01.02.2014   von rowohlt

«Er wird zurückkommen, und ich kann nur beten»

Ein furioser Thriller über die Macht manipulativer TV-Formate und den Drang zu grenzenloser Selbstentblößung in den sozialen Netzwerken

Die Ermittler Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs vom Hamburger Morddezernat sind zurück. In Stephan M. Rothers Thriller <i>Ich bin der Herr deiner Angst</i> waren sie einer alten Mordserie auf der Spur, dem Traumfänger-Fall: ein Einsatz mit dramatischen Folgen. In ihrem neuen Fall sind sie mit einer verstörenden Serie von Selbstmorden konfrontiert. Während Albrecht dabei schmerzhaft mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert wird, geht es für seine Kollegin Hannah buchstäblich um Leben oder Tod …

Tod im Dahliengarten

Nach sechs Monaten Zwangspause kehrt Kriminalhauptkommissar Albrecht an seinen Arbeitsplatz zurück, als Leiter des Polizeikommissariats Königstraße. Sechs Monate, die für ihn die Hölle waren. Noch immer plagen ihn Schuldgefühle wegen der verkorksten Ermittlung, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Und noch immer wütet er innerlich gegen die Trennung von seiner Frau, die nichts anderes im Sinn zu haben scheint, als seine Spuren in ihrem Leben zu tilgen und mit ihrem «Wunderdentisten» auf heile Welt und glückliche Familie zu machen. Wie gut, dass er sich endlich wieder in die Arbeit stürzen kann.


Eine männliche Leiche treibt inmitten von Seerosen im Wasserbassin des Altonaer Volksparks. Für die meisten Anwohner keine Überraschung – so musste es ja mal kommen. Nachts, das behauptet zumindest die Front aufgebrachter Bürger, wimmele es im Dahliengarten von zwielichtigem Gesindel mit perversen sexuellen Gelüsten. Der Tote ist Falk Sieverstedt, Sohn einer der nobelsten Familien der Stadt. Es dauert nicht lange, bis die Ermittler wissen, dass der junge Sieverstedt in der skandalumwitterten TV-Show <i>Second Chance</i> seinen Selbstmord angekündigt oder zumindest damit kokettiert hatte.


So sieht definitiv kein Selbstmörder aus, denkt Jörg Albrecht, als er mitten in der Nacht am Tatort eintrifft. Schwere Stricke sind um den Körper des Mannes geschlungen; wie hätte der Junge das selbst inszenieren sollen? Beim zweiten Hinschauen dann der Schock: Albrecht kennt den Toten. Mit seiner Mutter, Konsulin Elisabeth Sieverstedt, war er lange zusammen. Ein klarer Fall von Befangenheit – eigentlich. Wie sich herausstellt, müsste aber auch Hannah Friedrich in diesem Fall als hochgradig befangen gelten – eigentlich.

«Was ist es, was dir so schrecklich fehlt?»

Langsam formt sich ein klareres Bild des Toten. Falk Sieverstedt war Dauerthema in den einschlägigen Boulevardblättchen. Cocktailpartys, wechselnde junge Begleiterinnen aus Hamburgs besseren Familien, kleine Skandälchen, nichts von Belang. Ein sensibler Typ mit wenig Lebenserfahrung und viel zu viel Geld. Einziges Hobby: Fotografieren. Für seinen Vater war Falk ein Loser: weich, verwöhnt, haltlos, schwach. Kurz: kein Sieverstedt. Keiner, der in unruhigen Zeiten wie diesen das Familienunternehmen Sieverstedt Import/Export leiten konnte. «Er lebt wie ein Verlierer, der Geschenke akzeptieren muss von jemandem, den er hasst.»


Für den Boulevard ist der Fall ein gefundenes Fressen. Ein Sieverstedt – tot! Ermordet im Dahliengarten – dort, wo sich nachts Schwule, Transvestiten und andere Nachtfalter herumtreiben! Und dann noch die Verbindung zu <i>Second Chance</i> – besser geht's nicht! Auch Falk zählte zu den verletzten Seelen, die sich hilfesuchend an Marius gewandt hatten, den Guru und Mastermind der TV-Show <i>Second Chance/i> auf Kanal Sieben. Der sich in seiner Sendung als Menschenfischer inszeniert, als kleiner Gott. Der es versteht, Menschen zu manipulieren und von sich abhängig zu machen. Und der manche seiner «Klienten» so rüde mit den eigenen Grenzen konfrontiert, dass sie den Tod suchen. So zumindest die Zwischenbilanz des Ermittlerteams: Suizid nach «Second Chance» Kontakt.

«Öffne deine Seele!»

Nun überschlagen sich die Ereignisse. Die Rechtsmediziner stellen fest, dass an den vermeintlichen Suizidopfern ein perfider Eingriff vorgenommen worden war. Fotos tauchen auf, die beweisen, dass Sieverstedt Import/Export sich ein schmutziges, aber ungemein profitables Geschäftsfeld zugelegt hat. Und – Hannah verschwindet spurlos.


Stephan M. Rother dreht bis zum Finale unerbittlich an der Spannungsschraube. Wir wissen nicht, wer Hannah festhält. Wir wissen nicht, wo sie festgehalten wird und weshalb. Ganz am Ende aber wissen wir eines: Hannah hat nur <i>eine</i> Chance – sie muss eine Entscheidung treffen. Vor einem Millionenpublikum. Eine Entscheidung, die ihr das Herz brechen wird. «Ich weiß, dass sie darauf warten. Millionen von Menschen. Dass sie mein Schweigen nicht begreifen können … Sie sehen mich: Gefesselt, ausgeliefert, blind. Sie wollen mich sterben sehen. Dunkelheit. Schmerz. Angst. Er wird zurückkommen, und ich kann nur beten. Beten, dass es ein rascher Tod ist, den er für mich bereithält …»

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