02.01.2016   von rowohlt

Eine Sprache, hart und nah am Beat

Thomas Davids rororo-Monographie des großen Romanciers Philip Roth

© Nancy Crampton
© Nancy Crampton

Seit Jahrzehnten gilt Philip Roth als einer der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart. Bis auf den Nobelpreis für Literatur, für den er seit Jahr und Tag als einer der heißesten Anwärter gilt, hat er praktisch alle bedeutenden literarischen Auszeichnungen erhalten. Thomas David lädt uns in seiner rororo-Monographie zur Auseinandersetzung mit Leben und Werk  von Philip Roth ein: von «Goodbye, Columbus» und «Portnoys Beschwerden» über die Kepesh-Trilogie und den Zuckerman-Zyklus bis zum grandiosen Alterswerk mit Romanen wie «Der menschliche Makel», «Das sterbende Tier» und «Nemesis».


Einige Stationen, die Philip Roth zurücklegte – vom Baseball-faszinierten Jungen aus New Jersey zum amerikanischen Starautor:

Weequahic, Bucknell, Bellow …


Weeqwuahic. Am 19. März 1933 kam Philip Roth im Beth Israel Hospital von Newark, New Jersey, zur Welt. Sein Vater Herman Roth arbeitete für die Versicherungsgesellschaft Metropolitan Life; die Eltern seiner Frau Beth stammten aus der Nähe von Kiew, die Großeltern sprachen Jiddisch, «die Geheimsprache, die Sprache der Überraschung und des Ärgers». 1933 zog die Familie in die Summit Avenue in Weequahic, ein Viertel im äußersten Südwesten der Stadt –ein Zentrum jüdischer Assimilation, bewohnt von amerikanisch-jüdischen Patrioten, ein Insel inmitten wüster antijüdischer Ressentiments (mehr als einhundert antisemitische Organisationen agitierten in den 1930er Jahren gegen «die Juden»). 


Bucknell. Roth' Studienjahre fielen in die Blütezeit des paranoiden McCarthyismus, als der Antikommunismus Staatsreligion war, Schwarze Listen in Hollywood Hochkonjunktur hatten und die Sprache des Verrats das öffentliche Leben kontaminierte. 1952 gab Philip Roth das Studium der Rechtswissenschaft am Newark College der Rutgers University  auf, um Englische Literatur an der Bucknell University in Lewisburg, Pennsylvania, zu studieren, «im Herzen eines der konservativsten republikanischen Bezirke des Staates». Hier vollzog sich die rebellische Häutung des Philip Roth; die Jahre der Selbstzensur und Anpassung waren zu Ende. 


Saul Bellow. Wenn es für Roth ein literarisches Erweckungserlebnis gab, dann die Auseinandersetzung mit Saul Bellows bahnbrechendem Roman «Die Abenteuer des Augie March». «Es kam mir vor, als hätte Bellow alle Zwänge abgeschüttelt …» Jahre später schlug Saul Bellow, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1976, der Schwedische Akademie einen amerikanischen Kollegen vor: Philip Roth.

Aus härterem Holz geschnitzt


Stilbildend. Seit «Goodbye, Columbus», so Roth 1969  in einem Interview mit New York Times Book Review, fasziniere ihn «eine Prosa, die die Wendungen, Vibrationen, Intonationen und Kadenzen, die Spontaneität und Leichtigkeit der gesprochenen Sprache aufweist, zugleich aber fest auf dem Blatt Papier verankert ist, wie man sie eher von literarischer Rhetorik erwartet.» Der Kritiker Theodore Solotaroff nennt einen weiteren (überraschenden) literarischen Bezugspunkt, J. D. Salinger, Autor des Kultromans «Der Fänger im Roggen»: «Wenn Roths Literatur etwas von Salingers Geist und Charme hatte, die einnehmende Mischung aus jugendlichem Idealismus und Zynismus, die Atmosphäre unmittelbarer Realität, so war sie doch aus härterem Holz geschnitzt.»


Jüdisches, Antijüdisches. Bellow schrieb mit Blick auf Philip Roth im Juli 1959 in «Commentary»: «Hier und dort begegnet man Leuten, die meinen, die Aufgabe eines jüdischen Schriftstellers in Amerika bestehe darin, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten – alles, was an der jüdischen Gemeinde nett ist, breitzutreten und alles andere wegzulassen, aus Loyalität. Darin besteht die Aufgabe jüdischer und anderer Schriftsteller ganz und gar nicht.» Roth hat seit jeher polarisiert. Positive Statements zu seinem Werk klingen dann gerne mal so: Ein Autor, «so vulgär, komisch, subtil, mitleiderregend und schmutzig» wie Newark selbst (Leslie A. Fiedler in der zionistischen Zeitschrift ‹Midstream›). Für das konservative jüdische Establishment war Philip Roth ein rotes Tuch: ein jüdischer Judenhasser, ein Nestbeschmutzer, ein Glücksfall für Nazis und Antisemiten, «Wasser auf die Mühlen eines Julius Streicher oder eines Joseph Goebbels».


1963-1968: Bewegte Jahre. Juni 1963: Bei einem Aufenthalt in Israel, dem «zionistischen Labor für jüdische Selbstexperimente», trifft Roth neben einer Vielzahl von Schriftstellern und Intellektuellen auch Premierminister David Ben-Gurion. 26.6.1963: John F. Kennedys berühmte Berliner Rede. 28.8.1963: «Marsch auf Washington»: die Bürgerrechtsbewegung macht mobil; Martin Luther King: «I have a dream». 1965: Flächenbombardements über Nordvietnam: Philip Roth nimmt an Protestmärschen und Demonstrationen gegen die US-Kriegspolitik in Vietnam teil. 4.4. und 6.6.1968: Ermordung von Martin Luther King in Memphis und von Robert Kennedy in Los Angeles.


Portnoys Beschwerden. Wenige Monate nach dem Amtsantritt des 37. US-Präsidenten Richard Nixon erschien «Portnoys Beschwerden». Die auszugsweisen Vorabdrucke hatten dem Buch Kultstatus verliehen und den Autor skandalisiert; kaum eine Dinner Party, auf der nicht «Portnoy-Stellen» die Runde machten. Für die einen war der Roman ein Vergnügen, für andere war er Schmutz, eine Manifestation von jüdischem Selbsthass aus der Feder eines «illoyalen Bastards». Gershom Scholem nannte es «das Buch, für das alle Antisemiten gebetet haben». In den ersten zehn Wochen verkaufte Random House mehr als 200.000 Exemplare. «Bald wird der Roman in jede Vene der heutigen Kultur gespritzt werden: als Hardcover, als Taschenbuch, als Buchclub-Ausgabe und als amerikanischer Film.» (Albert Goldman) Um dem Trubel zu entgehen, zog Philip Roth sich für mehrere Monate in die Künstlerkolonie Yaddo in Saratogo Springs zurück; später mietete er in ein abgelegenes Haus in Woodstock am Saum der Catskill Mountains.

Kafka, Kepesh, Silk und Sabbath


1972 reiste Roth zum ersten Mal nach Prag, Konsequenz seiner obsessiven Beschäftigung mit Franz Kafka. Was als literarische Spurensuche begann, wurde zur intensiven Auseinandersetzung mit oppositionellen Schriftstellern wie Ivan Klíma, Vaclav Havel und Milan Kundera. Für das amerikanische PEN-Zentrum verfasste er 1973 den Länderreport über die CSSR. Roth avancierte zu einem der einflussreichsten Vermittler osteuropäischer Literatur in den USA: 1974 wurde er Herausgeber der bei Penguin Books erscheinenden Reihe «Writers from the Other Europe» (bis 1989).  Immer wieder reiste Roth nach Prag, bis ihm 1977 das Einreisevisum verweigert wurde. 


Schlafzimmerblicke, Boulevard-Taugliches wird man in dieser Monographie vergeblich suchen. Thomas David konzentriert sich auf das, was für die Entwicklung des literarischen Werks von Bedeutung ist. Natürlich schreibt er über Roth' Familie (Vater Herman, Mutter Beth, Bruder Sanford), seine Freundschaften (u.a. mit Melvin Tumin, Saul Bellow), seine Frauen (Margaret Martinson, Claire Bloom). Aber alles wirklich Wichtige erfahren wir von Philip Roth' Romanfiguren: von Alexander Portnoy und Nathan Zuckerman, von David Kepesh und Mickey Sabbath, von Coleman Silk und Simon Axler.


«This is the end, my friend …» Am 7. Oktober 2012 teilte Philip Roth in einem Interview mit dem französischen Kulturmagazin Les Inrocks mit, dass «Nemesis» sein letztes Buch sei. Sein amerikanischer Verlag Houghton Mifflin bestätigte wenige Wochen später Roth' Rückzug als Schriftsteller.

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