09.05.2018   von rowohlt

Eine Stadt wie keine andere

Roz Chast über den «tollsten Ort der Erde». Das erste New-York-Buch, in dem die Freiheitsstatue garantiert KEINE Rolle spielt …

© Roz Chast
© Roz Chast

Dies ist kein Insider-Guide für New-York-Besucher, kein Geschichtsbuch und auch kein Großstadtmemoir. Dies ist die bedingungslose Liebeserklärung einer begnadeten Illustratorin an ihre Stadt. Und nein, Roz Chast hat keine Angst, dass sie uns zu viele Geheimnisse verrät, denn: «Manhattan ist seit 1626, als Peter Minuit es den Indianern für 24 Dollar abkaufte, am Arsch.» Roz Chast ist seit 1978 Cartoonistin des «New Yorker» – Chefredakteur David Remnick nennt sie «das einzig wahrnehmbare Genie des Magazins». In ihrem neuen Buch gibt sie uns den Schlüssel zur vielleicht faszinierendsten Metropole des Planeten an die Hand: ein Buch, das mit sanft-bissigem Humor erklärt, wie die Stadt tickt, sie aber nicht überhöht. New York in Text und Bild für Anfänger und Kenner –  zum Benutzen, zum Verschenken, zum sich einfach daran Freuen. 

Eines vorweg ...


«Wenn Sie in Manhattan das Gefühl haben, es wäre ‹überall überhaupt nichts los›, dann ist dies hier DEFINITIV das falsche Buch für Sie. Wahrscheinlich sind Sie außerdem tot.»


Warum nichts über die Statue of Liberty hier zu finden ist? Zum Beispiel «weil ich da selbst noch nie gewesen bin». Oder weil es dort immer zu kalt ist. Oder zu heiß. Oder zu touri-überlaufen. Und überhaupt: «Bin nicht in Statuenlaune.» Offen gesagt lebt Roz Chast gar nicht mehr in New York, sondern ist mit ihren Leuten raus ins Grüne gezogen, als sie zum zweiten Mal schwanger war. Die Mieten in Brooklyn waren Anfang der 1990er für eine vierköpfige Familie schlicht nicht mehr finanzierbar. Als ihre Tochter sich anschickte, nach New York aufs College zu gehen, legte Roz Chast als treusorgende Mutter ein Heft an («Ninas New York Basis-Guide»). In das packte sie alles hinein, was ihr dort lebens- und liebenswert erschien. 


Was man hier alles lernt! Den Unterschied zwischen Avenues und Streets; dass der Broadway das Schachbrettmuster Manhattans cool ignoriert und niemand die Avenue of the Americas Avenue of the Americas nennt (sondern Sixth Avenue); dass Big-Apple-Bewohner den Kopf schütteln über Touris, «die aus irgendeinem Grund an einer roten Ampel einfach stehen bleiben»; weshalb man unbedingt den Shuttle kennen sollte, der über die 42nd Street den Times Square (West) und Grand Central Station (East) als klassische Umsteigepunkte verbindet; welche Museen man keinesfalls verpassen darf; warum man den Central Park, der 6 % der Grünfläche von Manhattan ausmacht, zu Recht eine «demokratische Errungenschaft von höchster Bedeutung» nennen kann … 


Diese und Dutzende weiterer Basisinfos über die Stadt der Städte hat Roz Chast für ihre Tochter (und uns) zusammengestellt. Das hinreißend illustrierte Buch endet mit den Folgen des Terroranschlags vom 11. September 2001 für das Selbstbild der New Yorker:


New York nach 9/11


«Die größte Veränderung in New York geschah am 11. September 2001, als sich an einem herrlichen Spätsommertag – wie aus dem NICHTS – zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center Bohrten. In jenem Moment verschwand die Illusion, wir wären immun gegen die Gräuel, zu denen es auf diesem Planeten so oft kommt. Dies war, glaube ich, das erste Mal, das wir New Yorker unser Gefühl der Unverwundbarkeit verloren, aber das stimmte nicht. Ich zitiere E. B. White, dessen «Here is New York» 1949 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurde:


‹Zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte ist die Stadt zerstörbar. Ein Fluggeschwader kann blitzschnell diese Inselphantasie beenden, Türme niederbrennen, Brücken einstürzen lassen, U-Bahnhöfe in Todesfallen verwandeln, Millionen zu Asche verbrennen … Städtebewohner müssen immer mit der Möglichkeit ihrer Vernichtung rechnen, (doch) New York hat eine klare Sonderstellung. Welcher perverse Geist auch immer die Feuer der Hölle auf die Erde regnen lassen will, New York wird stets das verlockendste Ziel sein.›


Aber New York hat sich erholt. Weil es der tollste Ort der Erde ist, ein Experiment, ein Schmelztiegel, ein Todeskampf, eine Oper, eine Operette, eine Tragödie, nichts von alledem, alles von alledem. Wir sind der Zielhafen für Suchende und Träumer, für Irre auch. Und wir leben nun einmal hier.


Dieses Buch ist eine Art Stadtführer, aber ebenso ein Dankesbrief an meine Heimatstadt und an alle New Yorker. Ihr wisst schon, wer gemeint ist.»

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