28.09.2016   von rowohlt

Eine Buchhandlung, ein berühmter Dichter, ein Winter in Wien

Petra Hartlieb über ihr Verhältnis zu Wien, ein Leben mit und von Büchern – und virtuoses Multitasking

© bomg/shutterstock.com; Sebastian Reich
© bomg/shutterstock.com; Sebastian Reich

Marie arbeitet als Kindermädchen bei einer angesehen Familie im Wiener Cottage-Viertel. Eines Tages wird sie vom Herrn des Hauses, dem Dichter Arthur Schnitzler, zur Buchhandlung Stock geschickt, um ein Buch abzuholen. Doch sie kommt mit leeren Händen, völlig durchnässt vom Schnee, zurück. Der Band sei noch nicht eingetroffen, Buchhändler Oskar bringe ihn so bald wie möglich persönlich vorbei … Nach ihrem hinreißenden autobiografischen Text über die Gründung von Hartliebs («Meine wunderbare Buchhandlung») legt Petra Hartlieb mit «Ein Winter in Wien» eine wunderschöne historische Liebesgeschichte in bibliophiler Ausstattung vor.

Das Interview


In München geboren, in Oberösterreich aufgewachsen, in Hamburg gelebt, in Wien, der «Metropole des Morbiden», eine Buchhandlung eröffnet (und später noch eine) … Wie buchstabiert sich bei Ihnen eigentlich Heimat, oder, in Schlagerdeutsch gefragt: Wo ist Ihr Herz zu Hause?
Ach, mein Herz ist eigentlich da, wo meine Familie ist und meine Freunde. Also schon in Wien. Aber ein Stück davon ist immer auch in Hamburg, da hab ich manchmal richtig Sehnsucht danach. Das mit Oberösterreich ist eher so eine Hassliebe. Da aufgewachsen unter (geistig) beengten Verhältnissen, musste man ganz schnell wegziehen. Und jetzt, mit einem gewissen Abstand, find ich es doch auch wieder schön und merke, es ist so etwas wie Heimat. Als ich mir die Geschichte vom Kindermädchen Marie ausgedacht habe, da stand da plötzlich ganz viel von meiner oberösterreichischen Oma im Text. Zufall?


Wie sind Sie auf Arthur Schnitzler gestoßen – interessiert man sich als Buchhändlerin in Österreich quasi automatisch für eine der großen Figuren der literarischen Wiener Moderne? 
Wien um 1910 war einfach eine spannende Metropole, wahrscheinlich eine der interessantesten Phasen dieser Stadt. Und dann gehe ich fast jeden Tag bei meinem Hundespaziergang am Schnitzler-Haus vorbei, das da eher unscheinbar im Cottageviertel steht und dachte mir: Was könnte ich schreiben, dass es für mich auch spannend wird. Dass ich mir nicht nur eine Geschichte ausdenke, sondern auch recherchieren muss, mich mit etwas eingehend beschäftigen muss. Na ja, und dann kam diese Schnitzler-Idee, zumal ich im Burgtheater wirklich viel Schnitzler gesehen habe und wir selbstverständlich alles von ihm im Bücherregal stehen haben.


Hat es Sie zwischendrin nicht in den Fingern gejuckt, auch Sigmund Freud in die Geschichte «reinzuschreiben», mit dessen Forschungsgebieten (Traumanalyse, Hypnose) sich Arthur Schnitzler als Arzt mit eigener Praxis intensiv auseinandergesetzt hat?
Das Schwierige bei dem Text war ja, dass diese Personen, also Freud, Hofmannsthal, Salten usw. alle darin vorkommen, aber ich auf keinen Fall so eine «Schaut-was-ich-alles-weiß-Geschichte» schreiben wollte. Das heißt, sie sind alle da, Gäste, Nachbarn, Freunde aber nur die echten Experten erkennen sie wieder. Ich wollte keinen überfrachteten historischen Roman mit lauter realen Personen schreiben. Und die Hauptperson ist sowieso Marie.


Ihr Buch «Ein Winter in Wien» ist eine einzige Freude für alle, die Bücher lieben und für Ihr Leben gern in Buchhandlungen stöbern. Gibt es eigentlich ein historisches Vorbild für die Wiener Buchhandlung Antiquariat und Papierhandlung Friedrich Stock? (Ansonsten könnte man sich die Herren Stock und Novak auch gut in den Räumlichkeiten von Hartliebs in der Währinger Straße vorstellen …)
Ja, irgendwie kann ich nur Buchhandlung. Auch in meinen Krimis gibt es in jedem eine Buchhandlungsszene und im letzten Buch spielt ja die Buchhandlung die Hauptrolle. Und diese Buchhandlung „Friedrich Stock“, die gab es wirklich, die hieß auch so und war genau da, wo unsere Buchhandlung jetzt ist. Ich habe auch schon die ersten Exlibris von sehr alten Kunden bekommen.


Sie sind praktisch jeden Tag bei Facebook aktiv. Gehört die Präsenz in den sozialen Medien heutzutage zwingend dazu, um ein inhabergeführtes Buchgeschäft gegen die Marktmacht von Amazon & Co. im Spiel zu halten?
Ja, natürlich muss man sein Dorf vergrößern, muss auf sich aufmerksam machen. Ich gebe aber zu, dass ich das nur mache, weil es mir Spaß macht, das ist kein reines Marketing. Ich kurble wahrscheinlich nicht den Umsatz an, wenn ich jeden Morgen ein «Gute Morgen-Bild» von meiner Gassi-Runde poste. Aber viele Leute freuen sich darüber und fühlen sich mit mir verbunden. Und ich habe auch schon viele tolle Leute über Facebook kennengelernt. Aber als Marketinginstrument ist es natürlich unverzichtbar.


Viele, die einen Buchladen führen, erleben das als ständiges Auf und Ab: Man ist immer wieder begeistert von all diesen tollen Büchern auf überschaubarem Raum – und immer wieder frustriert, wenn der Inventurtermin nahte und so viele Bücher noch nicht verkauft sind. Haben Sie jemals an der Richtigkeit Ihrer Entscheidung gezweifelt, «in Zeiten wie diesen» ein Kaufgebot für eine Buchhandlung in Wien abzugeben (und dann auch noch den Zuschlag zu bekommen)?
Diese Momente gibt es immer. Im Winter, wenn man vor lauter Arbeit nicht weiß, wie man das überleben soll. Oder im Sommer, wenn man mal wieder nicht weiß, wie man die Gehälter bezahlen soll. Aber nach wie vor ist meine Buchhandlung der Platz, wo ich am liebsten arbeite, wo ich gerne bin, weil ich Bücher liebe und die meisten Kunden mag und unser Team einfach großartig ist.


Von bloßer Doppelbelastung kann bei Ihnen keine Rede sein. Sie führen mit Ihrem Mann Oliver zwei Buchhandlungen, haben zwei Kinder und einen Hund, schreiben Bücher (u.a. eine Krimireihe mit Claus-Ulrich Bielefeld), engagieren sich bei den Bücherfrauen, sind im sozialen Netz aktiv, mischen sich in die Lokalpolitik ebenso ein wie in die große Politik (Van der Bellen vs. Hofer, Amazon im Allgemeinen & Besonderen). Wie schaffen Sie das, oder, wie man in Wien sagt: Wie geht sich das aus? Ein bisschen Schlaf braucht der Mensch ja schon, oder?
Ja, das fragen mich viele, wie sich das ausgeht. Wenn ich da einen Ratgeber schreiben würde, könnte ich vielleicht ganz viel Geld verdienen und müsste nicht mehr so viel arbeiten. Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht alles so bierernst sehe. Schreiben hab ich ja auch so nebenbei angefangen, dass das mal so wichtig wird, konnte ich ja nicht ahnen. Und meine Kinder sind immer zur Selbständigkeit erzogen worden und kennen es nicht anders. Und ich brauche nicht immer viel Schlaf und ich habe viele tolle Freunde, die mir helfen und ... ach ... ich weiß auch nicht. Ich muss das jetzt abbrechen, muss noch etwas kochen, mit dem Hund gehen und zwei Seiten schreiben wollte ich heute auch noch ...


Sie wohnen direkt über der Buchhandlung in der Währinger Straße. Klingt praktisch, ist es bestimmt auch – aber fehlt Ihnen nicht manchmal die räumliche (und mentale) Getrenntheit von Arbeit und Privatleben?
Ich kann das mittlerweile sehr gut trennen. Wenn ich nicht im Dienstplan stehe, dann bin ich auch nicht da. Aber inzwischen hab ich sogar ein eigenes Büro. Zwar auch im Nebenhaus, aber ein Zimmer für mich allein, sozusagen. Nachdem ich fünf Bücher quasi zwischen Küchentisch und Sofa geschrieben habe, leiste ich mir das jetzt.


Vorletzte Frage (touristischer Natur): Was hat Wien – außer Stephansdom, Zentralfriedhof, Prater, Qualtinger, Fried & Freud & Falco, Rapid und Austria –, was Hamburg nicht hat? Das müssen wir als Hamburger fragen!
Das ist schwierig für mich, weil ich beide Städte so liebe. Aber dieses Barocke, Große, diese tollen Häuser in der Stadt, verschwiegene Durchgänge, die mir meine Tochter immer wieder zeigt, das Gemütliche, die Wiener Musik (Ernst Molden, Nino), die Theater ... ach, ich hör auf, das wird zu kitschig.


Letzte Frage (literarischer Natur): Wäre eine Fortsetzung von «Ein Winter in Wien» denkbar? Ein größerer Schnitzler-Roman vielleicht, der (u.a wegen dem Selbstmord der Tochter Lili) sicher eine dunklere Tönung haben würde? 
Das ist lustig, auch ich habe schon über eine Fortsetzung nachgedacht, aber wäre dabei niemals auf die Idee gekommen, an Arthur Schnitzer weiterzuschreiben. Meine Hauptfigur ist Marie Haidinger mit ihrem Oskar, und wenn die Geschichte weitergeht, dann steht sie im Zentrum und wer weiß, wo es sie hin verschlägt. Schnitzler war und ist für mich lediglich die Tapete (wenn auch eine sehr schöne), vor der die Geschichte des Kindermädchens Marie erzählt wird.

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