21.09.2016   von rowohlt

Eine Frau, 13 PS und alle Zeit der Welt

Vom bayerischen Dingolfing nach Berlin: Bianca Schäb gondelt im Goggomobil tiefenentspannt durch halb Deutschland

© Michaela Siegl
© Michaela Siegl

Mehr entschleunigen als in einem «Goggo» geht eigentlich gar nicht. Vor einem halben Jahrhundert sah man das komfortfreie Minimalauto häufig auf Deutschlands Straßen, heute fast nur noch im Automuseum odeer bei Oldtimer-Events: das Goggomobil. 13 PS, Höchstgeschwindigekti 50 km/h. Genau diesen Winzling von Auto hat sich Bianca Schäb für ihre wunderbare Entschleunigstour ausgesucht – 3000 Kilometer in 40 Tagen. Sie stoppt mit «Gretel» bei der Google-Zentrale, meditiert auf dem Autobahnparkplatz, macht aus Versehen eine digitale Entgiftungskur, absolviert ein Achtsamkeitstraining mit einer Rosine und redet wie ein Wasserfall im Schweigekloster. Und über allem steht die Frage: «Ich hab Zeit, was hast du?» 

Das Interview


Wie sind Sie darauf gekommen, auf Entschleunigungstour zu gehen? Gab es einen Anlass?
Ich hatte weder ein Burnout, noch wollte ich «aussteigen». Ich hatte aber das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht. Als Kind dauerten die Tage eine gefühlte Ewigkeit. Als Erwachsener fliegen sie nur noch so an mir vorbei. Ich wollte wissen, wie mir mein Leben wieder länger vorkommen kann. Dazu habe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen getroffen und sie gefragt, ob es ihnen auch so geht, ob sie einen Ratschlag für mich haben.


Darunter waren auch Nonnen, Google-Mitarbeiter und Manager mit Burnout. Welche Begegnungen waren die spannendsten?
Die, die ungeplant waren. Zum Beispiel habe ich im Allgäu an einer Tankstelle einen Tierernährungsberater getroffen, der zugleich Meditationslehrer war. Er hat mir zwischen Tankstellenshop und rangierenden Lkws gezeigt, wie man meditiert. Auf der Schwäbischen Alb habe ich ein Ehepaar kennengelernt, das seinen Besitz auf das reduziert, was es bei sich trägt – darunter auch ein Smartphone –, und sein Geld tageweise verdient. Die beiden machen ihre eigene Walz und wirkten auf mich sehr entspannt.


Ihre Reise liegt jetzt einige Monate zurück. Haben Sie Rituale beibehalten, oder hat der Alltag Sie wieder?
Noch bevor es mir langweilig wurde, habe ich früher schnell zum Handy gegriffen und geschaut, was so im Netz passiert. Ich wollte nichts verpassen. Meine Reise hat mir geholfen, solche Muster zu erkennen und sie zu durchbrechen. Ich habe gelernt: Wenn Langeweile aufkommt, sollte man sie aushalten können. Es lohnt sich. Denn danach kommt noch was. Dadurch, dass man auf etwas verzichtet, kann man etwas anderes viel intensiver erleben. «Du erlebst mehr, wenn du weniger tust» – diesen Tipp hat mir ein Hypnotherapeut zum Abschied mitgegeben. Ich versuche, mich in meinem Alltag daran zu halten.

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