17.11.2017   von rowohlt

«Ein Blitzschlag. Liebe auf den ersten Blick»

«Wie ich mich ins Italienische verliebte»: Jhumpa Lahiris «Sprachpilgerschaft nach Rom»

© Marco Delogu
© Marco Delogu

Mit zwei Sprachen wuchs die US-Autorin Jhumpa Lahiri auf. In der Familie wurde Bengalisch gesprochen, Lesen und Schreiben lernte sie auf Englisch in den USA. In beiden Sprachen fühlte sie sich nie ganz beheimatet. Doch dann, während einer Florenzreise 1994 – eine jähe, wilde Affäre mit dem Italienischen, einer Sprache, die neue Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit  verhieß. 2013 zog sie – ihr Leben als freie Schriftstellerin machte es möglich – mit der gesamten Familie nach Rom. «Mit anderen Worten», Lahiris erstes auf Italienisch geschriebenes Buch, ist die Geschichte eines kulturellen und linguistischen Abenteuers. Die Auseinandersetzung einer Schriftstellerin mit einer Fremdsprache, die langsam zur eigenen Sprache wird, und mit einem Land, das ihre neue Heimat werden soll.

Eine «linguistische Autobiografie»


Dass ein Satz des Schriftstellers Antonio Tabucchi, geboren 1943 in Pisa, gestorben 2012 in Lissabon, Jhumpa Lahiris fünftem Buch als Motto vorangestellt ist, passt: «… ich verspürte die Notwendigkeit einer anderen Sprache: einer Sprache, die ein Ort der Zuneigung und Reflexion wäre.» Eine neue Sprache als Ort der Zuneigung und Reflexion: exakt danach hat die US-Autorin gesucht, als sie ihr Liebesverhältnis mit dem Italienischen begann. Sie ist nicht nur «for calm and cappuccinos» mit ihrem Mann, dem Journalisten Alberto Vourvoulias-Bush, und den Kindern Octavio und Noor 2013 von Brooklyn nach Rom gezogen. Sie habe lange genug gewartet, einmal für längere Zeit wegzugehen aus der Welt, die sie kannte. Indien, USA, Italien: eine Welterkundung in drei Sprachen.  


Rom, Italien: Zwanzig Jahre nach dem Kauf des ersten Italienisch-Wörterbuchs ist endlich der Moment gekommen, ins «linguistische Exil» zu gehen. 1994 hatte die Bostoner Studentin Jhumpa Lahiri zusammen mit ihrer Schwester für ein paar Tage Florenz besucht – es ist, wie sich herausstellt, der Beginn einer Liebesbeziehung. «Die Sprache ist schön, gewiss, aber die Schönheit allein ist es nicht. (…) Was ich spüre, ist etwas Physisches, Unerklärliches. Eine unbesonnene, absurde Erregung. Eine angenehme Spannung. Ein Blitzschlag. Liebe auf den ersten Blick.»


Im Nachwort zu ihrem «italienischen Projekt» beschreibt Lahiri eindringlich die Selbstzweifel, Skrupel und praktischen Schwierigkeiten, aus der Sprache, in der sie zur Bestsellerautorin und Pulitzer- und PEN/Hemingway-Preisträgerin wurde, in eine neue Sprache zu wechseln. Sie erinnert an den Maler Henri Matisse, der 1939, fünfzehn Jahre vor seinem Tod, die traditionelle Malerei hinter sich ließ und – halb erblindet und an den Rollstuhl gebunden – eine neue künstlerische Technik erprobte. Ein radikales Experiment: collageartige abstrakte Werke aus mit Gouachefarben bemaltem Papier. An Matisses Erfahrung eines radikalen Neuanfangs setzt Jhumpa Lahiri in ihrem Nachwort an, aus dem wir einige Passagen zitieren:

«Ich weiß, dass im Sammeln selbst die Schönheit liegt, nicht im Ergebnis»


«In der Zeit, in der ich Mit anderen Worten zu Ende schrieb, besuchte ich in London eine Ausstellung, die der letzten Schaffensphase von Matisse gewidmet war. (…) Durch den Besuch dieser Ausstellung lernte ich einen Künstler kennen, der an einem gewissen Punkt seines Lebens das Gefühl verspürte, seinen Weg zu ändern und sich anders auszudrücken. Der den verrückten Impuls hatte, eine bestimmte Vision aufzugeben, ja sogar eine bestimme kreative Identität durch eine andere zu ersetzen.


Ich dachte an mein Schreiben auf Italienisch: ein ebenso komplizierter Prozess, ein ebenso rudimentäres Ergebnis im Vergleich zu meiner Arbeit auf Englisch. Matisses Methode ähnelt ein wenig dem, was ich mache. Die Papierstücke sind die Wörter, deren Sinn schon von anderen festgelegt wurde. Ich wähle sie aus und setze sie ein und versuche, aus einem wirren Haufen von Elementen etwas Kohärentes herauszuarbeiten. In einer anderen Sprache zu schreiben bedeutet Abbruch, einen Neuanfang.


Mit anderen Worten ist mein erstes direkt auf Italienisch geschriebenes Buch. Es entstand im Herbst 2012, auf eine private, fragmentarische, natürliche Weise. Ich war gerade nach Rom umgezogen, nachdem ich fast mein ganzes Leben in Amerika verbracht hatte. Italienisch sprach ich schon, aber nur mit einem Grundwortschatz. Nun wollte ich es beherrschen lernen. In einem Notizheft machte ich mir auf Italienisch Aufzeichnungen über das Italienische. Dort verzeichnete ich neue Wörter, Grammatikregeln, die ich lernen musste, Sätze, die mir auffielen. Gewohnheitsmäßig schrieb ich alles auf, fing vorne an und füllte das Notizheft Seite um Seite.


Parallel dazu begann ich auf der letzten Seite, von hinten nach vorne, Aufzeichnungen anderer Art zu machen, nicht über die technischen Aspekte der Sprache, sondern über meine Erfahrung, mich in die Tiefe des Italienischen zu stürzen. Es waren flüchtig hingeworfene Bemerkungen, am Ende des Notizheftes zusammengetragen, als wollte ich sie vor mir selbst verbergen. Mit der Zeit wurden aus den einzelnen Bemerkungen Sätze und aus den Sätzen ganze Absätze. Es wurde eine Art Tagebuch, gefüllt, ohne lange zu überlegen. (…)

Schreiben – «der einzige Weg, wie ich das Leben aufsaugen und ordnen kann»


Wie dieses Buch beschreiben? Es ist mein fünftes. Es ist aber auch ein Debüt. Ist Ausgangspunkt und Ankunft. Es basiert auf einer Abwesenheit, einem Mangel. Schon im Titel enthält es eine Zurückweisung. Diesmal gebe ich mich nicht mit den Wörtern zufrieden, die ich schon kenne, mit denen ich schreiben sollte. Ich suche mir andere. Ich glaube, es ist ein zögerliches, aber zugleich mutiges Buch geworden. Ein ebenso privater wie öffentlicher Text. Einerseits ging es aus meinen anderen Büchern hervor. Die Grundthemen blieben unverändert: Identität, Entfremdung, Zugehörigkeit. Andererseits sind Hülle, Inhalt, Körper und Geist umgestaltet.


Es ist ein Reisebuch, mehr, würde ich sagen, eine innere Reise als eine geographische. Denn es berichtet von einer Entwurzelung, einem Zustand der Verwirrung, einer Entdeckung. Es erzählt von einer zuweilen aufregenden, zuweilen zermürbenden Reise. Einer absurden Reise auch, da die Reisende ihr Ziel nie erreicht. (…)


Im Unterschied zu meinen anderen Büchern ist dieses erstmals in meiner echten, gelebten Erfahrungswelt verwurzelt. Bis auf zwei Erzählungen ist es kein Werk der Phantasie. Ich betrachte es als eine Art sprachlicher Autobiographie, als Selbstbildnis. Hier scheint es mir richtig, Natalia Ginzburg zu zitieren, die in ihrer Vorbemerkung zu Familienlexikon schreibt: «Ich habe nichts erfunden.» Und doch habe ich, von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet, alles erfunden. In einer anderen Sprache zu schreiben bedeutet, bei null anzufangen. Man kommt aus der Leere, und jeder Satz scheint aus dem Nichts zu entstehen.  (…)  


Indem ich Italienisch lernte, habe ich das Schreiben neu erlernt. Ich musste mich der Sache anders annähern. Bei jedem Schritt stand die Sprache vor mir und leistete mir Widerstand. Doch gleichzeitig hat sie es mir ermöglicht zu rebellieren, über sie hinauszugehen. Natalia Ginzburg sagt über ihr Familienlexikon: «Ich weiß nicht, ob es mein bestes Buch ist, aber mit Sicherheit ist es das einzige Buch, das ich in einem Zustand absoluter Freiheit geschrieben habe.» (…)

«Würde ich nicht mit Wörtern arbeiten, fühlte ich mich auf der Erde nicht anwesend»


Es steht mir nicht zu, meine Bücher zu bewerten. Ich möchte allerdings zwischen einem realistischen Roman, der aus dem Wissen und der Neugierde des Autors heraus entsteht, und einem autobiographischen unterscheiden. Mit anderen Worten ist anders. Nahezu alles, was darin vorkommt, habe ich selbst erlebt. Ich habe schon erklärt, dass es als eine Art Tagebuch, als persönlicher Text, begonnen hat. Es bleibt mein intimstes, aber auch mein offenstes Buch. (…)


Das Erfinden kann auch eine Falle sein. Eine aus dem Nichts entstandene Figur soll wie eine wahre Person erscheinen, das ist die Herausforderung. In Das Tiefland war es vor allem die Herausforderung, einen realen Ort zu beschreiben, an dem ich nie gelebt habe, und eine historische Epoche heraufzubeschwören, die ich nicht kannte. Um diese Welt und diese Zeit plausibel zu beschreiben, habe ich viel recherchiert. Von meinem ersten Buch an wollte ich Kalkutta wieder aufleben lassen, die Heimatstadt meiner Eltern. Da es für sie ein weit entfernter, fast untergegangener Ort war, suchte ich nach einer Methode, schreibend die Entfernung zu überwinden und ihn lebendig zu erhalten.


Heute fühle ich mich nicht mehr verpflichtet, meinen Eltern ein verlorenes Land zurückzugeben. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass sich mein Schreibeneine derartige Verantwortung nicht aufbürden muss. In diesem Sinn ist Mit anderen Worten mein erstes Buch, das ich als Erwachsene schreibe, aber, vom sprachlichen Gesichtspunkt aus, auch als Kind.»

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