23.03.2016   von rowohlt

«Doch wie steril jedes Leben, fehlt ihm der Biß!»

So viele Gedichte, wie das Jahr Tage hat – 365 Sieben- bis Zwölfzeiler von Rolf Hochhuth

Am 1. April 2016 feiert Rolf Hochhuth seinen 85. Geburtstag – kein Aprilscherz, wie er selbst zu sagen pflegt. «Das Grundbuch» präsentiert sein Lebenswerk, seine wichtigen Themen und Anliegen, auf kleinstem Raum und in dichtester, lyrischer Form. Es ist ein Fazit, und es lautet: Sei's drum, weiter! «Hochhuth ist ein Kaltnadelradierer der Poesie, schmucklos, scharf ritzend, aber nicht ätzend … ein besessener Aufklärer, wo er die Täter am Werk sieht, ob Diktatoren oder Shareholder.» (Fritz J. Raddatz)
Er ist einer der erfolgreichsten Dramatiker des heutigen Theaters – mit sicherem Gespür für brisante Stoffe und Themen. Noch jedes seiner Stücke hat heftige Debatten ausgelöst und manchen prominenten Politiker und Kirchenmann das Fürchten gelehrt – allen voran das am 20. Februar 1963 von Erwin Piscator in der Freien Volksbühne Westberlin uraufgeführte Stück «Der Stellvertreter». Geschichte, Zeitgeschichte vor allem, hat Hochhuth immer fasziniert. Lebendig aber wird sie für ihn erst durch das Handeln Einzelner. Seine Figuren sind streitbare Moralisten – wie er selbst. «Ich halte Hochhuth für den geschichtsmächtigsten Autor unserer Generation.»( Martin Walser)
Hier eine kleine Auswahl aus den 365 Sieben- und Zwölfzeilern, die der Autor selbst eher als «auf den Punkt gebrachte Lebenserkenntnisse denn als Gedichte» bezeichnet. Wagemutige Wort- und Gedankenkombinatorik, mal gereimt, mal pointierend rhythmisiert – «Das Grundbuch» ist ein Empörungs- und Trostbuch für politisch denkende und empfindende Zeitgenossen.

Azaleen & Sokrates

Azaleen
– leuchtende, doch totenhemdweiße Blumen.
Müssen drinnen stehn,
zu Weihnachten, wenn die Geschäfte boomen.
Draußen würden sie eingehn, in Schnee und Eis.
«Dann bitte Gepflanztes – Schnittblumen erinnern»,
bat meine Mutter, wollte man ihr welche schenken,
«an das, was uns längst klar im Innern:
Wozu, bald tot, dran denken?»


Sokrates sagte zuletzt
– nur eins bleibe endlich noch interessant;
nicht das, was man als Denken überschätzt:
«Doch muß man sitzen – trennt die Kerkerwand
uns von Schönheit, von Jugend: Der Stress
im Altsein macht todessüchtig-knockout.
Denn stirbst ja nicht im albernen Prozeß!
Nein, kommst nicht mehr ans Höchste, an junge Haut.»

Die Form. Das Alter. Das elfte Gebot

Erst die Form
– adelt
was sonst unfertig bliebe,
nichtig-unwichtig nur die Norm.
Schon unser Gefühl tadelt,
wenn jeder schriebe,
wie er spricht: Wäre Verzicht auf Auswahl, Strenge
– hieße, wie die Menge meist Allgemeines sprechen,
kaum begründet durch den Kopf!
Würde die Vernunft wesentlich schwächen
– gehört in den Nachttopf.
Das Alter – die Schlußdemütigung
– fehlen doch zu allem, was du unternimmst,
Lust, Energie, Schwung:
Auch will niemand, daß du noch mitschwimmst …
Im Beruf umstellt von kalter Distanz;
ignoriert, weil auch du deine Glanz-
Jahre hattest. Nicht wegen deiner Spätzeit ermattest
du jetzt – nein: Niemand will dich mehr, zuletzt
alle deiner überdrüssig! Du dir selbst überflüssig.
Das elfte Gebot
Du sollst nicht schweigen!
Gegner gibt's immer: Ob weiß, ob rot.
Sofort ihnen zeigen
– lange Geduld erhöht die Mitschuld –
kämpfst, bist kein Stimmvieh,
das achselzuckend hinnimmt
als Fait accompli:
wenn Dreck obenauf schwimmt!

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