02.01.2016   von rowohlt

«Ein Himalaya der Postmoderne»

«Unendlicher Spaß: ein Monster von einem Roman, «ein ‹Mann ohne Eigenschaften› des 21. Jahrhunderts» (FAZ)

© Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

David Foster Wallace war einer der brillantesten, belesensten und sprachmächtigsten Autoren der jüngeren US-Generation. «Ein Komet, der in Bodenhöhe an uns vorbeifegt» (David Lipsky), «eine  dreistufige Rakete in die Zukunft, einer der wenigen Schriftsteller, der die Grenzen der zeitgenössischen Literatur erweitern könnte» (Don DeLillo). Am  12. September 2008 setzte der 46-Jährige, von Depressionen gequält, in Claremont, Kalifornien, seinem Leben ein Ende. «Unendlicher Spaß», als Taschenbuchausgabe bei rororo erschienen, ist für Jeffrey Eugenides «das Buch, das wir alle hatten schreiben wollen.»  


Wallace’ sprachliche Extravaganz hat niemand besser beschrieben als sein Freund Jonathan Franzen: «Er besaß die erregendste, die erfindungsreichste rhetorische  Virtuosität aller lebenden Schriftsteller. Weit draußen bei Wort Nummer 70, 100 oder 140 in einem Satz in den Tiefen eines drei Seiten langen Absatzes voll makabrem Humor oder irrwitzig netzartiger Bewusstheit roch man noch das Ozon der knisternden Präzision seiner Satzstruktur.» 

«Wüst, utopisch, verwegen, dunkel»

1547 Seiten, davon 135 Seiten Anmerkungen und Errata. Ulrich Blumenbach arbeitete sechs Jahre an seiner grandiosen Übersetzung, eine Titanenarbeit, «ein Solo-Gewaltmarsch auf einen der gefürchtetsten Literatur-Achttausender» (Hamburger Abendblatt). «Blumenbach findet neue Worte, es ist mehr geworden als eine Huldigung, werktreu und eigenwillig, mutig und angemessen meisterlich.» (Spiegel Online)


«Ein Wunderwerk» (Die Zeit), «ein Jahrhundertroman» (Martin Halter, Tages-Anzeiger), «unverschämt radikal» (Denis Scheck), «ein in jedem Sinn tolles Buch, maßlos, durch seine schiere Dimension Ehrfurcht gebietend» (Gregor Dotzauer, Deutschlandfunk), «der Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Literaturgeschichte» (Thomas von Steinacker, Die Welt), «ein Himalaya der Postmoderne» (sueddeutsche.de)


Wallace war auf obsessive Weise sprachverliebt, er verwendet ganze Legionen von Wörtern, die niemand (außer ihm) kannte: Fundstücke aus Fremd- und Fachwörterbüchern, Neologismen der abstrusesten Art. Wer weiß schon, was «saprogene Hallöchen», «antikonfluentielle Aprèsgarde», oder «modraogoide Nasen» sind? Wallace liebte Hapax Legomena, Wörter, die in der Literaturgeschichte nur ein einziges Mal vorkommen. Aber es sind nicht nur die Kaskaden üppig sprießender DFW-Vokabeln, die diesen Roman unvergleichlich machen. Es dürfte so gut wie keine Textgattung geben, die auf diesen eineinhalbtausend Seiten von «Infinite Jest», «Unendlicher Spaß», nicht irgendwann einmal zu ihrem Recht kommt.

Sterben vor Vergnügen

Um was es in «Unendlicher Spaß» geht? Gute Frage. «’Alles und noch mehr’ könnte eine Beschreibung dieses Romans sein», meint Don DeLillo. Die FAZ bezeichnet Wallace’ Opus magnum als «ein moralisches, ja moralistisches Buch über den gegenwärtigen American way of life und damit über den Entwicklungsstand unserer Kultur. Es ist ein Buch über die Leere im innersten Zentrum unserer Gesellschaft, die der Einzelne mit Süchten, Zerstreuungen, Obsessionen und Unterhaltungen aller Art ersatzweise füllt und so verdeckt und verdrängt. Unendlicher Spaß ist das Codewort einer düsteren Zukunftsvision, als Endpunkt menschlicher Evolution bedeutet er den Tod der Kultur und den Tod des Subjekts – und zwar in einem ganz konkreten, nicht übertragenen Sinne.» (FAZ)


Der 1996 in den USA erschienene Roman spielt in einer nahen Zukunft, die mit unserer Jetztzeit halbwegs genau zusammenfällt, dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert. Die Welt hat sich verändert, speziell die USA, die sich mit Kanada und Mexiko zur O.N.A.N. zusammengeschlossen haben, der Organization of North American Nations. Ein geostrategischer Coup – die Ostküste Kanadas dient in dem neuen Staatengebilde als riesiges Endlager für hochradioaktiven Giftmüll, Der paradiesische Zustand einer Energieautarkie ermöglicht den Verzicht auf Außenpolitik, weshalb auch ein ehemaliger Schlagersänger keine Fehlbesetzung in der Rolle des Staatschefs ist – Ronald Reagan lässt grüßen. 


Radikaler Kommerz ist Trumpf; die Steuereinnahmen werden durch den Verkauf des Jahreskalenders an potente Konzerne in die Höhe getrieben (es gibt das «Jahr des Whoppers» und – aktuell – das «Jahr des Glad-Müllsacks», inklusive Verkleidung der Freiheitsstatue mit den Produkten des Sponsors). Allein Trupps frankokanadischer Separatisten stören den Friede-Freude-Eierkuchen-Konsens mit ihren Anschlägen. So weit, so schräg.

Die Welt als Irrenhaus

Zentraler Handlungsort ist die Enfield Tennis Academy, apart als E.T.A. abgekürzt. Pate bei dieser Eliteschule für zukünftige Tennisweltstars könnte Nick Bollettieris Tennisakademie in Bradenton, Florida, gestanden haben; hier wurden Agassi, Courier und Sampras, Hingis, Seles und die Williams-Schwestern gedrillt. Man muss wissen, dass David Foster Wallace in seiner sportiven Jugend zu den vielversprechendsten Tennisspielern der USA zählte – was man dem Romanepos anmerkt: Hier gibt es einige atemberaubende Passagen, die nur ein Kenner und leidenschaftlicher Liebhaber dieses Sports geschrieben haben kann. 


Einer der E.T.A.-Musterschüler ist der 17-jährige Hal Incandenza, sportlich wie sprachlich ein Hochbegabter (er kann die ungekürzte Version des Oxford English Dictionary auswendig); seine ganze Familie ist auf die eine oder andere Weise in die Aktivitäten des Tennisinternats verstrickt. Sein toter (Über-)Vater: Gründer der Akademie und Experimentalfilmer. Seine Mutter: eine zwangsneurotische Sprachpuristin. Seine Brüder: Tennisschüler wie Hal. 


Unter der Akademie befindet sich Ennet House, eine Entzugsklinik. Eine Parallelwelt mit kafkaesken Zügen, ein System aus Tunneln, in dem die E.T.A-Zöglinge den Nuklearkrieg mit Tennisbällen nachstellen. Fast alle in diesem von harschem Leistungsdruck, Konkurrenz und Selektion geprägtem Milieu haben ein virulentes Drogenproblem. Kids am Rande des körperlichen und seelischen Zusammenbruchs: hier, in der Unterwelt der E.T.A.-Drillanstalt, toben sich die wildesten Neurosen aus. Depressionsbeschreibungen ziehen sich wie ein schwarzer Faden durch «Unendlicher Spaß». «Depression, das klingt so, als wäre man bloß tierisch traurig. (…) Es ist eher Grauen als Traurigkeit.» Wallace polemisiert mit sarkastischem Witz gegen die Manie, jedes noch so schwere Problem wegtherapieren zu können (und er wusste, wovon er schrieb).


Wer «Unendlicher Spaß» liest, also durchliest, braucht vor allem eines: verdammt viel Stehvermögen. Aber es lohnt sich, das behauptet nicht nur Wallace’ Schriftstellerkollege Dave Eggers: «Ich las das Buch mit 25, und ich verbrachte einen Monat mit nichts anderem. Wenn Sie nach einem Monat Lektüre aus diesem Buch heraustreten, sind Sie ein besserer Mensch. Es ist verrückt, aber auch schwer zu leugnen. Ihr Verstand ist gestärkt, weil er einen Monat lang trainiert wurde, und was noch wichtiger ist, Ihr Herz ist praller.» 

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