07.10.2015   von rowohlt

Eine Kindheit im Kiosk

Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis erzählt von ihrer etwas anderen Kindheit: charmant, lustig, traurig und immer aus dem wirklichen Leben

© Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich; Marcus Höhn
© Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich; Marcus Höhn

So wie Linda Zervakis heute als Tagesschau-Sprecherin in die Wohnzimmer der Nation guckt, hat sie früher aus dem Kiosk ihrer Eltern in Hamburg-Harburg geschaut. Als griechische Einwanderer hatten die Zervakis nicht viel Geld. Im elterlichen Kiosk arbeiteten alle Kinder mit: ein Ort, den Sozialhysteriker heute wohl als sozialen Brennpunkt bezeichnen würden. Migranten, Arbeitslose, «Leute, die zum Frühstück Kräuterschnaps bestellen», Rentneromis – ein buntes Völkchen, für den der Kiosk ein Stück Heimat war. Wie Linda Zervakis es gegen jede Wahrscheinlichkeit aus dem Harburger Büdchen ins Schaufenster der Tagesnachrichten schaffte, das erzählt sie in ihrem Buch «Königin der bunten Tüte».


«Linda Zervakis hat ein wunderbares Buch geschrieben über ihre Eltern, die der Armut Thessaliens entflohen, und ihre Vergangenheit als ‹Kanaken-Kind›.» (BILDplus)

«Wer anderen eine Grube gräbt, ist selber schuld»

Als Kind blickte Linda Zervakis weiß Gott nicht nur auf die blütenweißen Seiten des Lebens. Dafür waren die Umstände, unter denen sich die Familie ihren Lebensunterhalt erarbeiten musste, einfach zu hart. Vater Christos und Mutter Chrissoula, Chrissi genannt, waren in den 1960er Jahren aus Griechenland ins «eiskalte Deutschland» gekommen – als klassische Wirtschaftsflüchtlinge: ohne Deutschkenntnisse, dafür aber mit viel Hoffnung, 25.000 Drachmen (ca. 150 D-Mark) Startgeld und dem üblichen «Dreisatz der Immigranten: Koffer, Kühlschrank, Knoblauch».


Über Quakenbrück, wo Christos in einer Fahrradfabrik arbeitete und Chrissi in Hannover (bei Geha und Pelikan), ging es nach Hamburg. Hier fand  Papa Zervakis bei Phoenix Arbeit; ein Knochenjob am Fließband. Die Übernahme von Ottos Kiosk mitten im Harburger Trubel war genau die Alternative, von der Christos träumte. Wenn schon nicht Griechenland, dann wenigstens eine eigene Bude (auch wenn die nur gepachtet war). Genau hier spielten sich große Teile von Lindas Kindheit ab, zwischen Schnaps und Dosenbier, Kaugummi und belegten Brötchen, Goldenem Blatt und Bunte, Bild und MoPo, Springer Urvater und Ernte 23 und mit all den speziellen Menschen, die tagein tagaus dort aufkreuzten (Nikotin-Norbert, der Stinker, der Mörder, Gerda Brocken, Herr Millimeter …)

Linda, die Königin der bunten Tüte

Linda hatte Glück: eine gute Schule, Tante Toni, eine deutsche Tagesmutter, und nach und nach auch Freunde, die «das griechische Mädchen» nicht nur wegen des prachtvollen Zugangs zu Süßzeugs mochten. Sie lernte Deutschland in der Schule kennen, im Kiosk – und im Fernsehen: «Die Sendung mit der Maus», «Hallo Spencer», die Tagesschau («die heilige Viertelstunde») und «Ein Fall für zwei» (mit dem ewigen Claus Theo Gärtner als Privatdetektiv Josef Matula) etc.: Bildung kennt viele Quellen.


Auch wenn sie sich als «ziemlich deutsch geprägt» bezeichnet, bringen die kursierenden dümmlichen Griechenland-Klischees die Nachrichtenfrau auf die Palme. Für sie ist das Land ihrer Vorfahren kein Zuhause – und fühlt sich doch an wie Heimat. Bei ihren Besuchen in Griechenland genießt die zweifache Mutter mit ihrer Familie die Großzügigkeit und Herzlichkeit der Menschen im Heimatdorf ihrer Verwandten leben. Eines scheint aber definitiv kein Klischee zu sein: Wo Griechen zusammen sind, da gefeiert und gespeist, dass es eine Freude ist: Stifado, Lammkeule und gefüllte Paprika, Melidsana und Mezedes, Hackbällchen und Moussaka …


Übrigens hat Linda Zervakis noch immer eine klare Vorstellung davon, welche Naschis in eine erstklassige bunte Tüte gehören. Zur Minimalausstattung gehören große saure Schnuller («sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis»), saure Bänder, Schleckmuscheln, gelbe Lachmonde (die perfekten Gaumenkleber), weichgezuckerte Pfirsiche, weiße Mäuse, saure Gurken. («Und Lakritz natürlich!») Sehr vegan klingt das nicht, aber wunderbar süß und beglückend.

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