26.04.2018   von rowohlt

Um uns herum ein Heer von Schlafgestörten

Prof. Dr. Ingo Fietze über Einschlaf- und Durchschlafstörungen – und das bizarre Schlafmuster von Real-Madrid-Star Cristiano Ronaldo

© Sebastian Hänel
© Sebastian Hänel

Wieso glauben Millionen Deutsche, dass gesunder Schlaf nicht ebenso wichtig ist wie eine gesunde Ernährung, wie Sport, wie der Verzicht auf Rauchen? Wieso denken zu viele sogar, dass wenig Schlaf ein Zeichen besonderer Leistungsfähigkeit ist? Welche Folgen wird es für unsere ganze Gesellschaft haben, wenn nicht bald ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass die Schlafstörung eine der großen bedrohlichen Volkskrankheiten unserer Zeit ist?
Der renommierte Spezialist für Schlafmedizin, Prof. Dr. Ingo Fietze, berichtet über den alarmierend sorglosen Umgang mit einem unterschätzten Gesellschaftsproblem. 

DAS INTERVIEW


Schlafen, ein Rätsel? Gilt das immer noch – oder hat die moderne Schlafforschung (fast) alles ehemals Geheimnisvolle rund um den Schlaf gelüftet?
Der Schlaf ist kein Rätsel mehr, wir wissen schon sehr viel. So ist bekannt, welche Hormone uns müde und welche uns wach machen, wie ihr Zusammenspiel ist und welche Rolle der zirkadiane 24-Stunden-Rhythmus spielt. Was wir noch nicht wissen, ist, welche körpereigenen Stoffe sonst noch den Schlaf wie beeinflussen, was tief im Gehirn beim Schlafen und Wachen passiert, wie die Genetik des Schlafes ist und was wir träumen – um nur einige Punkte zu nennen.


Vermutlich wären Sie – Traum Ihrer Jugendjahre – auch ein leidenschaftlicher Meeresbiologe geworden. Weshalb haben Sie irgendwann die Abzweigung Richtung Schlafmedizin genommen?
Wie das so ist im Leben, die Zufälle entscheiden. Zur Medizin kam ich über den Umweg Biomedizin, da war noch Biologie dabei. In der Medizin angelangt, landete ich in einem Institut, wo man sich mit der Medizin in Extremsituationen befasste (Antarktis, Kosmos), und interessanterweise war dort auch die Schlafforschung angesiedelt. Die hat es mir dann angetan. 


Zu den meistverkauften Büchern für junge Eltern zählen auch umstrittene Einschlafbücher vom Typ «Jedes Kind kann schlafen lernen». Was geben Sie als Schlafforscher Eltern mit auf den Weg?
Keep cool. Gelassen bleiben. Dann informieren (Buch, Internet) etc. und zur Not gern und rechtzeitig einen der wenigen Kinderschlafexperten aufsuchen.
Bei Kindern gilt aber zuallererst: Das gibt sich wieder – es ist eher eine Entwicklungsphase, zum Beispiel im Alter zwischen vier und sieben Jahren. Leidet später die Schulleistung unter Schlaf-Wach-Störungen, dann unbedingt Hilfe suchen.


Zu den pädagogisch aktuell heiß debattierten Forderungen zählt die nach späterem Schulbeginn für Kinder/Jugendliche (bzw. einer Gleitzeit, wie am Gymnasium Alsdorf erfolgreich erprobt wird). Weshalb erscheint nicht einmal das derzeit politisch durchsetzbar?
Weil noch zu wenige danach rufen. Ich hoffe daher, dass nicht nur Pädagogen und Schulleiter mein neues Buch lesen, sondern auch viele Eltern. Es braucht eine kritische Masse an Stimme, gern auch im Internet, die flexible Schulzeiten fordert. Vorreiter ist hier übrigens das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, welches seit 2018 flexible Arbeitszeiten eingeführt hat. Finde ich eine fast revolutionäre Maßnahme.


Ist es möglich,  im Schlaflabor an die vier Schlafphasen, die ganze «Schlafarchitektur» heranzukommen? 
Ja, wir decken die Schlafarchitektur der Hirnrinde auf, nicht aber des Gehirns. Es kann sein, dass die Rinde noch schläft, die Schaltzentrale für Schlafen und Wachen, der Hypothalamus aber noch schläft …


Lenin war ein berüchtigter Kurzschläfer (man sieht, was bei der Oktoberrevolution herausgekommen ist). Bundeskanzlerin Angela Merkel kann sich bei Marathonsitzungen (GroKo-Exzesse!) auf eine «Art Kamelkapazität» verlassen. Und Fußballstar Cristiano Ronaldo (Real Madrid) scheint mit polyphasischem Schlafen (fünf Schlafphasen von je 90 Minuten am Tag) bestens klarzukommen. Gibt es eine genetische Disposition für bestimmte Schlafmuster?
Ja, der Kurz- oder Langschläfer ist genetisch determiniert, aber sehr selten. Den polyphasischen Schlaf von Ronaldo kann man zeitweise zelebrieren, aber nicht dauerhaft.
Ich kolportiere, dass die vielen selbsternannten Kurzschläfer sich am Tage ein Nickerchen gönnen oder an freien Tagen länger schlafen. Dann sind sie aber auch  schon keine Kurzschläfer mehr.


Amazon-Boss Jeff Bezos propagiert regelmäßigen achtstündigen Premiumschlaf – lässt sich wohl leichter postulieren, wenn man die ersten paar Milliarden auf seinem Konto hat. Was müsste gesellschaftlich passieren, um «Schlaf als neues Statussymbol» (The New York Times) populär zu machen? 
Einfach der Umgang miteinander. Wenn jemand die Party oder eine Veranstaltung um 21 Uhr verlässt, weil er nach Hause und ins Bett muss, dann ist das zu akzeptieren, genauso, wie wenn jemand am Arbeitsplatz sich ein Nickerchen anstelle der zehnten Tasse Kaffee gönnt.


Ihre Expertise ist begehrt, Sie haben u.a. das deutsche Olympiateam 2016 (Leichtathleten) und das Berliner Staatsballett beraten. Angesichts alarmierender Befunde, was zu kurzen und/oder schlechten Schlaf betrifft: Was müsste passieren, damit «der Schlaf» in Politik, Medien und Öffentlichkeit endlich einen angemessenen Stellenwert bekäme?
Es braucht mehr Aufklärung über den gesunden und gestörten Schlaf – da kann ich allein wenig bewegen. Es braucht Vorreiter und Prominente, die uns unterstützen, es braucht die Krankenkassen, die Schlaf als präventives Tool ansehen. Und es braucht die Erkenntnis jedes Einzelnen, dass Schlafen guttut und daran nicht gespart werden darf.


US-amerikanische und koreanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass jede am Wochenende mehr geschlafene Stunde nicht nur das in der Woche akkumulierte Schlafdefizit reduziert, sondern zu einer Gewichtsabnahme von 0,12 Kilogramm pro Quadratmeter Körperoberfläche führt. In Ihrem Fall, Herr Prof. Fietze, wären das 342 Gramm pro Wochenende, am Ende eines Jahres beeindruckende 15 Kilo. Schon mal ausprobiert?
Ich schlafe am Wochenende gern aus, wenn es denn geht. Und ich habe in den letzten Jahren nicht zugenommen. Liegt es nur daran? Nein, aber es ist ein Baustein.


Müssten Hardcore-Besucher des Berliner Techno-Clubs Berghain für Schlafforscher wie Sie nicht erstklassige Untersuchungsobjekte sein?
In der Tat sind sie hervorragende Untersuchungsobjekte für das soziale Jetlag, den am Wochenende verschobenen Schlaf, oder das chronische Schlafdefizit, wenn die Berghain- Besuche den Wochenendschlaf rauben. 


Ist es vorstellbar, in Zukunft mit weniger Schlaf auszukommen – oder erholsamen Schlaf künstlich herzustellen? 
Vorstellbar und sogar provozierbar ja, jedoch zweifle ich daran, dass dies dann auch noch gesund ist. Dennoch dürfen wir gespannt sein auf die vielen neuen technischen  Entwicklungen, die uns wach halten oder besser in den Schlaf bringen sollen.  

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