05.04.2016   von rowohlt

Ein Verbrechen, das Deutschland veränderte

Enver Simsek war das erste Opfer der NSU-Terroristen; seine Tochter Semiya erzählt die bewegende Geschichte ihrer Familie

© Stephanie Schweigert
© Stephanie Schweigert

Am 9. September 2000 feuern Unbekannte in Nürnberg acht Schüsse auf den türkischen Blumengroßhändler Enver Simsek. Bevor sie fliehen, fotografieren sie ihr blutüberströmtes Opfer noch. Die deutschen Ermittlungsbehörden haben rasch eine Erklärung für den Mord zur Hand: türkische Mafia, undurchsichtige Geschäfte, Drogenhandel. Die Familie wird verleumdet, schikaniert, alleingelassen. So wird Enver Simsek ein zweites Mal getötet. Neun Jahre später weiß man, wer die Mörder sind: die Neonazi-Terroristen des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU). 


Keine Mafia, keine Drogen, kein kriminelles Milieu. Über diese Jahre des Schmerzes, der Angst, der Scham hat Semiya Simsek, die Tochter des Ermordeten, gemeinsam mit dem Journalisten Peter Schwarz ein aufrüttelndes, bewegendes Buch geschrieben, auf dem Teil 2 der ARD-Spielfilm-Trilogie «Mitten in Deutschland: NSU» basiert.


«Ich hatte immer gehofft, dass mein Buch verfilmt wird. Das Ergebnis ist beeindruckend.» Als Hinterbliebene des ersten Opfers der NSU-Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ist Semiya Simsek seit Mai 2013 als Nebenklägerin im Prozess gegen Beate Zschäpe am OLG München dabei.


«Ich will Gerechtigkeit»

Vielen wird sich Semiya Simseks Auftritt bei der zentralen Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am 23. Februar 2012 im Konzerthaus Berlin eingebrannt haben. Eine junge, mutige Frau, Kind einer türkischen Einwandererfamilie, für die Deutschland längst Heimat war, findet klare Worte für das unsägliche Leid, das ihrer Familie zugefügt wurde. «Es muss unendlich schwer sein für die junge Frau, jetzt vor den 1200 Gästen des Staatsakts hier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt und Millionen vor den Fernsehern zu reden. Aber Simsek hat eine Botschaft. Und so wird sie für sechs Minuten an diesem Donnerstagvormittag zum Gewissen der Nation.» (taz)


«Dieser Fall wird als das große Staatsversagen schlechthin in die Geschichtsbücher eingehen.» (Hans Leyendecker, Süddeutsche Zeitung)


In ihrem Buch schildert Semiya Simsek die Hintergründe des Verbrechens, die Ermittlungspannen und -irrwege (Stichwort: SoKo Halbmond, «Döner-Morde»), die unglaubliche Rohheit, mit der ihre Mutter Adile nach der kaltblütigen Exekution ihres Mannes in tiefste Verzweiflung gestürzt wurde. Sie berichtet, was die Jahre der Angst, der Scham und des Zweifels aus ihnen gemacht haben. Sie erzählt von den Hoffnungen, mit denen ihre Eltern aus der Türkei nach Deutschland kamen; von der glücklichen Kindheit, die Semiya und ihr Bruder Kerim in Flieden nahe Fulda verbringen durften; vom beschwerlichen Weg ihres Vaters vom Hilfsarbeiter zum Blumengroßhändler; von den Sprachproblemen, den vielen bürokratischen Hürden, die einer Integration im Wege standen – und vom brennenden Heimweh nach Salur, wo Enver Simsek als Kind einer Schäfersfamilie geboren wurde.


«Heute habe ich keine Angst mehr, über all diese Geschehnisse zu schreiben. Über diese furchtbaren Tage, über die schwierigen Jahre danach und all die unbeschwerten Jahre davor. Die Erinnerungen sind schmerzhaft, manches bringt mich immer noch an meine Grenzen, aber viele Bilder aus der Vergangenheit sind auch schön. Als ich anfing, über alles nachzudenken und mir zu überlegen, was es zu sagen gibt, fühlte ich mich schnell ziemlich erschöpft. Ich habe gemerkt: Die Vergangenheit tut mir weh. Vor allem natürlich die schrecklichen Dinge, die geschehen sind. Vieles macht mich noch heute ratlos, und ich bin hin- und hergerissen. Mein Vater war ein guter Mensch, und an das Gute in ihm denke ich gerne. Umso mehr schmerzt es mich, daran zu denken, was ihm passiert ist.


«Kein Opfer mehr sein, auch kein gutes»

Aber zu meiner Geschichte gehört dies alles: Die schöne Nacht im Urlaub vor dreizehn Jahren, als ich mit Vater in seinem Heimatdorf in der Türkei nachts auf dem Balkon saß, als wir die Glöckchen der aus den Bergen zurückkehrenden Schafe hörten und ich spürte, wie glücklich er in diesem Augenblick war. Und der Tag ein Jahr später, als ich ihn im Krankenhaus in seinem Blut liegen sah, nachdem sie auf ihn geschossen hatten. 


Die Zeit danach, die Jahre der Verdächtigungen, des Unrechts, das meine Familie ertragen musste. Die schlimmen Vermutungen, die sich meine Mutter anhören musste. Schließlich die Wahrheit, die nach so vielen Jahren herauskam. Eine Wahrheit, die befreiend war, weil sie die lastende Ungewissheit von uns nahm. Und die doch manches Unrecht umso schlimmer macht. Es ist anstrengend und aufwühlend, das alles noch einmal vor mir zu sehen. Und doch bin ich dankbar für das, was ich mit meinem Vater erleben durfte, für die Erinnerungen, die ich in mir trage, für all das, was ich niemals missen möchte.»

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