07.11.2017   von rowohlt

Eine verschwiegene Gemeinschaft. Ein ungeklärter Todesfall.

«Herausragend!» (Times Literary Supplement) – Der zweite Band der Sea-Detective-Reihe von Mark Douglas-Home

© iStockphoto.com
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Durch die schmutzige Windschutzscheibe seines Wagens sieht er die junge Frau. Reglos schaut sie aufs Meer, eine gefühlte Ewigkeit lang. Meeresbiologe und Umweltaktivist Cal McGill packt die Neugierde – was hat sie an den entlegenen Strand getrieben? Seine Neugier mündet in einen neuen Fall, als er herausfindet, dass 26 Jahre zuvor eine andere junge Frau am selben Strand stand, bevor sie ins Meer ging. Laut Angaben der Polizei tötete sie sich selbst und ihr ungeborenes Kind. Cal kommen Zweifel an dieser Version, doch bei seinen Nachforschungen gerät er an eine Küstengemeinde, die beharrlich schweigt. Zu beharrlich.

Über Mark Douglas-Homes Sea-Detective-Reihe


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Atmosphärisch super. Die Schotten packen's an, ob Gischt oder Gemeinheit.»
Radio Bremen: «Eine Klasse-Mischung aus Familiengeheimnis, aktueller Weltgeschichte und schottischen Lebensbedingungen mit interessanten Figuren.»
Shotsmag: «Ungewöhnlich, interessant und packend.»
The Scotsman: «Der Sea Detective hebt die Messlatte für schottische Kriminalromane … Elegant geschrieben und fesselnd.»


Zum Autor: Nach einer Reporterkarriere war Mark Douglas-Home bis 2006 Herausgeber der schottischen Tageszeitung The Herald, ehe er anfing, Kriminalromane zu schreiben. Sein journalistisches Rüstzeug dürfte ihm bei der Entwicklung der Figur des Sea Detective äußerst nützlich gewesen sein. Bei der (recherchelastigen!) Thematik rund um Meeresströmungen, Windwirbel und Zersetzungsprozesse organischer Materie im Wasser stand ihm u.a. mit Toby Sherwin, einem emeritierten Professor der Ozeanographie, ein ausgewiesener Kenner der Materie zur Seite. 

«Ihr werdet bezahlen …»


Irgendetwas stimmt hier nicht, denkt Mrs. Anderson bei der Beerdigung von Diana Ritchie. Warum diese Feindseligkeit, die kaum verhohlene Aggressivität von Seiten der Hinterbliebenen in der Dorfkirche von Poltown? Weshalb muss sie sich verächtliche Bemerkungen wie die vom Schwiegersohn der Toten anhören: «Diana fühlte sich verpflichtet, Sie über all die Jahre zu ertragen … Doch wir werden Sie nicht länger tolerieren»? Dabei war sie es doch, die Diana Ritchie damals half, heil aus jener «unseligen Geschichte» herauszukommen. Damals, vor 26 Jahren, als eine junge Mutter starb – und die Umstände ihres Sterbens totgeschwiegen werden. 


Als Haushälterin der Ritchies hatte Mary Anderson vieles mitbekommen, manchmal mehr, als sie wissen wollte. Die glücklichen Momente ebenso wie die zerrüttenden Krisen, Ehekrise, Affäre («seine Tollheit») und Entfremdung inklusive. Nun fühlt sie sich verraten, an den Rand gedrängt. Und beschließt: Es ist Schluss mit der Loyalität zu den Ritchies. «Hatte Mrs. Anderson Diana denn nicht gerettet und sich dabei die Hände mit Blut beschmiert? Die Familie hätte sie nicht so nah herankommen lassen dürfen, wenn man vorhatte, sie einfach so wieder loszuwerden. Sie würden für das, was sie nun getan hatten, bezahlen müssen. Oh, und wie sie bezahlen würden.»


Auch Cal McGill ist zur Trauerfeier von Diane Ritchie, einer Bekannten seiner Mutter, nach Poltown gefahren. In jenen Küstenort gut hundert Kilometer von Inverness entfernt, von dem es in einem Online-Reiseführer hieß, seine größte Attraktion bestehe in vergrabenen Öltanks und stillgelegten Militärbaracken. Wenn er ehrlich ist, hat ihn etwas ganz anderes in den Nordwesten Schottlands getrieben: das Bedürfnis, sich endlich einmal wieder den Kopf von Wind und Wetter freipusten zu lassen. Nicht ständig konfrontiert zu sein mit Tod und Vergänglichkeit. Das genau bringt seine Arbeit als Ozeanograph und Ermittler für Strand- und Treibgut mit sich. Sein Wissen über Meeresströmungen, Winde und Gezeiten haben ihn zum gesuchten Fachmann für verschwundene Dinge – und verschollene Leichen gemacht. 


Dass Cal McGill vom Meer nicht loskommt, liegt auch am tragischen Schicksal seines Großvaters Uilleam. Der hatte im Ersten Weltkrieg auf einem umgebauten Trawler gegen deutsche U-Boote gekämpft; mit mehreren anderen Männern von der winzigen Insel Eilean Iasgaich war der Einundzwanzigjährige bei einem Einsatz  vor der Nordküste Schottlands ertrunken. 


Eine Spur tief in die Vergangenheit


Als Umweltaktivist sieht McGill sich gefordert, als er in Poltown den alten Duncan Boyd kennenlernt, einen alleinlebenden Strandgutsammler, der ihn in seiner scheuen, fast kindlichen Art verwirrt. Boyds Anliegen versteht er aber umso besser: Der alte Mann weigert sich, sein verwahrlostes Haus und das ihm gehörende Land Stück Land rund um «Boyd's Farm» dem Konzern zu verkaufen, der dort einen Windpark zur errichten möchte. Kein Wunder, dass Boyd dafür von vielen Dorfbewohnern angefeindet wird, die den großen Reibach wittern.


Mit der Ruhe ist es endgültig vorbei, als sich Violet Wells, eine alleinerziehende Mutter, nach Poltown aufmacht. Von einem Sozialarbeiter hatte Violet erfahren, wer ihre Mutter war – und wie sie laut Polizeiangaben starb. Megan Bates, heißt es, habe auf der Gezeiteninsel Orasaigh Island gelebt; eines Tages sei sie – hochschwanger – aufs Meer hinausgeschwommen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Endlich hat Violet eine Spur ihrer unbekannten Mutter gefunden – endlich kann sie die schmerzendste Leerstelle ihres Lebens füllen. «Sie spürt ein tiefes und, angesichts der Umstände, merkwürdiges Gefühl; beinahe ein Glücksgefühl. In jedem Kind lebt das Bedürfnis, zu einem Menschen zu gehören. In Violets Fall hatte sich daran bis heute nichts geändert.»


In Poltown kreuzen sich die Wege von Violet und Cal. Anfangs noch unzugänglich und verschlossen, beginnt Violet  sich nach und nach dem Meeresbiologen anzuvertrauen und ihm von ihrem zerrissenen Leben und dem rätselhaften Tod ihrer Mutter zu erzählen. Gemeinsam machen sie sich auf Spurensuche und beginnen Fragen zu stellen. Gefährliche Fragen. Eines ist für Cal McGill klar: Die Version, die man sich in dem Küstenstädtchen über den Tod von Megan Bates erzählt, kann einfach nicht stimmen … 


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