Paris. Nach einer kurzen Zwischenstation als Polizeireporter bei der Chicago Tribune zieht es Ernest Hemingway und Hadley Richardson (Ehefrau Nr. 1) nach Paris, wo sich die Avantgarde der europäischen und amerikanischen Moderne aufhält: Jean Cocteau, Ezra Pound und James Joyce, Gertrude Stein und Janet Flanner, Dos Passos und F. Scott Fitzgerald, Picasso, Gris und Miro. Einer seiner literarischen Lehrmeister wird Gertrude Stein, in deren Salon in der 27, rue de Fleurs sich Gott und die Welt treffen. Einen seiner Texten drückt sie Hemingway mit den Worten in die Hand: «Ernest, diese Geschichte enthält viele Bemerkungen, Bemerkungen sind keine Literatur.» Später formuliert Hemingway als Meister in der Kunst des Weglassens und Verdichtens sein literarisches Credo so: «Alles, was du tun mußt, ist, einen wahren Satz zu schreiben.»

«54 Schwertfische. Sieben an einem Tag …»

1923: Pamplona, Corrida. Im Sommer 1923 begegnet Hemingway in Madrid dem berühmten Matador Nicanor Villalta, kurz darauf besucht er die Fiesta de San Fermín in Pamplona. Es ist der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft für den Stierkampf. Sein 1931 erschienenes Buch Tod am Nachmittag gilt bis heute als «bedeutendste von einem Nichtspanier geschriebene Abhandlung über die ‹tauromaquia›» (Hans-Peter Rodenberg).
1926: Fiesta. Dem Roman vorangestellt ist ein berühmter Ausspruch Gertrude Steins: «Ihr gehört alle einer verlorenen Generation an.» Die Suche nach Gefahr und Schmerz, eine Existenz auf Leben und Tod, die archaische Konfrontation von Mensch und Natur, all das grundiert von «müdem Zynismus» – das spricht offensichtlich unzähligen jungen Menschen im Zwischenkriegseuropa aus der Seele.
1928: In einem andern Land. Für Ernest Hemingway, mittlerweile verheiratet mit Pauline Pfeiffer Journalistin und Model (Ehefrau Nr. 2),, ist der um seine Kriegserlebnisse in Italien kreisende Roman der literarische Durchbruch; zusammen mit Erich Maria Remarques Antikriegsklassiker Im Westen nichts Neues dominiert er die Verkaufslisten. Hollywood beginnt sich für Hemingway zu interessieren. Zum ersten Mal genießt der junge Autor das Glück der finanziellen Unabhängigkeit.
1932: Kuba, Hochseefischen. Eine neue Spielwiese der Selbststilisierung und Legendenbildung – hier kann der Mann noch ganz Mann sein. «Armer alter zerbrechlicher Hem. 99 Tage auf dem Golfstrom in der Sonne. 54 Schwertfische. Sieben an einem Tag. Ein 468 Pfünder in 65 Minuten, allein, keine Hilfe … Werde verdammt gute Memoiren schreiben, wenn ich sie einmal schreibe.» (Brief an Maxwell Perkins, 26.7.1933) Kauf der hochseetüchtigen Yacht «Pilar». Stierkampf, Sportfischen, Großwildjagd in Afrika: der Boulevard nimmt regen Anteil an «Papa Hemingways» wildem Leben voll narzisstischer Höhenflüge und Skandale. 1935 erscheint der zwiespältig aufgenommene literarische Reisebericht Die grünen Hügel von Afrika. Tenor der Kritik: Poesie & Pose.
1937: Hemingway im Spanischen Bürgerkrieg. Mit dem Aufstand der Militärs unter General Franco in Spanisch-Marokko beginnt der Todeskampf der Republik. Hemingway schließt sich als Kriegsberichterstatter dem «Ambulance Corps Committee» der «American Friends of the Spanish Democracy» an, die Krankenwagen und medizinisches Gerät in die Bastionen der Republikaner (Katalonien, Baskenland, Madrid) schaffen. Trotz Unterstützung durch die Internationalen Brigaden steht das republikanische Lager auf verlorenem Posten. Noch heute ist Wem die Stunde schlägt eines der eindringlichsten literarischen Zeugnisse des Ringens zwischen Republik und Faschismus – und eines der erfolgreichsten: Innerhalb eines halben Jahres sind eine halbe Million Exemplare von Hemingways Roman verkauft.

«Mein Roman soll das Meer und die Luft und die Erde in sich haben»

Ehefrau Nr. 3: Martha Gellhorn. Die dreizehn Jahre jüngere Journalistin hat bereits einen Roman und Kurzgeschichten veröffentlicht, als sie Hemingway trifft. Im November 1940 heiraten sie – ohne Frau an seiner Seite fühlt sich «Papa Hem» hilflos. Weil Gellhorn nicht bereit ist, ihre Karriere als Kriegsberichterstatterin für «Collier's» zurückzustellen, bekommt die Verbindung schon früh erste Risse. Das letzte Kriegsjahr erlebt das Paar in Europa (D-Day, Befreiung von Paris). O-Ton Hemingway: «September 1944. Wir zogen in Paris in voller Ausrüstung ein, befreiten den Traveller's Club, das Ritz usw. und hatten eine wunderbare Zeit.» Fünf Jahre nach der Heirat sind Gellhorn und Hemingway geschiedene Leute – da lebt er bereits mit Mary Welsh zusammen. Im März 1946 heiraten sie in Havanna; bis zu seinem Tod bleibt Mary Welsh (Ehefrau Nr. 4) an seiner Seite.
1952: Der alte Mann und das Meer. Während der 1950 veröffentlichte Roman Über den Fluss und in die Wälder ein zwiespältiges Echo auslöst, wird Der alte Mann und das Meer, ursprünglich konzipiert als erster Teil eines großen «Seeromans», zum Welterfolg – eine Parabel auf den ewigen Kampf zwischen Mensch Natur. Vor der Buchausgabe druckt LIFE die Novelle in einer einzigen Ausgabe des Magazins; innerhalb von 48 Stunden sind über fünf Millionen Exemplare verkauft.
Der Literaturnobelpreis – und der Preis des Ruhms. Spätestens bei Bekanntwerden der Entscheidung des Stockholmer Komitees darf Hemingway sich als bekanntester Schriftsteller der Welt fühlen. Er ist ständig präsent in den Edelmagazinen von «Life» über «Collier's» bis zum «New Yorker», die Sensationspresse kann von ihm, dem Frauenheld, Kampftrinker, Großwildjäger und Bruchpilot nicht genug bekommen. Wer schafft es schon, innerhalb eines Tages zweimal mit dem Flugzeug über Afrika abzustürzen und zu überleben? Nur wenige aktive Jahre bleiben ihm noch. Hemingway weiß, dass er als Schriftsteller am Ende ist: gezeichnet von schweren Unfällen und Verletzungen, ruiniert durch Alkoholexzesse, zerbrochen am öffentlichen Bild als Super-Macho und Litertaturgott. Seine späten Werke – Die Wahrheit im Morgenlicht. Eine afrikanische Safari, Paris, ein Fest fürs Leben, Gefährlicher Sommer – werden posthum veröffentlicht.
2. Juli 1961: das Ende. Wegen Depressionen und paranoiden Schüben stimmt Hemingway einer Einweisung in die Mayo-Klinik zu (Elektroschocktherapie). Als er die Klinik verlässt, ist er ein gebrochener Mann. Zwei Selbstmordversuche. Am Morgen des 2. Juli 1961, neunzehn Tage vor seinem 62. Geburtstag, erschießt Ernest Hemingway sich in seinem Haus in Ketchum, Idaho, mit einer großkalibrigen Doppellauf-Schrotflinte.

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