04.05.2018   von rowohlt

Einmal Damaskus–Aleppo und zurück

«Khaled Khalifa hat eine tiefschwarze, grauenvolle Komödie aus dem Totenreich unserer Zeit geschrieben.» (Literatur Spiegel)

© iStockphoto.com
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Der 1964 geborene Essayist, Drehbuchautor und Schriftsteller Khaled Khalifa zählt zu den bedeutendsten Autoren des arabischen Raums; wiederholt wurden seine Romane für den International Prize for Arab Fiction nominiert. Als einer der wichtigsten Kritiker des Assad-Regimes ist er in Damaskus geblieben. Khalifa schreibt aus seiner Heimat, nicht aus dem Exil, wie fast alle seiner Kollegen. Sein Roman «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft» erzählt von einer bizarren Reise durch Syrien: Die drei Geschwister Fâtima, Hussain und Bulbul sind im Minibus mit der Leiche ihres Vater unterwegs. Dessen letzter Wunsch war es, in seinem Heimatdorf Anabija nördlich von Aleppo bestattet zu werden – im Krieg eine fast unlösbare Herausforderung …

«Die Sieger haben nicht immer recht»


Was früher ein Katzensprung gewesen wäre, die Strecke von Damaskus nach Aleppo, dauert im verwüsteten Syrien – aufgrund von Heckenschützen, Sprengfallen und Straßensperren von Islamisten, Aufständischen und Assad-Milizen – vier Tage: Tage, in denen die Verwesung des Leichnams rasant fortschreitet. (Fast tröstlich, dass Google Maps noch immer eine Fahrtzeit von 4 Stunden und 41 Minuten für die 370 Kilometer bis Aleppo prognostiziert; zumindest die Algorithmen des Internetgiganten scheinen noch nichts vom blutigen Bürgerkrieg mitgekriegt  zu haben, der in den vergangenen sieben Jahren rund eine halbe Million Opfer forderte.)


Mit melancholischer Komik beschreibt Khalifa den Alltag in Syrien – ein Road-Trip durch ein zerstörtes Land, ein Buch über Kinder und Väter, über aktuelle Verwüstungen und zeitlose Hoffnungen. Eine zerstrittene, entwurzelte Familie wird zum Spiegel einer zerrissenen Gesellschaft – die Protagonisten von Khalifas erstem auf Deutsch erscheinendem Roman sind alles, nur keine Helden. Fâtima wollte Lehrerin werden – und fristet ein armseliges Leben als unterdrückte Ehefrau. Hussein wäre zu gern Personenschützer für Prominente zu Geld und Ansehen gekommen, nun fährt er russische Tänzerinnen durch Damaskus. Und Bulbul verdingt sich als Händler von Trockenfrüchten, anstatt auf sein Philosophiestudium zu setzen. 


Gescheiterte sind sie alle, wie auch ihr Vater, der als pensionierter Lehrer zuletzt den Friedhof in einem von Rebellen gehaltenen Dorf verwaltete; Grund genug für die Schergen von Diktator Baschar al-Assad, ihn als Terroristen zu brandmarken. Was zu der grotesken Situation führt, dass an einem Armee-Checkpoint sein Leichnam als Oppositioneller verhaftet wird, gemeinsam mit seinen Kindern …

DAS INTERVIEW


Als kritischer Autor leben Sie trotz des Bürgerkriegs weiterhin in Damaskus und wollen dort auch bleiben. Wie stehen Sie zum Regime? Werden Sie toleriert?
Nicht immer. Meine Bücher sind verboten, man kann sie in Syrien nur auf dem Schwarzmarkt kaufen. Auch andere Dinge beeinträchtigen mein tägliches Leben, aber das macht mir nicht viel aus. Ich bin gegen das Regime und war es auch schon vor der Revolution.


Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, über den Bürgerkrieg für die Nachwelt zu berichten?
Ich lebe noch in Damaskus, weil das hier mein Zuhause ist und weil die meisten meiner syrischen Freunde auch noch hier sind. Ich glaube nicht, dass ich irgendwelche Privilegien hier habe, nur weil ich ein Schriftsteller bin. Das Leben aller Syrer ist in Gefahr, also auch meines.


Als Schriftsteller präsentieren Sie ein literarisches Bild Syriens während des Krieges (im Jahr 2015). War das Ihr Ziel, als Sie mit der Arbeit an Ihrem Roman «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft» anfingen?
Nein, ich habe das Buch geschrieben, weil ich es schreiben musste. Der Tod hat mich überall umgeben, und ich hatte nichts als das Schreiben, um meine Gefühle, um mein Leben und das derjenigen um mich herum auszudrücken.
Dennoch sind die Widrigkeiten, die Bulbul und seinen Geschwistern im Roman widerfahren, mit der aktuellen Situation im Land vergleichbar. Vielleicht wäre eine solche Reise jetzt sogar noch schlimmer.


Die Geschwister Bulbul, Hussain und Fâtima stehen sich nicht sehr nahe, oder noch schlimmer: Sie beschließen, nach ihrer Reise nicht mehr miteinander zu sprechen. Ist diese Zerrissenheit etwas, was für viele syrische Familien in diesen Zeiten gilt?
Ja, nach der Revolution ist die Gesellschaft an sehr vielen Stellen auseinandergebrochen. Die Familie in «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft» steht exemplarisch für viele syrische Familien.


Auch von ihrem Vater Abdallatif waren die drei entfremdet. Warum erfüllen sie ihm dennoch seinen letzten Wunsch, seine Leiche für die Bestattung quer durchs Land in sein Heimatdorf zu transportieren? 
Bulbul ist derjenige, der darauf besteht, den letzten Wunsch des Vaters zu erfüllen. Mit der Reise wollte er den Mut finden, den er in seinem Leben nie hatte. Für syrische Familien ist der tote Körper eines Angehörigen etwas sehr Bedeutsames.


Ihr Roman ist auf der einen Seite extrem hart und traurig; in manchen Situationen scheint allerdings auch ein sehr spezieller lakonischer Humor durch. Ist das der richtige Weg, der deprimierenden Situation zu begegnen?
Vermutlich ja. Als ich anfing, den Roman zu schreiben, habe ich mir vorgenommen, über alle Details des Krieges zu schreiben. Dieses ganze traurige und verrückte und durch und durch überraschende Leben. Im Krieg kannst du alle Facetten des Lebens direkt neben dir finden.

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