12.07.2017   von rowohlt

Ein Pubertier kommt selten allein …

«Überlebenswichtig für alle betroffenen Mütter und Väter» (Brigitte) – Jan Weilers zwei Pubertier-Bestseller in einem hinreißend schönen Band

War das eigene Kind früher, sehr viel früher nicht einmal süß, lieb, geradezu vielversprechend? Kaum kommt es aber in das – landläufig Pubertät genannte – kritische Alter, wird das Leben der Eltern zur Qual.  Im Hause Weiler  ist das nicht anders. Was hilft da die Ahnung, dass auch im eigenen Pubertier irgendwo, tief verborgen, ein vernunftbegabtes, freundliches Wesen wohnt? Jan Weilers Buch ist das perfekte Geschenk für Eltern, deren Nerven blank liegen, weil ihre pubertierenden Blagen sie verdammt alt aussehen lassen … Pünktlich zum Filmstart: alle Geschichten der beiden Erfolgsbücher «Das Pubertier» und «Im Reich der Pubertiere» jetzt in einem Band.

Das Carla-Pubertier


Carla ist eine Herausforderung. Für den Autor und seine Gattin Sara, eigentlich für die ganze Umwelt. Mit Carla leben heißt: umdenken lernen. «Ich lernte: Kinder, die du als liebenswürdige Geschöpfe voller Anmut und Charme in Erinnerung hattest, verwandeln sich innerhalb kurzer Zeit in stinkende Monster (Jungs) oder hysterische Amazonen (Mädchen). Wenn die Familien Glück haben, verlassen die Jugendlichen diese danger zone der Eiterpickel und befleckten Unterwäsche als lebenstüchtige Erwachsene. Einige verbleiben jedoch für immer im Schattenreich der Adoleszenz, machen aber dennoch manchmal Karriere.»


Geht es um Wünsche der Eltern, sind sie schwerhörig, maulfaul und extrem vergesslich. Reagieren sie überhaupt, sind es meist grammatikalisch minimalistische Botschaften vom Typ «Wassissnn?» oder «Mir doch egal. Mit Rumreden verlieren sie keine Zeit. Es sei denn, es geht um leicht fassliche Dinge wie das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten, die Gerechtigkeitslücke oder andere Themen dieses Kalibers. Jaja, don't worry, be happy …  


Besucht man Carla in ihrem Zimmer, lassen sich ethnografiisch faszinierende Studien am lebenden Pubertier betreiben. Jählings watet man durch eine Ursuppe aus Klamotten, Apfelsinenschalen, rausgerissenen Zeitschriftenseiten, verlegten Matheaufgaben, leeren Puddingbechern und dergleichen. Unfassbares, knöcheltiefes Chaos – der natürliche Lebensraum jugendlicher Menschen im Hormonstau. Kaum zu glauben, dass professionelle Pubertiere Koalabären in Sachen Faulheit mühelos der i den Schatten stellen. «Sie ist fauler als ein andalusischer Esel im August um die Mittagszeit.» Und wer bislang gedacht hat, «Chillen, Relaxen, Entspannen, Ausruhen, Runterkommen, Zeittotschlagen und Einfach-mal-nix-machen» seien im Wesentlichen nur verschiedene Ausdrücke für ein und dieselbe Sache, der hat sich geirrt. Für Carla sind es sieben verschiedene – pardon – Tätigkeiten. 


Pubertiere kosten eine Menge Geld, denn sie sind voll stylish und krass markenbewusst. Sie begrüßen sich extrem lässig, kleiden sich krass cool. Mit Erwachsenen gehen sie um, als wären diese dämlich, sozial desorientiert oder fehlgepolt wie Aliens. Carla, hat sie einmal Fahrt aufgenommen, nennt ihren (demoerfahrenen!) Vater eine «Revolutionsbremse». Auch aufmunternde Albernheiten des Erzeugers wie «‹Sieben Uhr, die Sonne lacht, jetzt wird aber aufgewacht» kommen bei Vierzehnjährigen nicht wirklich gut an: «Für diesen allmorgendlichen Satz wird er später nicht im Altenheim besucht.» Aber immerhin hat das Kind eine neue Formel für eines der rätselhaftesten Phänomene unserer Existenz erfunden. Sie lautet: Zeit = Föhn x Haar. Bitte merken!


Jan Weiler hasst es, In Zügen zu telefonieren. Weil in Zügen «nur Idioten, Volltrottel und er telefonieren. Mit Carla.»  Carla ruft mehrmals am Tag an, immer sind es absolute Notfälle. So auch diesmal, als ihr Vater auf der Strecke zwischen Stuttgart und München unterwegs ist, in einem Abteil voller emsig vor sich hinarbeitender Mitmenschen. In diese meditative Stille hinein platzt sein Pubertier. Es braucht Hilfe, und zwar: pronto. Ein Referat über Belgien. Wikipedia kopieren geht nicht. Papa muss helfen. Weshalb? Weil Carla sich um Freundin Emma (= schwerstverliebt) kümmern muss. «Drei Stichworte zu Belgien? Jetzt hier so auf die Schnelle? Ja, weiß ich auch nicht, ähhh, Pralinen, Pommes, Kinderschänder …»  Irgendwann ist das endlos lange Gespräch dann beendet, Herr Weiler schaut sich entschuldigend im Abteil um. «Fünf Minuten später beugte sich die Dame von gegenüber nach vorne, guckte über ihren Laptop und sagte: ‹Meins geht über den Amazonas.›»

Das Nick-Pubertier


Wer gleich zwei Pubertiere sein eigen nennt, macht was durch! Man benötigt ein robustes Nervenkostüm, eine Prise konfuzianische Gelassenheit und jede Menge Lernfähigkeit. Und ganz sicher auch eine gewisse olfaktorische Indifferenz: Je unempfindlicher die eigene Nase geruchstechnisch auf die Herausforderungen der Pubertät reagiert, umso besser. «Als Berater tauge ich nicht mehr, als Autorität bin ich ein Witz, gelte jedoch immerhin als astreiner Chauffeur, besonders nachts gegen vier Uhr, wenn kein anderer Vater mehr ans Telefon geht. Ich transportiere dann angeheiterte Nasskämmer bis in entlegene Teile des Bundesgebiets, weil meine Tochter Carla ihnen das so versprochen hat. Sie ist sechzehn Jahre alt und hat mich fest im Griff.» Und klaut ihrem Vater so manches weg, vom Zweithandy bis zum Rasierschaum für ihre Pubertierbeinchen.


Nick, süße 13 Jahre alt, voll in der Pubertät. Ein Draufgänger und gefürchteter Witzeerzähler. Darüber hinaus mit allem gesegnet, was eine anständige Pubertät bei Jungs so ausmacht: «Er klingt momentan wie ein Dudelsack, wächst wie ein Schnittlauchhalm und futtert wie ein Maurer nach der Doppelschicht. Wenn Carla und er gleichzeitig zu Hause sind, entschleunigen sie in dramatischem Tempo und verbringen große Teile des Tages auf der Wohnzimmercouch. Sie erinnern dann sehr an Bradypus variegatus, ein Dreifingerfaultier, das eigentlich in Südamerika wohnt und seinen Baum nur ein Mal pro Woche verlässt, um im Erdgeschoss aufs Klo zu gehen.»


Eltern sind für Pubertiere: alt, endspießig und meist krass peinlich. Vor allem dann, wenn sie sich am Jugendslang versuchen («Yo, Papa Checker is in da house») oder öffentlich das Tanzbein schwingen – dann windet sich das Jungvolk in Fremdschäm-Krämpfen. Dafür bringt es mitunter spektakulär viel Energie für bizarre Projekte au, zum Beispiel eine Parteineugründung namens SPD. Auf den klugscheißerischen Hinweis seines Vaters, eine Partei dieses Namens gebe es bereits, kontert Nick: «Stimmt, aber bei uns steht SPD für Snowboard-Partei Deutschland.» Eine klassische Ein-Programmpunkt-Partei: Bau einer Snowboard-Anlage auf dem Schulgelände plus Garantie einer ganzjährigen Beschneiung (Ausnahme: der August, weil dann eh keine Sau da ist). Und siehe da: Bei den Wahlen in der Schule gewinnt die SPD tatsächlich; allerdings handelt es sich um Madeleines SPD, die Süßigkeiten-Partei Deutschlands …


Schamvoll gesteht  der Autor, dass es auch in seinem gediegenen Erwachsenenleben Situationen gibt, in denen er zum Pubertier wird: komplett hormongesteuert und jenseits der Spur. Sein Ausraster heißt Marie, genauer: Marie-Astrid Jamois. Sie ist eine Balletttänzerin, Schauspielerin und unendlich schön, selbst für eine Französin. Und sie macht Werbung für ein «Vergleichsportal» – und zwar als «Marie mit dem Spendierhöschen … Ich weiß zwar nicht, was das ist, und es ist mir auch egal, aber Marie mit dem Spendierhöschen ist der Hammer. Ich habe den Spot ungefähr viertausend Mal gesehen, und Marie ist so was von entzückend. Eine Frau, für die ein Kardinal Kirchenfenster eintreten würde.» So viel zum alten Pubertier.


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