20.03.2017   von rowohlt

Doris Knecht geht der Liebe auf den Grund

«Wenn Paare diesen Roman gemeinsam lesen, haben sie sich bestimmt einiges zu erzählen.» (Der Tagesspiegel)

© Peter Rigaud
© Peter Rigaud

Viktor wird demnächst fünfzig. Er hat hohen Blutdruck, fünf Kinder, zwei Exfrauen. Und eine Lebensgefährtin, Magda, die endlich geheiratet werden will. Das kollidiert mit Viktors heimlicher Leidenschaft: noch mehr Frauen, noch mehr Sex. Mit Josi, Helen und Anja, mit Camille, Lisbeth und noch ein paar anderen. Die wiederum haben ihre eigenen Geschichten und entsprechende Gründe, sich mit einem notorischen Schürzenjäger wie ihm einzulassen – oder ihm den Laufpass zu geben. Jetzt, wo Kulturmanager Viktor zum Festival-Intendanten berufen wurde, könnte alles so schön sein – wäre da nicht ständig die Drohung, dass Viktors Leben mitsamt seinen intellektuell lässig unterfütterten Rechtfertigungen von der Relativität der Treue und dem Reiz der Polyamorie auf einen Schlag in die Luft fliegt.  


Brigitte: «Riesenspaß für alle, die gerade nicht so gut auf Männer zu sprechen sind.»
Myself: «Wie hier ein Mann mit einem ganz unverwechselbaren Sound seziert wird, ist nicht zu toppen. Knecht ist klasse!»
Focus:  «Doris Knechts Roman ‹Alles über Beziehungen› steckt voller hochkomischer Absurditäten über Treue und Untreue.» 
emotion: «Böse und lustig, versaut und auch zart. Das Buch für alle, die gerade auf dem Liebesmarkt unterwegs sind.»
Die Presse: «Rasant-komisch, äußerst unterhaltsam ...»

Treue – was soll das sein?


Was hat Viktor Kirchner, was andere Männer nicht haben? Auf den ersten Blick (und auch auf den zweiten und dritten) eher wenig.  Auch wenn er selbst sich für unwiderstehlich hält: ein Beau ist er nicht. Weit fortgeschrittene Glatze, schwere Brille, Bart, «Arme und Beine leicht defizitär bemuskelt», Bluthochdruck (kein Wunder bei diesem Lebenswandel: Drogen, Sex, Alkohol, Zigaretten, Stress ohne Ende), chronische Gastritis. Alles in allem: «immens durchschnittlich». Und dann noch: so gut wie fünfzig! «Scheißhässliches Wort. Es klang, als würde man auf eine Nacktschnecke treten.» 


Kein Beau und dennoch: mit Frauen kann er's. Dabei gibt es nur eine, der es um den ganzen Viktor geht. All die übrigen laben sich für eine Nacht oder diverse Stelldicheins am schnellen, unkomplizierten Sex mit dem Erotomanen – und nehmen es mal mehr, mal weniger pragmatisch. Anwältin Helen zählt eindeutig zur pragmatischen Sorte: «Sie kriegte von Viktor ziemlich genau das, was sie wollte, plus, er war wichtig und anerkannt, und sie konnte ihn sich als eine Art unsichtbare Trophäe auf ein Regal in ihrer Kanzlei stellen.» Auch wenn er als Intendant eines zweitrangigen Bühnenfestivals nicht gerade ein Fixstern am Firmament des Wiener Kulturlebens ist – eines kann er, und zwar recht ordentlich (und wenn es sein muss, das volle Programm in maximal einer halben Stunde): «Knutschen, lecken, ficken, reden» – das ist Viktors Kernkompetenz. Den Rest an Viktor kann man eigentlich vergessen.

«Hallo, mein Name ist Viktor, ich bin hypersexuell»


Auf die Frage «Haben Sie viele Sexualpartnerinnen?» kann er nur mit einer Gegenfrage antworten: «Nun ja. Was hieß das, viele? ‹Viele› war doch relativ. Für Annemarie, seine Schwester, die den zweiten Mann, mit dem sie geknutscht hatte, heiratete, bekinderte, ihn immer noch treu und, soweit Viktor informiert war, exklusiv begattete, fiel im Zusammenhang mit Sex vermutlich schon die Zahl drei unter ‹viele›. Während ‹viele› für Viktors alten Haberer Ernstl, der damit prahlte, mit über tausend Frauen geschlafen zu haben, etwas vollkommen anderes bedeutete.»


Es sind einfach zu viele Frauen, um treu zu sein – was soll man(n) machen! Viktor liebt Magda, keine Frage. Sie die tschechische Mutter seiner Kinder drei, vier und fünf, ist superpatent, schmeißt den Familienhaushalt und ganz nebenbei auch noch ein Putzhilfenunternehmen (was der Familienkasse definitiv mehr Kohle bringt als Viktors Kulturjob). Aber die treusorgende Magda ist eben nicht die einzige Frau in Viktors Leben, leider. 


Ja, Viktor ist «gebenedeit unter den Frauen»! Da wäre Josi, die junge Meeresbiologin, Anja, Josis Schwester Lisbeth, die Künstlerin Nora, die Anwältin Helen, die Tänzerin Camille («nicht der hellste Strahler in Gottes großer Beleuchtungsanlage, wirklich nicht, aber ein unglaublicher Körper»). Ständiges Vertuschen und Geheimhalten im Affären-Terminmanagement kann rasch in Mörderstress ausarten. Schließlich darf oder sollte keine Frau in «Ficktors» Spiel von der anderen wissen: «Er schien immer nur sichtbar für die Frau, in der er jeweils gerade steckte.» 


Heikel wird es, wenn Ex-Liebhaberinnen sich wieder bei ihm melden – da schrillen die Alarmglocken beim Don Juan im Künstler- und Bobomilieu der Donaumetropole. Im besten Fall handelt es sich dabei um Irritationen im erotischen Tagesgeschäft, im schlimmsten Fall um frisch erwachte Liebe (Lisbeth!). Und das bedeutete: Alarmstufe rot – Explosionsgefahr! «Alleinstehende Frauen und Frauen am Weg zur Alleinstehung waren gefährlich; sie neigten dazu, mehr zu wollen, als Viktor wollte, wollen konnte und wollen wollte.» 

«Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme …»


Mit diesem Satz  beginnt der Roman. Und in der Tat, eines von Viktors größten Problemen ist die Ahnung, dass die Bombe bald platzen könnte. Weshalb müssen seine Kurzzeitgeliebten auch auf Facebook oder sonstwo ständig kryptische Statusmitteilungen hinterlassen! «Das blöde Facebook holte alles Unreife aus den Leuten heraus ... Diese scheiß sozialen Medien ruinierten die Leute.» Sicherheitshalber lässt er sich therapeutischerseits schon mal eine anständige Diagnose stellen: Hypersexualität, vulgo: Sexsucht. Das ist exakt der Persilschein, den Viktor für die Fortführung seines lasziven Lebensstils braucht. Aber irgendwann ist dann wirklich Schicht im Schacht …


Als kampferprobte Kolumnistin ist die gebürtige Vorarlbergerin Doris Knecht in Österreich eine Institution – als Schriftstellerin hat sie einen ganz eigenen literarischen Ton entwickelt: die Kunst der Zuspitzung, lustig und tiefgründig zugleich. «Knechts Dialoge sind so rasant wie lakonisch, die inneren Monologe so überdreht wie luftig. Die Sprachkomik, die sie etwa dem Flirten im SMS-Mail-Messenger-Format abgewinnt, ist im besten Sinne unterhaltsam, weil schrecklich entlarvend.» (Carsten Otte, Der Tagesspiegel) Wie auch in ihren früheren Romanen «Gruber geht», «Besser» und «Wald» bleibt einem hier das Lachen manchmal im Hals stecken; zu zynisch und infam geht Viktor mit Magda um, der einzigen Frau, die ihn liebt und die er liebt. 


Sie habe Lust gehabt, sagt die Autorin im Interview, ein «eher wenig romantisches Buch über die Liebe zu schreiben – und was passiert, wenn man sie verliert oder verspielt». Die beste Pointe in Sachen Liebe und Liebesverrat, Treue und Betrug, Freiheit und Bindung, Monogamie und Seitensprünge hat sich Doris Knecht passenderweise für den letzten Satz aufgehoben …

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