01.08.2016   von rowohlt

Ein Buch über Omi und Opi

Jessica Wagener über ihr sehr persönliches Buch «Wir geben Opa nicht ins Heim».

(c) Christoph Kubiak
(c) Christoph Kubiak

Was soll man tun, wenn die Menschen, die man am meisten auf der Welt lieb hat, plötzlich alt, verwirrt und krank werden und sich molekülweise aus dem Leben verabschieden? Weglaufen geht nicht, jammern bringt nichts. Aber schreiben hilft. Also schreibe ich.  

Drückende Verantwortung und ganz viel Liebe

Zuerst habe ich darüber gebloggt, dann ist ein Buch daraus entstanden: «Wir geben Opa nicht ins Heim» handelt von dem einen Jahr zwischen Weihnachten und Weihnachten, in dem meine herzkranke Oma mit ihrem Pflichtgefühl einerseits und ihrer eigenen Schwäche andererseits kämpfte, weil sie meinen parkinsonkranken und dementen Opa partout zu Hause pflegen wollte – und daran fast zerbrochen wäre. 


Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Es geht um die schwere Entscheidung, einen Menschen in ein Pflegeheim geben zu müssen und warum man damit keinesfalls zu lange warten darf. Es geht ganz allgemein ums Altwerden, auch um fiese Krankheiten, um drückende Verantwortung und Belastungsgrenzen, es geht ein bisschen um Pipi und ganz viel um Liebe. 

«Wenn Opa und ich in einem Buch sind, dann können wir niemals sterben.»

Ich hoffe, dass unsere Geschichte anderen Menschen vielleicht ein wenig Mut macht. Mut, sich mit dem Thema Alter, Krankheit und Tod zu befassen, sich Ängsten und Vorurteilen zu stellen. Mut, sich rechtzeitig vorzubereiten, in Ruhe ein Pflegeheim auszusuchen und nicht mehr zu verdrängen. Mut, füreinander und für sich selbst da zu sein und sich dabei Freiräume zu sichern. Mut, Stück für Stück loszulassen und in all dem Schmerz und Irrsinn auch mal herzlich und laut zu lachen.


Oma – Leseratte, die sie ist – hat das Buch schon verschlungen und urteilt: „Sehr gut geschrieben, ohne Frage. Aber dein erstes Buch fand ich spannender – bei dem hier kenne ich ja schon alles.“ Vorher hatte sie mir gesagt, ich solle es so aufschreiben, wie es ist – das mit dem Lebensende. Und außerdem einen Satz gesagt, der mein Herz seither nicht mehr loslässt und es mit Dankbarkeit und Demut erfüllt: «Wenn Opa und ich in einem Buch sind, dann können wir niemals sterben.»

Top