03.08.2017   von rowohlt

Die Zeit der sengenden Dürre

Der Mensch: ein Geschöpf, das Kriege führt – Brian van Reets schonungsloser Roman über den Irak-Krieg

© Peter Tsai (Autorenfoto); iStockphoto.com
© Peter Tsai (Autorenfoto); iStockphoto.com

Bagdad im April 2003: Die US-Soldatin Cassandra hält Wache in Falludscha; es sind die ersten Tage der Invasion in den Irak. Cassandra geht in ihrer Soldatenrolle auf. Dass sie Frauen liebt, weiß keiner und ahnt jeder. Auf der anderen Seite stehen Menschen wie der Mudschahedin Abu al-Hul. Er hat schon gegen die Sowjets gekämpft und in Tschetschenien seinen Sohn verloren. An seinem Glauben ist er nicht irregeworden, wohl aber an den barbarischen Formen des Kampfes, die sein Gegenspieler Dr. Walid bevorzugt. Als Cassandra zusammen mit zwei Kameraden in die Hände von Walids Gruppe gerät, soll sie als Figur in einem finsteren Propagandastück instrumentalisiert werden. Es ist der Beginn eines wahren Martyriums … 

Stimmen zu Brian van Reets «Beute»


Anne Enright: «Eine ernste und wütende Beschreibung des moralischen Schlachtfeldes hinter den Schlagzeilen aus dem Irak.»
Prof. Richard Overy: «Ein ergreifender Roman über das Wesen des Krieges.»
Philipp Meyer: «Dieses Buch, das direkt in den Olymp erstklassiger Kriegsromane aufgestiegen ist, liest sich wie ein Albtraum in einer Tragödie. Dies ist das abschließende Protokoll des Krieges, der das Ende des amerikanischen Imperiums besiegelt.»

Das Interview


Sie haben sich kurz nach den Anschlägen vom 11. September freiwillig bei der Army gemeldet. Können Sie uns etwas mehr zu Ihren Beweggründen erzählen?
Damals war ich 20 Jahre alt, studierte an der University of Virginia, und war vermutlich etwas abenteuerlustiger als der durchschnittliche Anfangszwanziger. Also wirklich abenteuerlustig. Ich war kein guter Student – an der High School war ich noch gut gewesen, aber meinen ersten Geschmack von Freiheit habe ich mit viel Feiern vergeudet. Deshalb war mein Eintritt in die Army wohl eher kein politischer Akt, sondern mehr ein Abhauen wie mit den Leuten vom Zirkus oder nochwas Spannenderes. Ich dachte, das echte Leben finde irgendwo anders statt. Bedeutsame Dinge passierten, und sie passierten eben nicht an der Uni, und ich wollte wohl einfach mehr mitbekommen. Wenn ich zurückschaue, würde ich mir als 20-jährigem empfehlen, das so nicht zu tun, es stärker zu hinterfragen. Aber ich hätte damals nicht auf mich gehört.


Sie wurden im Irak als Mitglied einer Panzereinheit eingesetzt; die eigentliche Dienstzeit dauerte am Ende viel länger als Sie geplant hatten.
Ja, ich hatte mich für zwei Jahre verpflichtet, die kürzestmögliche Zeitdauer. Ich wusste, dass ich keine Karriere bei der Army machen wollte. Es sollte dieses eine Abenteuer sein – klingt bescheuert, aber ich denke, der Grund, warum sich Menschen zu allen Zeiten freiwillig für die Army gemeldet haben, ist sehr häufig eben dieser Drang nach Abenteuer. Ich hatte mich für zwei Jahre verpflichtet, aber am Ende habe ich fast vier abgerissen, weil es da diese Sache mit der Dienstaustrittssperre gibt, die Hintertür-Nummer. Es war vor allem Präsident Bush, der sagte: «Du kommst nicht raus, du bleibst für die Länge des Einsatzes.»


Als Sie schließlich heimgekehrt sind, gingen Sie zurück an die Uni, studierten Kreatives Schreiben. Und nun erscheint «Beute» – ein Buch mit drei Handlungssträngen und drei Hauptfiguren: Sleed, Mitglied einer Panzer-Einheit, die Soldatin Cassandra und der Dschihadist Abu al-Hul. War es einfacher, aus der Perspektive von Sleed zu schrieben, der ähnliche Erfahrungen wie Sie macht, und schwieriger, sich in den Dschihadisten zu versetzen? Oder hatten Sie Zeit, sich Gedanken über «den Feind» zu machen, was es dann einfacher machte, die Dinge aus dessen Perspektive zu betrachten?
Die ersten literarischen Texte, die ich über den Irak geschrieben habe, waren die Figuren aus der Welt von Sleed. Danach habe ich die Perspektive des Gegners eingenommen. Während des Krieges habe ich nichts Fiktionales geschrieben, aber ich habe viel nachgedacht. Wen bekämpfen wir hier eigentlich, und was denken die darüber? Wie sind die anderen? Ich glaube, andere aufmerksame Soldaten hatten die gleiche Art von Gedanken – wie kann man sich solche Fragen nicht stellen? Und so ist die Literatur für mich ein Weg, diese zu erkunden und dabei aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Mir bereitete die Idee, ein Sachbuch über meine Zeit im Krieg zu schreiben, die Sorge, ich könnte womöglich Leute in einem weniger günstigen Licht zeichnen, als sie es verdient hätten. Manche würde es verdienen, andere aber nicht. An der Literatur gefällt mir, dass man sich jede Perspektive auswählen kann, die man will. Ich meine, man muss sie sich zwar erarbeiten, aber die Möglichkeit existiert.


Haben Sie eine Verantwortung empfunden, den arabischen Kämpfer so facettenreich und lebensecht wie möglich zu gestalten?
Natürlich. Das ist die gewagteste Figur, deshalb muss man stärker daran arbeiten, die Leser zu überzeugen. Man lernt ein bisschen mehr über seine Kindheit als bei den anderen Figuren. Merkwürdigerweise war es für mich einfacher, mir seine Gefühlswelt vorzustellen als die einer Soldatin. Als ich noch im aktiven Einsatz war, war es Frauen nicht erlaubt, in bewaffneten Einheiten wie meiner zu kämpfen; also gab es in meinem Panzer-Bataillon ein paar Hundert Typen und keine einzige Frau. Ich hatte sehr wenig Alltagskontakt mit Frauen beim Militär. Deshalb fühlte sich deren Welt für mich exotischer an als die eines jungen Mannes, der sich freiwillig zum Heiligen Krieg in einem fremden Land meldet. Zugegeben, der Kontext ist radikal unterschiedlich, letzterer hat religiöse Anklänge, aber Menschen bleiben Menschen, und ich denke, dass junge Leute, die freiwillig so eine gravierende Entscheidung treffen, in vielerlei Hinsicht nicht so anders als ich mit 20 Jahren. Deshalb verspürte ich schon ein Gefühl der Verantwortung, es richtig zu machen und mit diesen Erfahrungen irgendwie gerecht umzugehen.


Es gibt da außergewöhnliche Kampfszenen, die sich unglaublich real anfühlen, ein Panzer-Gefecht zum Beispiel. War es schwierig, diese Zeit noch einmal hervorzuholen, in der Ihr Leben auf der Kippe stand?
Eigentlich nicht, es ist so lange her. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, und die Erinnerungen daran sind wie Erinnerungen von Erinnerungen, sie sind verblasst. Wichtiger noch: Mir ist nichts wirklich Schlimmes passiert, ich wurde nie getroffen. Was das Buch angeht, bereitet es mir mehr Kummer, an die irakischen Zivilisten zu denken, auf die irrtümlich geschossen wurde. Wenn ich an die Zerstörung denke, die wir hinterlassen haben, dann beschäftigt mich das. Alles, was mich persönlich betrifft, da fühle ich eine große Dankbarkeit, dass ich heil rausgekommen bin. Es ist komisch, man erkennt, dass man Teil dieser extrem zerstörenden, dieser bösen Tat war. Aber als einzelner Mensch bin ich nicht böse, und dennoch frage ich mich, was es bedeutet, dass ich ein Teil dessen war. Ich habe darauf keine einfache Antwort; das Buch ist einer meiner Versuche, das herauszufinden.


Zuerst veröffentlicht auf: https://www.penguin.co.uk/articles/in-conversation/interviews/2016/dec/brian-van-reet-on-his-novel-spoils/


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