02.01.2016   von rowohlt

Ein Land in Aufruhr

Ein faszinierender Held, ein gewaltiges Panorama: Szczepan Twardochs Roman «Morphin»

© Magda Kryjak
© Magda Kryjak

Ein junger Autor ist zum neuen Stern an Polens Literaturhimmel aufgestiegen: Szczepan Twardoch, 35, hat mit «Morphin» einen aufwühlenden, weit ausholenden Roman über einen traumatischen Augenblick der polnischen Geschichte geschrieben. «Das ganz besondere Experiment, Geschichte, Thriller, Psychologie und Romanze in einem einzigen Buch», wie die Kritiker schwärmen.

Polen im Herbst 1939


Der Überfall von Hitler-Deutschland liegt wenige  Wochen zurück, ein ganzes Volk ist geschockt und gedemütigt. Konstanty Willemann, Offizier der Reserve, kehrt in seine Heimatstadt Warschau zurück. Alles ist in Bewegung, jeder sucht nach Orientierung, Widerstandsgruppen formieren sich überstürzt, die Deutschen bereiten die Vertreibung der Juden vor. Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt. Szczepan Twardoch wählt genau diesen flirrenden Moment für seinen Roman – ein Statement, wie politisch unerschrocken und literarisch ambitioniert hier einer der herausragenden Vertreter der jungen Schriftstellergeneration Polens zu Werke geht. Expressiv, explosiv, respektlos.


Wie ein beschwörendes Mantra durchzieht die Selbstvergewisserung des Protagonisten die Seiten: Ich bin Konstanty Willemann, ich bin ich. Sie wird umso eindringlicher, ja verzweifelter, als dieses Ich – und dieses Land, darf man hinzufügen – sich durch die Besetzung in einer völlig neuen Lage befindet: «Ich betrachte mich im Spiegel, ich, das bin ich, aber die Welt ist nicht mehr da ...»


Twardoch schickt seinen Helden in einen existenziellen Mahlstrom. Da ist der Bonvivant und Weltmann, der Morphinist, Hurenbock und Verräter, dem Genuss und den Frauen verfallen. Neben den Träumer, für den verantwortliches Handeln noch nie seine Sache war, tritt jetzt der politische Akteur. Der polnische Widerstand rekurriert Willemann als Agent, und dieser lernt eine neue Seite an sich kennen: Er kann kämpfen, er wächst in seiner Rolle, er muss töten, spürt dabei eine sadistische Lust der Macht.

Suche nach der eigenen Identität


Eine Stadt in Aufruhr. Warschau, die eben noch blühende, jetzt gespenstische Metropole am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Der Held erlebt rauschhafte Nächte mit seiner Geliebten, verzweifelte Abstürze in Alkohol und Drogen, reuevolle, berührende Momente mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Über allem steht Willemanns Suche nach sich selbst, nach seiner Identität als Pole mit deutschem Vater, einem schlesischen Aristokraten. Als Willemann als Spion unter die Deutschen geschickt wird, droht dieses Gefühl für sich selbst zu zerbröseln – er kommt sich wie ein Schauspieler vor, ein Blender, ein Niemand. 


Der fulminante Erfolg des Romans in Polen zeigt, dass Twardoch einen heute wie damals zentralen Punkt berührt: die immer wieder neue Versicherung der nationalen Identität, des Zusammenstehens der Polen. Als literarischer Wurf geht <i>Morphin</i>> weit darüber hinaus. Seine vorwärtsdrängende Sprache hebt die Kategorien von Zeit und Geschichte auf, die Handlungen, Berührungen, Gedanken verweisen auf den Moment, umfassen aber ebenso einen Strom der Ereignisse, der weit in die Zukunft vorgreifen kann. 


Das Geschehen wird dadurch noch gespenstischer. Willemann wird für den Widerstand zu einer Mission nach Budapest geschickt, zusammen mit einer geheimnisvollen Frau. Eine Reise durch die verarmte Provinz beginnt, eine Reise durch Zeit und Raum. Sie wird Willemann ein weiteres Mal verändern und zu einem anderen Menschen machen.

Expressive Bilder


All diese Fäden sind verwebt in einem Roman, der den Rausch, die Entgrenzung, das Versinken in Bildern im Titel trägt. Stimmiger als der bloße Drogenrausch, fast symbolisch erscheint das Bild des Rausches für den gesamten Roman. Willemanns Wanderungen durch das besetzte Warschau, der Besuch der früher vertrauten Lokale, die Momente bei seiner Mutter und dem Vater, all diese Wege werden expressiv, visionär, bildhaft beschrieben.


«Wir schwimmen durch die Stadt, flattern auf Adlerflügeln zwischen Mietshäusern, die ich nicht kenne, zwischen phantastischen Häusern, die den Gesetzen der Physik hohnsprechen, indem sie sich über die Erde erheben, wir fahren durch Pfützen von Blut, die weißen Reifen des Adler lassen das Blut gegen die Autoscheiben spritzen, ich betrachte Warschau durch diese blutigen Tropfen, und Warschau ist schön, mit Zinnober und Rötel gemalt.»


Beim Lesen denkt man unwillkürlich an die 1919 erschienene Anthologie «Menschheitsdämmerung», in der Kurt Pinthus die literarischen Stimmen einer fundamentalen Umbruchszeit versammelte. Sturz und Schrei, Aufruf und Empörung hießen darin die Stichworte. Als Fanale gesetzt charakterisieren sie auch Szczepan Twardochs Roman überraschend genau. «Morphin» ist die Summe von hundert Jahren europäischer Literatur. Das Porträt einer Zeit, die nicht zur Ruhe finden kann.


«Ich schweige. Ich atme noch. Es gibt kein Warum. Nichts ist für etwas, alles ist nur. Ist nur dunkle, schwarze, pulsierende Substanz unter der dünnen Haut dieser Welt und sucht dort draußen, an der Oberfläche, eine Antwort auf die Frage – warum?»


+++ Autor: Werner Irro +++

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