29.02.2016   von rowohlt

«Eine wundervoll peinliche Zeit. Die beste Zeit überhaupt …»

«Große Klappe und viele Fans» (Berliner Zeitung) – Lars Niedereichholz' furioser Debütroman

© iStockphoto.com
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Wie das alles anfing? Ganz unsentimental eigentlich. Als die über 70-jährigen Eltern endlich ihr Reihenmittelhaus verkaufen und im Gegenzug eine altersgerechte Wohnung erwerben, schleppt Marc «so eine große Kiste mit Kram» weg, die sonst auf dem Müll gelandet wäre. Für Marc ist es eine Schatzkiste, randvoll mit Erinnerungsstücken aus seinem Kinderzimmer. Schallplatten, Musikkassetten, eine Strickjacke mit Schulterpolstern, alte Kinokarten, ein unbenutztes Kondom. Und, nicht zu vergessen, die Betriebsanleitung zu seinem alten Gilera ec1-Mofa ... Lars Niedereichholz nimmt uns in «Mofaheld» mit auf eine großartige Zeitreise ins Jahr 1986. 

Mit Karacho zurück in die 80er!

Dark Wave, Cure, Mixed Tapes und Grufti-Look, KISS (Knights in Service of Satan), AC/DC (After Christ Devil Comes), W.A.S.P. (We Are Sexual Perverts) etc.pp.: Lars Niedereichholz schafft es auf hinreißende Weise, die 80er-Jahre-Ikonen und -Klamotten hervorzuholen und für alle, denen diese Jahre etwas Besonderes bedeuten, neu zu arrangieren. Wer erinnert sich noch, welches Erdbeben der Song «Geil» von Bruce & Bongo in den Medien damals auslöste? Das Wort galt als krass jugendgefährdend, der Bayerische Rundfunk weigerte sich, «Geil» zu spielen, der Untergang des Abendlandes war zum Greifen nahe.  


Und Mötley Crüe – sagt das heute noch jemandem was? Nichtwissenden hilft Wikipedia auf die Sprünge: US-Glam-Metal-Band, gegründet 1980, Visionäre des Heavy-Metal-Umlauts, 50 Millionen verkaufte Alben. Für Marc sind die Mötley Crüe-Rocker die Heroen, die Götter seiner (ewig langen) Spätpubertät. Man könnte den Knaben mit der runden Nickelbrille ein Glückskind nennen, im Prinzip wenigstens. Aber eigentlich ist Marcs Glückssträhne bereits im Moment der Geburt vorbei.


Der Junge war eine Zangengeburt. Klingt nicht gut, ist nicht gut  – «sogar Kaiserschnitt klingt besser». Zurück bleiben ein leicht verkürzter linker Arm und ein ebenso verkürztes linkes Bein. «Und so geht es weiter. Mieser städtischer Kindergarten. Erdnussallergie. Rechtes Auge zwecks Ausgleich linksseitiger Sehschwäche zugeklebt. Grundschule mit alkoholkranker Klassenlehrerin. Wenige Freunde. Nur ganz knappe Empfehlung fürs Gymnasium. Wobei die Erdnussallergie sicherlich der bedrohlichste Pechfaktor ist». Saublöd auch, dass bei der Klassenreise nach Terracina der Spitzname «La Luce» (das Licht) an ihm kleben bleibt, was dann aus Effizienzgründen kurzerhand eingedeutscht wird: Von da an ist Marc «der Lutscher». Aus und vorbei ist es mit der Lichtgestalt.


Marc gibt sich redlich Mühe, gegen seine Handicaps, gegen das ganze Lutschertum anzugehen. Er spielt Gitarre in der Heavy-Metal-Combo Blooddigger (das ist mal ein Name!). Gewöhnt sich einen ziemlich rüden Jargon an («Mongo ist mein Lieblingsschimpfwort»). Flippt im Rahmen seiner Möglichkeiten aus, als er statt einer richtigen Rockerlederjacke ein braunes Lederdings mit Schulterpolstern von C&A bekommt. Brennender noch die Enttäuschung, als seine Eltern ihm endlich den Mofawunsch erfüllen. Keine Sau fährt eine Gilera ec1, keine außer dem Lutscher! 16 km/h Spitzengeschwindigkeit: wie peinlich! Und dann noch das Schild am Lenker: «Für unseren kleinen Prinz. Immer vorsichtig fahren. Wir haben dich lieb. Mama und Papa.» 

Boys don't cry!

Wie soll es da mit Mädchen was werden! Zu Hause ist es eh schon unheimlich eng ist, seit Opa Erwin dort wohnt, nachdem man ihn aus dem Altersheim rausgeschmissen hat. Und weil Erwin wie ein Wahnsinniger Kette raucht, stinkt es im Reihenhaus der Familie am hintersten Ende von Bad Homburg wie in einer Hafenkneipe. Hierhin würde er seine Angebetete, die hübsche Anna Sukolewski, niemals einladen können! 


Pubertät nervt mörderisch! Schluss mit Zahnspangen, Nesquik-Erdbeermilch, Pickeln und orthopädischen Maßschuhen! Da müssen ein paar schärfere Sachen passieren, sagt sich Marc, Aktionen, die ihm endlich Respekt verschaffen. So erklärt er sich bereit, in die Wohnung von Englischlehrer Dr. Baker eizusteigen und die Prüfungsbögen für die nächste Klausur zu klauen. Im Gegenzug erhofft er sich auch von Anna etwas: ein schlimmes Missverständnis, leider.


«Oberaffentittengeil» sollte auch Marcs Auftritt bei der Neueröffnung des städtischen Schwimmbades samt Einweihung der Wasserrutsche werden, für die seine Schule die Schirmherrschaft übernommen hat. Wie durch ein Wunder wird unserem Mofahelden die Zuständigkeit für Beschallungstechnik und musikalische Untermalung der Veranstaltung überantwortet. Heißa, was für ein Fest! Die Eltern schämen sich in Grund und Boden, allein Opa Erwin ist begeistert: «Super, Lutscher! Das war ma rischtisch geil!» 


Langsam wird der Boden unter Marcs Füßen verdammt heiß. Kaum hat sich die Sache mit der Brachialbeschallung des Schwimmbad-Events etwas gelegt, zieht der renitente Knabe den glühenden Hass von Pfarrer Moosbacher auf sich. Im Bestreben, seine mündliche Note zu verbessern, lässt er sich im Unterricht zu einer improvisierten Neuinterpretation der biblischen Geschichte von der unbefleckten Empfängnis hinreißen (eine tragende Rolle in seiner Beweisführung spielt dabei Josephs Zeugungsunfähigkeit). Shame and scandale in the family!

Verdammte strahlende Zukunft!

1986, war da nicht noch was Anderes? Was wirklich Wichtiges, das die Welt in Angst und Schrecken versetzen sollte? Am 26. April 1986 bricht im Block des 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat eine Nuklearkatastrophe los. Die sich ausbreitende Panik ist auch in dem Roman spürbar – speziell im wilden Aktionismus von Erwin und Enkel Marc, die irrsinnige Notkäufe für die letzten Tage der Menschheit tätigen. Zum Glück hält die verheerende Strahlung aus dem Osten unseren Helden in seiner Entwicklung und Reifung nicht komplett auf …


Und dann kommt… nein, nicht Ute. Auch nicht Anna. Sondern Gerlinde, das Gothic-Mädel im bodenlangen schwarzen Stoffrock und mit dem großen schwarzen Vogelnest auf dem Kopf. Endlich hat Marc mal so etwas wie Glück. Und das als quasi behinderte Zangengeburt!


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