27.04.2018   von rowohlt

«Ich habe dich gebraucht. Und du hast mich verlassen …»

«Mit brutaler Härte, anmutiger Eleganz und unverkrampfter Nonchalance tritt Brit Bennett in Toni Morrisons Fußstapfen»

© Emma Trim
© Emma Trim

Die Mütter, so nennen sich die alten Frauen in Oceanside, sind Zeugen des «Skandals», mit dem dieser Roman beginnt: Dass Nadia Turner, deren Mutter sich das Leben genommen hat, von Luke Sheppard, dem Sohn des Pastors, geschwängert wurde. Und dann beschließt, das Baby nicht zu bekommen. Später lässt Nadia die Kleinstadtenge von Oceanside hinter sich, geht aufs College, bereist die Welt. Als sie Jahre später zurückkehrt, ist ihre beste Freundin Aubrey, das andere stille Mädchen in der konservativen schwarzen Gemeinde von Oceanside, mit Luke zusammen ...
Brit Bennett war gerade 26, als sie mit «Die Mütter» an die Spitze der US-Bestsellerliste gelangte. Die 1990 geborene afroamerikanische Schriftstellerin erzählt von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht in einer lebensklugen Gelassenheit, die staunen macht.

Stimmen zu «Die Mütter»


Spiegel Online: «Eine wunderbar geschriebene, traurige Geschichte über das Erwachsenwerden, das afroamerikanische Leben im südlichen Kalifornien, über die gesellschaftliche Stellung der Frau in der Gesellschaft und über latenten Rassismus.»
Rolling Stone: «Mit brutaler Härte, anmutiger Eleganz und unverkrampfter Nonchalance tritt die 1990 geborene afroamerikanische Schriftstellerin Brit Bennett mit ‹Die Mütter› fast mühelos in die großen literarischen Fußstapfen einer Toni Morrison.»
Brigitte Woman: «All das ist mitreißend und unglaublich dicht erzählt – ein Sound, der das erste Buch der afroamerikanischen Erzählerin an die Spitze der US-Bestsellerliste katapultiert hat.»

«Du hast noch große Dinge vor. Gib sie für niemanden auf!»


«Wenn Nadia Turner gefragt hätte, wir hätten ihr gesagt: Lass die Finger von dem.» Darin sind sich die Mütter, die alten schwarzen Frauen der Kirchengemeinde Upper Room Chapel, einig: Die Lebenserfahrung lehre, dass Pastorenkinder eine ganz eigene Spezies seien – verführbar, unstet und unzuverlässig. Aber die 17-Jährige hat sie, die Hüterinnen von Lebenserfahrung und Wohlanständigkeit nicht gefragt – weshalb sollte sie auch. Nadia hat genug mit ihrem eh schon komplizierten Leben zu tun. Nichts ist mehr, wie es war, als ihre Mutter an einem Wintertag kurz nach Sonnenaufgang ihr Auto an irgendeiner Landstraße abstellte und sich mit der Pistole ihres Mannes den Kopf wegschoss. 


Die Gemeindemütter haben Elises Tod nie verstanden. «Hätten wir wissen müssen, dass Elise losfährt und sich erschießt? Hätten wir es wissen können? Nein, solange nicht einmal Robert etwas ahnte … Elise Turner war schön. Sie hatte ein Kind und einen Mann in sicherer Stellung bei der Regierung. Sie putzte nicht mehr den Weißen das Klo, sie war Haarstylistin auf dem Militärstützpunkt. Eine hübsche schwarze Frau mit einem Leben, das auch eine weiße Frau sich nicht schöner hätte wünschen können. Was hatte sie da zu klagen?»


Elise ließ ihren Mann Robert, einen ehemaligen Marinesoldaten, zurück – und ihre Tochter, die sich bald den Ruf als wildes Mädchen erarbeitete. «Nadia war jung, sie hatte Angst, und sie versuchte, diese Angst hinter ihrem hübschen Aussehen zu verbergen. Und hübsch war sie wirklich, schön sogar … Wie die meisten Mädchen wusste sie, dass hübsch dich sichtbar macht und auch unsichtbar, aber wie die meisten Mädchen hatte sie noch nicht heraus, wie man damit spielen konnte.»


In Brit Bennetts Roman geht es um abwesende Mütter und verlassene Kinder, das endlose Kreisen um eine schmerzende Leerstelle. Dass Nadia und Aubrey, so ungleich, wie zwei Mädchen nur sein können, beste Freundinnen wurden, scheint schicksalhaft vorbestimmt. Aubrey lebt bei ihrer Schwester und deren Freundin. Als Kind hat sie in ihrer Familie traumatische Erfahrungen gemacht: hin und her geschleppt zwischen Motels und Trailer-Parks, vom Freund ihrer Mutter sexuell missbraucht, von ihrer Mutter im Stich gelassen. Anders als die selbstbewusste, rebellische Nadia sucht und findet sie in der Religion ein Stück Halt, den ihr das Leben nicht gibt.

«Wir sind aus der Welt. Jede zu ihrer Zeit und auf ihre Weise …»


Anders als Aubrey vergräbt sich Nadia in Was-wäre-wenn-Spekulationen. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn Luke sich offen zu ihr und dem gemeinsamen Kind bekannt hätte? Ob sie, Nadia, vielleicht das wahre «Missgeschick» im Leben ihrer Mutter war? Und was hätte aus Elise werden können, wenn sie nicht schwanger geworden wäre? Wenn kein Kind sie gehindert hätte, alles aus ihren Möglichkeiten herauszuholen, ihrer Intelligenz, ihrer Neugier, ihrer Schönheit? 


«Nadia hatte für das Leben ihrer Mutter Varianten gefunden, die nicht darauf hinausliefen, dass eine Kugel ihr das Hirn zerfetzte. (…) Einer Mutter, die nicht mehr ihre Mutter war, sondern die den Highschool-Abschluss machte, den College-Abschluss, ihren Doktor sogar. Einer Mutter, die Vorlesungen hörte oder sogar welche hielt … Einer Mutter, die durch die ganze Welt reiste, auf den Felsen von Santorini posierte, die Arme in den blauen Himmel gestreckt.»


Aus Oceanside führt Nadias Weg hinaus. Nicht nach Santorini, nicht in die weite Welt, aber immerhin nach Ann Arbor und Chicago. Dank eines Stipendiums gelingt es ihr, der jungen Schwarzen, an renommierten Colleges und Hochschulen zu studieren – und das zu schaffen, was sie ihrer Mutter so sehr gewünscht hätte. Aber Jahre später wird Nadia dorthin zurückkehren, wo alles begonnen hat, nach Oceanside. Zu ihrem alt gewordenen Vater, der in seiner Verlassenheit nach Elises Tod Trost nur in der Aufopferung für seine Kirchengemeinde Trost finden konnte. Und zu Aubrey und Luke, die mittlerweile verheiratet sind. 


Sie wird lernen müssen, dass das Leben der anderen auch ohne sie weitergegangen ist. Und sich fragen, ob jener Satz vielleicht auch für sie gilt: «Eine Tochter wird älter und rückt der Mutter immer näher, bis sie sich langsam über sie legt, wie ein Schnittmuster …» 

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