15.05.2017   von rowohlt

Elvis lebt? Todsicher!

Tobias Geigenmüllers Elvis-Roman ist ein hinreißendes Lesevergnügen, ein Must-have für alle Fans des King of Rock 'n' Roll

© iStockphoto.com
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Elvis Presley ist tot. Die Fans trauern, der Plattenboss weint, Hawaii schluchzt ein letztes «Aloha» für den King. In seinem gemütlichen Ohrensessel in Tupelo sitzend, verfolgt an jenem 17. August 1977 ein Mann, dessen Grinsen ungefähr so fett ist wie der Rest seines Körpers, die Nachrichten. Nie im Leben hätte Elvis gedacht, dass es sich so gut anfühlen würde, tot zu sein. Endlich einmal ein normaler Mensch sein, endlich weg von Starrummel, Terminhetze, Verpflichtungen. Aber statt sich auf irgendeiner Südseeinsel zu langweilen, macht sich der King auf die Suche nach einem völlig neuen Leben: als Lastwagenfahrer in seiner Heimatstadt, Elvis-Imitator und Gründer einer Selbstmordagentur, spezialisiert auf Rundumservice für Promis bei der Inszenierung ihres Ablebens. Eines ist klar: Elvis lebt, und wie! 


Tobias Geigenmüllers Elvis-Roman ist ein Feuerwerk toller, abgefahrener Einfälle. Die schwergewichtige Klimaanlage, die im Sarg aus kupferfarbenem Holz in die Erde gelassen wird. Der Auftritt von Rockgrößen wie Jimi Hendrix, John Lennon, Buddy Holly (Double Trouble). Die Pulverisierung der Mauer zwischen Ost und West durch Günter Schabowski und Elvis Presley. Die verwegene Neuinterpretation des legendären West Coast/East Coast-Battle zwischen Tupac und The Notorious B.I.G. ... Großes Kino! 

«Irgendwann hatte Elvis ausgesehen wie ein zu dick geratener Dalmatiner»


Sein Ableben hat Elvis perfekt hingekriegt. Er hatte es einfach irgendwann sattgehabt, Elvis Presley zu sein, der «King of Rock 'n' Roll». Der «größte Entertainer der Welt», der Mann, der in Las Vegas die größten je gezahlten Gagen abräumte. Elvis war mit seinen Kräften am Ende, mit seinen Nerven auch. Und sein Körper machte schon lange nicht mehr mit: chronische Schlaflosigkeit, Allergien, Darmleiden, Diabetes, Arthritis, Bluthochdruck, Depressionen, exzessives Übergewicht (150 Kilo Kampfgewicht from top to toe): «Bei einer Körpergröße von 2,70 Meter wäre sein Gewicht gar nicht mal so übel gewesen. Aber leider war er gerade mal 1,82 Meter groß..» Wo genau sein Doppel- bzw. Triplekinn endete und der Körper begann, konnte man bei ihm schon lange nicht mehr sagen.


Kurz und gut: Die Zeit war gekommen, ein für alle Mal Schluss zu machen mit diesem Leben, das er nicht mehr wollte. «Elvis Presley hatte es so satt, Elvis Presley zu sein. Den Ruhm, die Frauen, das Geld, die falschen Freunde – all das wollte er hinter sich lassen, um da anzufangen, wo er einmal aufgehört hatte: als ganz normaler Mensch.» Es sind nur wenige Menschen, die von Elvis' Vorhaben wissen, fünf, um genau zu sein. Sie bilden die Projektgruppe Selbstmord: sein Cousin Billy, Tourmanager Joe Esposito, Sicherheitschef Dick Grob, Maurice Elliot vom Baptist Memorial Hospital und Elvis' Verlobte Ginger Alden. Der (für alle Seiten) einträgliche Deal: maximale Diskretion gegen je eine Million Dollar.

A-wop-bop-a-loo-lop-a-lop-bam-boom!


Dass es richtig war, seinen Ex-Manager Tom Parker, in die Dramaturgie seines Ablebens nicht einzuweihen – daran hatte er keine Sekunde gezweifelt. Mit dem Colonel hatte er seine größten Erfolge gefeiert. Natürlich hatte der die Geschichte von Anfang an nicht geglaubt. «Würde sein Junge es wirklich wagen, ihn glauben zu lassen, er sei tot?» Ja, würde er. Nun war der Colonel hinter ihm her. Wollte seinen Schützlingen von einst stellen, koste es, was es wolle …


Aber war Tupelo – die Stadt, in der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen war – wirklich der geeignete Ort, um unterzutauchen? Egal, die Entscheidung war gefallen. Vorher aber musste er noch stilvoll unter die Erde. «Am nächsten Tag wurde Elvis Presley ganz offiziell auf dem Forest-Hill-Friedhof zu Grabe getragen. Und fast jeder Mensch auf diesem Planeten schien da zu sein. Bis auf Elvis Presley selbst. Hoffentlich würde niemand der Träger bemerken, dass sein kupferbeschlagener Sarg sogar für Elvis' Gewichtsklasse ungewöhnlich schwer war. Aber so eine Klimaanlage brachte eben ganz schön was auf die Waage …»


Elvis' größtes Problem: Er sah dem, der einmal Elvis Presley war, naturgemäß verdammt ähnlich. Jenem Blockbuster, dessen Konzert Aloha from Hawaii anderthalb Milliarden Menschen sahen, fast dreimal so viele wie die Mondlandung. Nach dem Motto ab durch die Mitte hatte er beschlossen, sich in seinem zweiten Leben auch Elvis zu nennen, als Spitzname, versteht sich. Er machte genau da weiter, wo er als achtzehnjähriger Junge vom Lande aufgehört hatte:  als Lieferwagenfahrer. Ein Job, den er eigentlich aus dem Effeff beherrschte, wäre da nicht jene barbarische soziale Übereinkunft, acht Stunden arbeiten zu müssen. Am Tag, nicht in der Woche, wie Elvis ungläubig feststellte – und das ganz ohne Applaus und Catering. Sein Chef reagierte leicht konsterniert: «Sagen Sie, waren Sie die letzten Jahrzehnte über eingefroren oder so was?»

«Wäre David Hasselhoff ein Fernseher gewesen, hätte ihn Elvis längst erschossen»


Okay, Lieferwagen zu fahren erwies sich als guter Einstieg in ein normales Leben. Mehr aber auch nicht; nach kurzer Zeit war Elvis gefeuert, neue Herausforderungen mussten her. Hier eine Übersicht weiterer Tätigkeiten, die Elvis in den nächsten Jahren ausüben würde: Elvis-Darsteller (blöderweise ein verdammt guter: «Genau das war die Zwickmühle: Er war Elvis Presley, der vorgab, Elvis Presley zu sein – dabei aber nicht zu sehr Elvis Presley sein durfte.») Außerdem im Angebot: Elvis als Filmemacher, Revolutionär und Chef einer segensreichen Einrichtung für Promis, die ihr  vermeintliches Ableben sauber organisiert und inszeniert  haben wollten – nennen wir es der Einfachheit halber eine Selbstmordagentur. Eigentlich eine akzeptable Bilanz für einen kompletten Neuanfang.


Und doch gab es sie, diese seltenen Momente, in denen Elvis spürte, dass er wirklich aus der Welt gefallen war. Anfangs war er ja noch angefixt, als MTV 1981 auf Sendung ging. Aber weshalb dann gleich dreißig Rod-Stewart-Videos senden? Wobei … Rod Stewart war ja noch vergleichsweise harmlos. «Die Eurythmics, Culture Club und Duran Duran waren für seinen Geschmack keine Bands, sondern Selbsthilfegruppen. Noch viel schlimmer aber ging es ihm mit Van Halen, Def Leppard und Bon Jovi. (…) Diese Knallköpfe sahen aus, als wären sie allesamt zu Mardi Gras auf psychedelischen Drogen hängengeblieben. Und als Mitte der Achtziger auch noch Run DMC, The Fat Boys, LL Cool J und die Beastie Boys ins Programm aufgenommen wurden, hätte Elvis seinen Fernseher am liebsten mit einer Panzerfaust weggeballert.» Nirvana, Pearl Jam, Red Hot Chili Peppers, Michael Jackson … alles Mist, alles Trash!


Sein Meisterstück lieferte Elvis dann an einem Wendepunkt von welthistorischer Bedeutung ab. 1989 – da war der King offiziell schon mehr als ein Jahrzehnt tot – war er weit herumgekommen, hatte in 38 der 50 US-Bundesstaaten gelebt. Nun war es Zeit, das Ausland ins Visier zu nehmen. Und was bot sich da besser an als die DDR, als Ostberlin und Leipzig in den Monaten vor dem Mauerfall. Was glauben Sie denn, wer die erste Montagsdemo in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik angestoßen hat … und von wem der Umsturzslogan «Wir sind das Volk!» stammt? Na, sehen Sie!

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