16.02.2018   von rowohlt

«Ein Idiot, umgeben von Clowns»

Michael Wolffs «Feuer und Zorn» – das einzigartige Porträt eines Präsidenten, der selbst nie damit gerechnet hat, die Wahl zu gewinnen

Es ist das Enthüllungsbuch, das die Präsidentschaft von Donald Trump erschüttert. Michael Wolffs «Feuer und Zorn» wurde in den USA binnen vier Wochen zwei Millionen Mal verkauft. Im Mittelpunkt ein Präsident, den seine Mitarbeiter wie ein kleines Kind behandeln und der umgeben ist von Inkompetenz, Intrigen und Verrat. Noch nie ist es einem Journalisten gelungen, das Geschehen im Weißen Haus so genau nachzuzeichnen. Wolff beschreibt das unfassbare Chaos, das in den ersten Monaten nach dem Machtwechsel von Obama zu Trump im inneren Machtzirkel der Vereinigten Staaten geherrscht hat, er enthüllt, wie nah die Russland-Verbindung an Trump herangerückt ist und wie es zum Rauswurf des FBI-Chefs Comey kam. «Feuer und Zorn» ist ein eindrucksvolles Stück Zeitgeschichte – ein Buch, das sich wie ein Königsdrama von Shakespeare liest.

Stimmen zu «Feuer und Zorn»


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Eine faszinierende Lektüre … Wie unglaublich die Dinge auch sein mögen, die man über Trump erzählt – sie stimmen alle.»
Donald Trump: «Voller Lügen, Entstellungen und Quellen, die nicht existieren.»
Die Zeit: «Widerwärtig und fesselnd.»
Süddeutsche Zeitung: «Seine Kraft entwickelt das Buch, weil Wolff als Erster all diese seit Monaten kursierenden Gerüchte in eine große Geschichte packt … Empfehlenswert.»

Binnenansichten aus dem Weißen Tollhaus


Als die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt im Spätherbst 2016 zu ihrer Meinung über die Wahl Donald Trumps zum 45. US-Präsidenten befragt wurde, äußerte sie sich kurz und bündig: «Hier wurde jemand gewählt, der offen Hass über Muslime, Latinos und Frauen verbreitet. Ein Mann, der dabei aufgezeichnet wurde, wie er mit sexuellen Übergriffen angibt. Das ist kein business as usual. Das ist Neofaschismus.» Ihr Mann Paul Auster wird nicht weniger deutlich: «Dass wir so einen unqualifizierten, inkompetenten, ignoranten, uninteressierten, bornierten Lügner zum Präsidenten machen konnten, das werden wir uns nie verzeihen. Das wichtigste Land der Welt, angeführt von einem Idioten.»


Das verheerende Urteil über «Mr. President» ist nicht auf die US-Intelligenzia zwischen Boston und San Francisco, L.A. und New York, Seattle und Detroit beschränkt. Dass die Irritation über den aktuellen US-Präsidenten bis weit über das liberale Amerika hinausreicht, ist auch das Verdienst dieses Buches. Michael Wolff gelang das Kunststück, während der ersten Monate von Trumps Amtszeit im Weißen Haus ein und aus gehen zu dürfen, Hunderte von Gesprächen mit engen und engsten Mitarbeitern des neuen Big Boss zu führen – und diese in einem Enthüllungsbuch zu Papier zu bringen, das über das politische Washington hinaus ganz Amerika  in Aufruhr versetzt hat. 


Starjournalist Wolff ist im Weißen Haus auf den Fluren des West Wing keiner Begegnung und keinem Gespräch aus dem Weg gegangen. Er spürte schnell, dass er mit der Publikation dieses Materials buchstäblich «Feuer und Zorn» entfachen würde. Die Süddeutsche Zeitung hat die These des Enthüllungsbuches exakt auf den Punkt gebracht: «Donald Trump ist verrückt. Völlig irre. Vielleicht nicht im medizinischen Sinn, aber doch nach jedem anderen gängigen menschlichen und politischen Maßstab. Wolff erzählt, wie es zugeht im Weißen Haus, seit Trump dort vor einem Jahr eingezogen ist und so tut, als regiere er. Doch das Buch liest sich eher wie eine Patientenakte.»


Vieles von dem, was wir hier aus der Welt der großen Politik erfahren, gab es bereits vorher als Boulevardgerücht. Aber all das in einer großen Geschichte aus der Feder des erfahrenen Politjournalisten Michael Wolff zu lesen, zieht einem, um es flapsig zu sagen, die Schuhe aus. Intrigen und Eifersüchteleien, politische Richtungskämpfe und Verrat, wohin das Auge blickt. Das  altehrwürdige Weiße Haus, ein Bottich voll ätzender Säure: all die Hire-and-fire-Skandale der ersten Monate; der Aufstieg und Fall des Breitbart-Rechtspopulisten Stephen Bannon; das Armutszeugnis, eine Beraterin wie Hope Hicks – Ende 20, Ex-Model, Ex-Marketingfrau – zur Kommunikationsdirektorin zu machen; die Familienfestung um die Söhne Donald Jr. und Eric (karikiert als Uday und Qusay, die Söhne von Saddam Hussein) und um «Jarvanka» (Trump-Tochter Ivanka, deren Mission es ist, die erste US-Präsidentin zu werden, samt Ehemann Jared Kushner) – Tatort Weißes Haus. «Zeigefinger an die Schläfe und mit dem Mittelfinger abgedrückt, das ist ein fast schon typisches Zeichen, wenn es um Trump geht.» (Michael Wolff)

«Ich glaube, dass ich nicht nur klug bin, sondern ein Genie»


Michael Wolff ist in den USA nicht unumstritten – wie auch. Sein Ton ist scharf und mitleidlos, seine Arbeitsweise american tough. Er beschreibt alle Vorgänge, als sei er stets selbst dabei gewesen, auch wenn sie ihm von Dritten erzählt wurden. Was aber nicht heißt, dass diese Erinnerungscollagen nicht stimmen würden. Dass Außenminister Rex Tillerson Trump einen «verdammten Trottel» nannte – belegt. Dass Wirtschaftsberater Gary Cohn über Trump urteilte: «dumm wie Scheiße» – belegt. Dass der Präsident mehr fernsieht und twittert, als sich um die Regierungsgeschäfte zu kümmern – belegt. Dass fast alle im Kokon des Weißen Hauses Trump für durchgeknallt, kindisch, eitel, inkompetent, unkontrollierbar, empathielos und uninteressiert an allem halten, wo nicht Golf oder Trump draufsteht – belegt. 


Und dass der 45. Präsident der US-Geschichte intellektuell, politisch, moralisch und ästhetisch eine heftige Herausforderung darstellt, selbst gemessen an mediokren Amtsvorgängern wie Ronald Reagan und George W. Bush – auch das darf als belegt gelten. Nur eben nicht bei den vielen Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern, die im November 2016 dem Multimilliardär ihre Stimme gegeben haben. Ein Spaß ist das alles nicht, wie Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne schreibt: «Wenn Donald Trump nur der Opa von nebenan wäre, würde man sagen: Seid nett zu ihm, aber nehmt ihm den Führerschein weg. Dieser Mann aber ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er hat den Finger am sprichwörtlichen Atomknopf.»


In der Süddeutschen Zeitung weisen Hubert Wetzel und Christian Zaschke darauf hin, dass viele Journalisten in Washington (wie der Watergate-Enthüller Bob Woodward) so arbeiten. Wolff hatte über mehrere Monate einen exklusiven Zugang zum innersten Machtzirkel in Washington wie wohl wenige Journalisten vor ihm. Eigentlich sollte er nur Trumps erste hundert Tage im Weißen Haus begleiten. Daraus wurden am Ende zweihundert Tage. Man hatte den Mann aus New York schlicht und ergreifend vergessen, wie die sprichwörtliche «Fliege an der Wand» – Wolff war, wie er im Interview erzählt, quasi zu einem Teil des Mobiliars im Westflügel geworden. 


Michael Wolff, der in «Feuer und Zorn» seine Gewährsleute sprechen lässt und sich ansonsten mit eigenen politischen Statements eher zurückhält, rechnet fest damit, dass es im Zuge der Russland-Affäre zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten kommen wird, falls die Demokraten bei den Kongresswahlen im November die Nase vorn haben werden: «Wenn ich Vorhersagen treffen müsste, würde ich sagen, dass dies ein Zug ist, der auf eine Mauer zurast. Wir wissen nur nicht, wann die Mauer kommt, aber wir wissen, dass da eine Mauer ist, und wir wissen, dass es krachen wird.»


Vielleicht hätte der eine oder die andere von Wolffs Washingtoner Quellen gewünscht, eigene (oder kolportierte) Zitate noch einmal zur Freigabe vorgelegt zu bekommen. Aber wie reagierte einst Harald Schmidt nach einem großen Stern-Interview auf die Frage, wohin man die Druckfassung zum Gegenlesen schicken solle, nach Halifax, New York oder auf die Azoren? Extrem lässig und aufreizend selbstbewusst wie üblich: «In meiner Liga ist Gegenlesen vulgär.» Es spricht viel dafür, dass Michael Wolff das genauso sehen würde.

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