23.09.2015   von rowohlt

Drei Klassiker der amerikanischen Literatur: die Border-Trilogie

«Am Rande der Nacht liegen die Ländereien dieses Erzählers, an der Grenze zur allumfassenden Dunkelheit» (Süddeutsche Zeitung)

© David Pearson
© David Pearson

Es war Albert Erskine, William Faulkners legendärer Lektor bei Random House, dem 1964 das Romanmanuskript von The Orchard Keeper in die Hände fiel und der fortan das junge Talent Cormac McCarthy im Blick behielt. Jahre später adelte Harold Bloom, Professor in Yale und einer der einflussreichsten Literaturkritiker Amerikas, McCarthys Opus magnum «Die Abendröte im Westen» als Jahrhundertroman: «Kein anderer lebender amerikanischer Autor, nicht einmal Pynchon, hat uns ein so starkes und denkwürdiges Buch gegeben.»


Cormac McCarthy war schon länger ein writer’s writer, aus der Distanz bewundert von Kollegen und Kritikern, ehe er mit  «All die schönen Pferde (1992, verfilmt 2000) den ersten Publikumserfolg landete. Die Romane «Grenzgänger» (1994) und «Land der Freien» (1998) komplettierten die Border-Trilogie. «Eine große erzählerische Reflexion über Vergänglichkeit, Gewalt, Schmerz und die Unmöglichkeit der Erlösung» (Die Zeit) – und eine radikale Desillusionierung des ewigen Traums von Gerechtigkeit, Liebe, Zugehörigkeit und Heimat.

Literarisierung des Westerns

Mal als «literarischer Western», mal als «Spätwestern» etikettiert, zersetzt, ja zerfetzt die Border-Trilogie den amerikanischen Mythos, jeder sei seines Glückes Schmied und Schicksal das, was der Einzelne daraus mache. Als Cormac McCarthy 1976 von Tennessee nach Texas zog, ins Grenzland von El Paso, in den tiefsten Südwesten der USA, war er in der Umgebung angekommen, in der er den Stoff für seine düster-existenzialistischen Visionen fand. Für ihn findet das wahre Leben jenseits der Städte statt, in der Prärie, in den Plains, der offenen Weite des amerikanischen Flachlands, wo Männer wie John Grady Cole und Billy Parham ständig mit den Naturgewalten und der Allgegenwart des Todes konfrontiert sind.


Literarisch auf Augenhöhe mit seinen großen amerikanischen Autorenkollegen Updike, Roth und DeLillo (und genau wie diese ständig «nobelpreisverdächtig»), ist McCarthy doch in einem ganz anderen Universum unterwegs, wie Hubert Spiegel in der FAZ schreibt: «Die ironische Beschreibung amerikanischer Großstadtidentitäten ist ihm fremd. Nichts scheint ihn weniger zu beschäftigen als Ostküstenintellektuelle oder Mittelstandsdramen um Seitensprünge und Immobilienkäufe.»


Und mit dem Westerngenre à la Hollywood haben seine Border-Romane so wenig zu tun «wie ‹Moby Dick› mit einer Anleitung zum Angeln» (Klaus Modick). McCarthys mitunter an Hieronymus Bosch oder den Mystiker Jakob Böhme erinnernde halluzinatorische Bildmächtigkeit findet in dem Roman «Die Straße», für den er 2007 den Pulitzerpreis erhielt, ihren vollendeten Ausdruck: eine beklemmende Endzeitvision, ein apokalyptisches Szenario von geradezu biblischer Archetypik, geschrieben in einer kargen, lakonischen Sprache von «metallischer Poesie» (Frankfurter Neue Presse).

Die Border-Trilogie = «Beckett zu Pferde» (FAZ)

«All die schönen Pferde»: John Grady Cole ist 16, als er mit seinem Freund Lacey 1949 aus den texanischen Plains nach Mexiko aufbricht, um dort sein Glück zu machen; unterwegs schließt sich ihnen der 14-jährige Jimmy an. Während für Jimmy das Abenteuer tödlich endet, lernt John sich als Zureiter wilder Pferde und Viehtreiber durchzuschlagen. Sein Glück aber findet er nicht in der Fremde, und so geht er dorthin zurück, wo er herkam.


«Grenzgänger»: Als der junge Billy Parham nach einem langen Ritt aus Mexiko zurückkehrt, findet er seine Eltern tot auf der Farm, erschlagen und ausgeraubt von mexikanischen Pferdedieben. Er schwört blutige Rache – und wird erneut zum Grenzgänger: Mit seinem jüngeren Bruder, der den Banditen entkommen konnte, zieht er in das Land jenseits des Grenzflusses Rio Grande, um die Mörder seiner Eltern zu stellen.


«Land der Freien»: In «Cities of the Plains»  (so der amerikanische Originaltitel) führt McCarthy seine Protagonisten, die entwurzelten Ranchersöhne John Grady Cole und Billy Parham, zu einem blutig-heroischen Showdown zusammen. Und dieses Mal bleibt Grady auf der Strecke. Fatalerweise hat er sich in Ciudad Juárez, der mexikanischen Zwillingsstadt von El Paso, in das falsche Mädchen verliebt: die Hure Magdalena, blutjung wie er selbst, eine «Madonna der Leiden», zart, zerbrechlich, von epileptischen Anfällen gepeinigt. Doch Magdalena gehört dem Zuhälter Eduardo, ein Ende mit Schrecken ist unausweichlich: Magdalena endet als Wasserleiche, die beiden Rivalen klären ihre Ansprüche im Kampf Mann gegen Mann– ein tödlicher Showdown, ein Messerkampf, wie er in der Geschichte der Literatur ohne Beispiel ist.

Schönheit, Verlust, Vergänglichkeit

Im Epilog der Border-Trilogie, fünfzig Jahre nach dem Tod seines Freundes John Grady, sitzt der altgewordene Billy unter einer Autobahnbrücke einem Mann gegenüber, dem jener Satz vorbehalten ist, der die Essenz von  Cormac McCarthys Poetik darstellt: «Denn in dem Maße, wie uns die Fähigkeit, von der Welt zu sprechen, entschwindet, muss auch die Geschichte der Welt ihren Faden und somit ihre Verbindlichkeit verlieren.»

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