02.01.2015   von rowohlt

«Ein Bild von dir» und «Die Tage in Paris»

Neues von Jojo Moyes

Wie schön: zwei neue Bücher von Jojo Moyes auf einen Schlag! «Ein Bild von dir» ist die berührende Geschichte zweier Liebespaare, die durch ein ganzes Jahrhundert getrennt – und durch ein Bild, ein Frauenporträt, miteinander verbunden sind. Édouard und Sophie hier, Liv und Paul dort: Zwei Paare in zwei Ländern, getrennt durch mehrere Generationen und zwei Kriege, und doch in dramatischer Weise aufeinander bezogen. Ein bewegender Roman und seine (wunderbar illustrierte) romantische Vorgeschichte: zwei Bestseller von Jojo Moyes im Doppelpack.


Wer Jojo Moyes‘ großen, über 500 Seiten starken Roman über die wechselhafte Geschichte rund um das Gemälde «Jeune Femme» von 1912 gelesen hat, kann sich danach durch Die Tage in Paris schmökern, eine doppelte Honeymoon-Geschichte zwischen Boulevard Haussmann, Place des Vosges und Eiffelturm. Wer es aber genau andersherum macht, also mit Sophie und Édourard 1912 und Paul und Liv 1998 durchDie Tage in Paris flaniert, wird sich ganz sicher nicht den großen Rest der bewegenden, kunstvoll verschlungenen doppelten Liebesgeschichte entgehen lassen.

SOPHIE & ÉDOUARD

Oktober 1916: Der Erste Weltkrieg hat das nordfranzösische Städtchen St. Péronne erreicht. Die meisten Männer sind an der Front, auch Sophies geliebter Ehemann, der Maler Édouard Lefèvre. Ausgerechnet in der Bar des Le Coq Rouge, das Sophie Bessette und ihre Schwester Hélène betreiben, fallen die deutschen Soldaten abends zum Essen ein. Viele Bewohner des Städtchens sind wütend über die Bessette-Schwestern, die den deutschen Besatzern Abend für Abend üppige Essen servieren, während alle anderen bittersten Hunger erleiden.


Der Hunger quält und lähmt die Menschen nicht weniger als die Angst um ihre Väter und Brüder an der Front. Wenig Milch, wenig Brot, kaum Fleisch; Kinder sterben an Mangelernährung. Alle Lebensmittelvorräte müssen den Besatzungstruppen gemeldet werden; wer ein Schwein oder andere Tiere versteckt, um sie zu schlachten, begibt sich in Lebensgefahr. Die Furcht vor Kollaborateuren und Denunzianten ist mit Händen greifbar.


Ein Bild von dir beginnt mit einer ebenso eindringlichen wie lustigen Episode: In einer Mischung aus Verzweiflung und tolldreistem Mut narrt Sophie die Deutschen, indem es ihr gelingt, im Durcheinander einer Militärrazzia ein rosiges Schweinchen als Baby auszugeben. «Das war aus unserem Leben geworden: unbedeutende Rebellionen, kleine Siege, flüchtige Gelegenheiten, unsere Unterdrücker lächerlich zu machen …»


Édouards Bild von Sophie – das Porträt einer «Frau mit dem gebieterischen Selbstvertrauen einer Aristokratin» – ist der Kristallisationspunkt von Moyes‘ Roman. Es entsteht kurze Zeit, nachdem der exzentrische Maler der Académie Matisse und die Kaufhausverkäuferin aus St. Péronne sich in Paris kennenlernten – eine Liebe spätestens auf den zweiten Blick. Das Bild, das so klar und wahr, so intensiv und eindringlich ist, dass sich Menschen auch ein Jahrhundert später in den Bann der «Jeune Femme» ziehen lassen. Damals ahnt Sophie nicht, dass dieses Bild ihr ganzes weiteres Leben bestimmen wird (und das einer Frau, die es gemeinsam mit ihrem Mann fast hundert Jahre später in Paris erwerben wird).


Als Friedrich Hencken, der neue Kommandant der deutschen Truppeneinheit in St. Pérrone, ein gebildeter, kultivierter und doch zu impulsiver Grausamkeit fähiger Mann, das Gemälde zum ersten Mal im Le Coq Rouge sieht, ist er fasziniert: von der Frau auf dem Bild und der Frau, die vor ihm steht und sagt: «Das bin ich.» Das Drama nimmt seinen Lauf. Während Édouard in einem berüchtigten Gefangenenlager interniert wird, weil er einem Mitgefangenen einen Kanten Brot zugesteckt hat, wird Sophie zum Entsetzen ihrer Familie und der Menschen in St. Pérrone von den Besatzern verhaftet und in ein Straflager der Deutschen verschleppt. Wieso gerade Sophie – was ist geschehen? Erst viel später lässt Jojo Moyes uns wissen, was Sophie zugestoßen ist – und warum …


 

LIV, DAVID & PAUL

Mit beeindruckender Souveränität verknüpft Jojo Moyes Sophies Kriegsschicksal mit einer anderen dramatischen Geschichte, die 88 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in London ihren Ausgang nimmt. Vier Jahre ist Liv Halstons Mann David tot; der begnadete Architekt starb im Alter von 38 Jahren bei einer Lissabon-Reise an einer nicht diagnostizierten Herzschwäche. Das auf einem alten Zuckerspeicher errichtete Glashaus an der Themse, ein Meisterwerk des puristischen Minimalismus, ist sein architektonisches Vermächtnis; für Liv aber ist das spektakuläre Gebäude, in dem sie lebt, nichts als ein Ort der Trauer, des Schmerzes, der Einsamkeit.


Das Einzige, was ihr von David geblieben ist und woran ihr Herz hängt, ist ein Gemälde im Goldrahmen. Es zeigt eine unbekannte junge Frau – Sophie, wie wir wissen (aber nicht Liv). Auf ihrer Hochzeitsreise hat David es damals in Paris für ein paar hundert Euro von einer Amerikanerin gekauft, die nach dem Tod ihrer Mutter, der Kriegsreporterin Louanne Baker, mit deren Hinterlassenschaften buchstäblich auf der Straße stand.


Welche Reise Édouards «Jeune Femme»hinter sich hat, aus den Wirren des Ersten Weltkriegs in die Schrecken des Zweiten Weltkriegs hinein, das erzählt Jojo Moyes mit eindringlicher Kraft. Mit Paul McCafferty lässt sie einen neuen Akteur in das Geschehen eintreten. Nicht dass er, ein geschiedener Mann und Vater eines Jungen, sich praktisch auf der Stelle in Liv verliebt, ist das Besondere an ihm. Und auch nicht, dass er einige Jahre in New York als Polizist einer Sondereinheit arbeitete.


Das Besondere an Paul McCafferty ist, dass er mit seiner Londoner Agentur Trace and Return Partnership auf Raubkunst und Restitutionsfälle spezialisiert ist, auf die Wiederbeschaffung gestohlener oder sonstwie verschwundener Gemälde. Und dass er, wie es das Schicksal so will, gerade einen Fall auf dem Schreibtisch hat, in dem es um ein vor langer Zeit in Nordfrankreich verschwundenes Frauenporträt geht: «Jeune Femme», ein Frauenporträt eines Malers aus der Matisse-Schule, Édouard Lefévre …


Jojo Moyes’ neuer Roman fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Er ist gefühlvoll und bewegend, ernsthaft und doch von jenem lässigen Witz, den wir aus ihren anderen Büchern kennen. Ein grandios komponierter Liebesroman, ein großes Leseerlebnis!

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