24.05.2017   von rowohlt

Ein Kind. Ein Herz. Ein Leben.

Hautnahe Einblicke, dramatische Momente: die Autobiografie des weltberühmten Schweizer Kinderherzchirurgen René Prêtre

© René Prêtre
© René Prêtre

Was empfindet ein Arzt, wenn er ein Neugeborenes operiert, dessen Leben am seidenen Faden hängt? Was sagt er einem schwerkranken Mädchen, das Angst hat, zu sterben? Und wie reagiert ein erfahrener Kinderherzchirurg, wenn in einem improvisierten OP-Saal in Kambodscha während eines dramatischen Eingriffs der Strom ausfällt? In seiner Autobiografie zeichnet Prof. Dr. René Prêtre seinen Weg vom Bauernjungen aus dem Schweizer Jura zu einem der angesehensten Herzchirurgen der Welt nach. Er berichtet vom Kampf gegen einen viel zu frühen Tod, von Hoffnung und Zweifeln und vom Glück, das er empfindet, wenn ein Kinderherz wieder zu schlagen beginnt.

Stimmen zum Buch


3sat: «René Prêtre ist ein Starchirurg. Eine Ausnahmeerscheinung.»
Henning Mankell:  «René erzählt auf faszinierende Weise von Geheimnissen des Herzens, die mir ganz unbekannt sind. Ich empfinde seine Art, darüber zu sprechen, fast als lyrisch.»
Schweizer Illustrierte: «Ein Künstler am Skalpell!»
Badische Zeitung: «Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven. Es ist ein Thriller der Extraklasse.»

«Wenn du gut werden willst, musst du zehn Jahre lang zehn Stunden am Tag arbeiten»


Fußballprofi – das wäre etwas für ihn gewesen. René Prêtre und sein Bruder waren hochtalentiert, spielten auf Regionalliga-Niveau. Aber daraus einen Beruf machen? Dass er schließlich in Genf Medizin studierte, war eher einem Zufall geschuldet. Ein Freund erzählte ihm vom Ablaufen der Meldefrist für das Medizinstudium; und da der junge Mann eh nicht wusste, was er in Zukunft machen wollte, dachte er: Kann man ja mal versuchen. So fing alles an.  


Von 1988 bis 1990 arbeitete Prêtre als junger Arzt in New York, am NYU Medical Center, am Bellevue Hospital und dem Veteran Administration Hospital. Häufig hatten es die Chirurgen mit Schuss- und Stichverletzungen zu tun, Crack und die Bandenkriege forderten Tag für Tag ihre Opfer. Im Bellevue, wo sie selbst während schwierigster Eingriffe Rockmusik aus einem Kassettenrekorder laufen ließen («She drives me crazy» von den Fine Young Cannibals etwa, «das gibt schöne Narben …»),  gab es diesen stolzen Spruch: «Was im Bellevue noch nicht gesehen wurde, existiert wahrscheinlich nicht.»


In New York, später in Genf, Zürich und Lausanne kreiste für Prêtre alles um die drei Grundpfeiler chirurgischer Arbeit: Technik, Strategie, Kunstfertigkeit. Ob für einen wie ihn eine Station für chronisch Kranke das Richtige gewesen wäre? Eher nicht. Das Gefühl der Machtlosigkeit hätte ihn auf Dauer vermutlich demoralisiert. Die Chirurgie dagegen war wie geschaffen für ihn, und er für diesen Bereich ärztlicher Kunstfertigkeit. «Die Fähigkeit der Chirurgie, die Krankheit anzupacken, energische Maßnahmen zu ergreifen, ohne Umschweife die ursächlichen Teile zu entfernen, um wirklich zu heilen und nicht nur zu versorgen, war eklatant. Und die Rolle des Chirurgen als großer Zauberer, der sich mit dem Eindringen in einen lebenden Körper über alle Grundregeln hinwegsetzte, hatte etwas Hypnotisierendes.» 


Kinderherzchirurgen brauchen für ihre filigrane Tätigkeit nicht nur ein feines Händchen. Genauso dringend benötigen sie jene cardiac attitude, die «unmögliche Mischung aus Arroganz und Demut». Aber Arroganz hin, Demut her: Ohne modernste Apparate und Hilfsmittel – wie die Ende der 1950er Jahre entwickelte Herz-Lungen-Maschine, die öhrlosen Nadeln, die reißfesten Fäden, die Spezialbrillen, das Heparin, das Elektroskalpell, die Vasopressoren etc. – wäre die Kinderherzchirurgie nach wie vor ein Vabanquespiel am Abgrund des Todes. 

Der Chirurg als «großer Zauberer»


Kinderherzchirurgen sind die Seiltänzer unter den Artisten. Eigentlich werden sie überall auf der Welt gebraucht; Herzfehler sind die am häufigsten angeborenen Fehlbildungen – jedes hundertste Kind ist davon betroffen. Früher wurden diese Kinder – wenn überhaupt – erst kurz vor der Einschulung operiert; viele Babys starben bereits unmittelbar nach der Geburt. Heute können Herzchirurgen rund 95 Prozent dieser Kinder retten. 


Mittlerweile ist es pure Routine, wenn er bei Operationen ein Leben anhält. Wenn er im grellen Neon-Licht des OP-Strahlers das Herz aufschneidet – und die Herz-Lungen-Maschine den Kreislauf übernimmt. In drei Jahrzehnten als Herzchirurg hat Prêtre, seit 2012 Professor und Klinikdirektor der Herzchirurgie am Universitätsspital Lausanne, fast 9000 Herzen operiert: «Herzen von Radprofis, groß wie Melonen, Herzen von Teenagern, groß wie Äpfel, Herzen von Frühchen, groß wie Pflaumen.» 


«Wenn ich mit dem Skalpell ein Herz geöffnet habe, dringe ich in eine Welt voller Mysterien vor.» Ein gesundes Herz schafft 80.000 Kontraktionen am Tag, ein Leben lang. Aber das Herz ist mehr als eine Pumpe. Es  ist ein Symbol für das Leben. Und für die Liebe. «Die Wissenschaft hat das Herz all seiner Geheimnisse beraubt. Aber es ist für mich immer noch ein magischer Moment, wenn es ein letztes Mal schlägt oder wieder zu schlagen beginnt.» 


Immer wieder bewegen sich Ärzte wie er in einem ethischen Grenzbereich. Sie haben jeden Tag das Schicksal in der Hand. Von ihren Entscheidungen, ihrer handwerklichen Präzision hängen Leben und Tod von Patienten ab. Das Wort von den «Halbgöttern in Weiß» hat hier ein besonderes Gewicht. Ist unser Leben vorherbestimmt, tragen wir unser Schicksal in uns? Welches Leben ist lebenswert? «Es ist der schlimmstmögliche Albtraum, wenn das Gehirn in das entsetzliche ‹no man's land› abgleitet, diesen Randbereich, der nicht mehr Leben, aber auch nicht Tod ist. Dieses vegetative Stadium, das sich endlos lange hinziehen kann. Mir ist es lieber, wenn ein Kind eine Operation nicht überlebt, als wenn es anschließend schwer behindert ist; so schwer, dass es danach nicht mehr wirklich leben kann.» Und: «Man muss nicht immer alles machen, was man kann … Wir kämpfen nicht gegen das Schicksal, wir lassen der Natur ihren Lauf.» 

Ein schmaler Grat zwischen Leben und Tod


Wie lebt jemand, der weltweit als Ausnahmekönner unter den Herzchirurgen gilt, mit dem Wissen, am Tod einiger Kinder schuld zu sein – sei es, dass er den Eltern zu einer nicht zwingend gebotenen OP geraten hat, sei es, dass ihm und seinem Operationsteam ein Fehler unterlaufen ist? In seinem Buch berichtet Prêtre auf sehr persönliche Weise davon, wie ihn die Schuld am Tod dieser Kinder quält, tagein tagaus. Ein falscher Schnitt, eine einzige schlecht gesetzte Naht am operierten Herzen kann fatale Folgen haben. Kann Eltern ihr geliebtes Kind wegnehmen.


Prêtre erzählt auch von dem schrecklichsten Moment seiner Zeit als Arzt – eine Grenzerfahrung, noch immer quälend gegenwärtig. Die ganze Nacht hatte er einen Jungen operiert, der bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt worden war. Todmüde war er nach Hause gegangen, hatte geduscht, als der Anruf kam. «René, komm schnell, das Mädchen blutet sehr stark.» Wegen der Not-OP hatte er die als wenig riskant eingeschätzte Operation eines zweijährigen Mädchens am Morgen seinem jungen Oberarzt überlassen. Als er ein paar Minuten später in der Klinik eintrifft, ist das Mädchen bereits tot. «Alle im Operationssaal waren dem Zusammenbruch nahe. Wenn ich daran denke, sind die Schuldgefühle und der Schmerz sofort wieder da.» Auch wenn ein anderer am OP-Tisch stand: die Verantwortung trägt er. «Wir haben den Tod eines Kindes verursacht, das ohne uns noch länger leben hätte leben können.»


Danach spielen sich herzzerreißende Szenen ab. «Der Schmerz dieser Eltern war nicht mehr menschlich. Er war so groß, dass er nicht aushaltbar war. (…) Wir waren wie betäubt, brachten keinen Ton heraus und standen vollkommen entwaffnet vor diesen Eltern, die schluchzend und weinend auf dem Boden lagen und sich aneinanderklammerten. Buchstäblich zerfielen.» Es ist nicht die einzige medizinische Katastrophe, die Prêtre bis heute nachgeht. Vor einigen Jahren überredete er die Mutter des elfjährigen Robin zur präventiven Korrektur zweier Herzklappen. Weil eine der von ihm gesetzten Nähte dem Druck nicht standhielt, ist Robin heute schwer hirngeschädigt. «Ich habe sein Leben kaputt gemacht.»

«Es ist schön, auf der Erde zu sein»


Es sind nur wenige Kinder, die sie bei Herzoperationen verlieren. Aber jedes gestorbene Kind ist eines zu viel. Wogen des Glücks lösen noch immer all die vielen Eingriffe aus, die perfekt laufen. Die Kindern ein zweites Leben schenken. Prêtre ist 60, allzu lange wird er diesen unfassbar auslaugenden Beruf nicht mehr ausüben können: ein Vierteljahrhundert körperlicher und nervlicher Stress mit rund 350 Herzoperationen jährlich. Manche der jungen Patienten wird er nie vergessen, Kinder wie Bastien, Michael und Robin. Oder Lara, die nach einer riskanten OP wieder völlig gesund wurde. Oder Lucie, dieses unglaublich tapfere zwölfjährige Mädchen, das die Herz-OP so gut überstand, um wenige Monate später an Krebs zu sterben. 


2006 gründete Prêtre mit anderen die Stiftung «Le Petit Coeur». Sie ist in Mosambik und Kambodscha tätig; einmal im Jahr operieren die teilnehmenden Ärzte dort Dutzende Kinder und Jugendliche mit Herzproblemen – unentgeltlich. Auch für dieses Engagement wurde René Prêtre 2009 mit dem Titel «Schweizer des Jahres» geehrt. Operiert er in Mosambik oder Kambodscha, entscheidet er buchstäblich über Leben und Tod mancher kleiner Patienten. Es sind einfach zu viele, die dringend der Hilfe der europäischen Spezialisten bedürfen. Viele müssen von der OP-Liste gestrichen werden; wie es mit ihnen weitergeht, entscheidet die Natur in ihrer blinden Launenhaftigkeit. «Auf den Listen bleiben die Kinder für mich abstrakt … In meinem Kopf sind sie nicht viel mehr als eine Nummer oder ein Barcode. Ohne Gesicht, Persönlichkeit und Seele. Ohne ein Lächeln und auch ohne Tränen. Und ohne Eltern.» Schwer wird es aber, einem Kind die Operation zu verweigern, das ein Gesicht hat. Einen Namen. Eine Geschichte. Und Eltern.


«Nun, da ich mich auf der absteigenden Linie meines Lebens befinde, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich beim Laufen langsamer werde, um die Landschaft um mich herum zu bewundern, die Natur zu betrachten und über ihre Geheimnisse zu staunen. Und ebenso über das Genie des Menschen, das einige davon entschlüsselt hat. Das absolute Geheimnis ist das des Universums und des Lebens an sich. Schwindelerregend, unergründlich.»

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