16.09.2016   von rowohlt

«Er sah, was andere nicht sehen wollten»

«Konrad Heiden war seiner Zeit voraus» (Deutschlandradio Kultur): Stefan Aust über den Hitler-Gegner der ersten Stunde

© Zentralarchiv Zürich, Nachlass K. Heiden 5 a
© Zentralarchiv Zürich, Nachlass K. Heiden 5 a

Er war einer seiner schärfsten Kritiker, und doch soll Hitler sich bei Veranstaltungen manchmal geweigert haben, mit seiner Rede zu beginnen, bevor er nicht eingetroffen war: Konrad Heiden. Als Mitarbeiter der angesehenen «Frankfurter Zeitung» gehörte er zu den ersten Publizisten, die den Aufstieg der Nazis kritisch begleiteten. Auf seiner zweibändigen Hitler-Biographie, die 1936/37 in der Schweiz herauskam, bauten fast alle späteren Lebensbeschreibungen des Diktators auf. Und doch ist Heiden heute nahezu vergessen. Stefan Aust porträtiert den Sozialdemokraten jüdischer Herkunft  und lässt aus seiner Perspektive Hitlers Aufstieg und Herrschaft lebendig werden.


Konrad Heiden hatte sich bereits während seines Studiums in München Anfang der zwanziger Jahre gegen den Nationalsozialismus engagiert. «Marsch ohne Ziel, Taumel ohne Rausch, Glauben ohne Gott und selbst in seinem Blutdurst ohne Genuß» – so charakterisierte er die Bewegung in einem Buch, das Ende 1932 im Rowohlt Verlag herauskam. Im März 1933 zur Flucht gezwungen, setzte Heiden seinen Kampf gegen das Regime unter Lebensgefahr fort. In den USA galt er als führender Experte für das NS-Regime und dessen «Staatsfeind Nr. 1». 1966 starb er in New York. Höchste Zeit, sich dieses Hitler-Gegners der allerersten Stunde wieder zu erinnern «Es hat kaum einen wortgewaltigeren, exakteren und entschiedeneren Gegner der Nazis gegeben.» (die tageszeitung)

Stefan Aust – Das Interview


Wie sind Sie auf Konrad Heiden gestoßen?
Ich hatte über viele Jahre den Plan, gemeinsam mit Michael Kloft von Spiegel TV einen neuen Dokumentarfilm lm über Hitler zu machen. Dafür haben wir Filmmaterial, aber auch Literatur gesammelt. Dann schenkte mir Kloft zum 60. Geburtstag das Buch «Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit» von Konrad Heiden aus dem Jahre 1936. Es stand viele Jahre unbeachtet in meinem Bücherschrank. Eines Abends suchte ich etwas zu lesen und stieß zufällig auf das alte Buch. Ich habe es in einer Nacht durchgelesen.


Was ist das Besondere an Konrad Heiden, was unterscheidet ihn von anderen Gegnern des Nationalsozialismus?
Konrad Heiden war Sozialdemokrat, aber in seinem Blick auf die politische Landschaft seiner Zeit absolut unabhängig. Den Aufstieg Hitlers hat Heiden schon in den zwanziger Jahren in München aus nächster Nähe beobachtet und vor allem für die «Frankfurter Zeitung» tagesaktuell beschrieben. Er hatte Informanten im Umfeld des «Führers», beobachtete frühe Auftritte und beschrieb Hitlers Wirkungsweise genau und nicht selten mit einem bitteren, sarkastischen Unterton. Das macht seinen Blick so besonders – er schildert Geschichte, während sie geschieht, und nicht aus der Rückwärtsbetrachtung desjenigen, der weiß, wie alles ausging. Er schreibt mit einer gewissen, heute würde man sagen «coolen» Distanz. Dabei fielen ihm viele Dinge auf, die anderen offenbar verborgen geblieben sind.


Warum ist es wichtig, sich heute an Heiden zu erinnern?
Er galt unter Zeitgenossen im Exil als «Hitlers Feind Nr. 1». Denn niemand hat die Ereignisse schon vor der Machtergreifung so genau und detailliert beschrieben wie Konrad Heiden. Er erahnte das Unheil, das die Nazis über Deutschland und die Welt brachten, und am Ende der Lektüre fragt man sich nicht, warum er die Katastrophe kommen sah, sondern eher, warum andere – nämlich die meisten Deutschen – das nicht getan haben. Heidens Bücher, im Wesentlichen noch vor Kriegsbeginn erschienen, wurden damals in viele Sprachen übersetzt und waren Bestseller.
Thomas Mann hielt Heidens Hitler-Biographie für ein «Dokument ersten Ranges», das «bleiben wird» und Forschern noch lange «zum Studium des Unfasslichen» dienen werde. Tatsächlich geriet Heiden jedoch nach dem Krieg in Vergessenheit, obwohl alle späteren Hitler-Biographien von seiner Arbeit profitierten. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, diesem großartigen Journalisten und Zeitzeugen wieder die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die er verdient hat.


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