06.12.2016   von rowohlt

Die Spur der Steine

«Der Steingänger» von Davide Longo: «Ein Meisterwerk … Und sein Autor eine große Entdeckung.» (Brigitte)

© iStockphoto.com
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In den Bergen Piemonts, nahe der französischen Grenze, wird ein Mann tot in einem Wasserbassin entdeckt, erschossen. Cesare, «der Franzose», der ihn findet, kennt den Toten nur zu gut: Es ist Fausto, sein Patensohn, mit dem er jahrelang afrikanische Flüchtlinge aus Italien über die Berge nach Frankreich gebracht hat. Aber seit Fausto nicht nur Menschen, sondern auch Drogen über die Grenze brachte, hat Cesare, der Steingänger, jeden Kontakt abgebrochen. Hat die Tat einen politischen Hintergrund? Warum umgibt die Dorfbewohner eine explosive Stille, welches Geheimnis hüten sie? Davide Longos erster Roman ist ein großartiges Stück Literatur: karg, spannend, voller Geheimnisse.  

Stimmen zu «Der Steingänger»


Frankfurter Rundschau: «Es ist faszinierend, wie Davide Longo in der konzentrierten Beschreibung einiger weniger Tage nach dem Mord die moderne Thematik von Emigration und illegaler Existenz mit den jahrhundertealten Geschichten vom Exodus aus dem armen Hinterland verschränkt, ohne auch nur einen Moment lang seine Erzählung zu überladen.» 
literaturkritik.de: «Ein kleines, poetisches, zartes und gewalttätiges Meisterwerk.»
Deutschlandradio Kultur: «Mit einer ungeheuren Spannkraft entwickelt der piemontesische Schriftsteller seine Geschichte … Spielerisch, ohne jeden Anachronismus, führt Davide Longo das Erbe des Neorealismus fort.»
FAZ: «Longo betreibt geradezu Ethnographie, weil er die Schweigsamkeit des Landes und der Leute zu einem Stilprinzip macht. Aus gutem Grund – es ist eine sterbende Welt.»

«In diesem Tal muss jeder für irgendetwas büßen»


Nach dem Tod seiner Frau Adele fühlt sich Cesare alt und verbraucht. Es ist ein einfaches, einsames Leben: Brot, Wein, Gitanes, Spaziergänge mit Micol, seiner Schäferhündin. Außer ihm gibt es in dem Dörfchen Champaneise im Valle Varaita an der italienisch-französischen Grenze kaum noch jemanden. Die Jungen ziehen runter in die Ebene, in die Städte, die Alten bleiben, um über ihren Erinnerungen zu brüten und zu sterben. Alle nennen Cesare nur «den Franzosen». 1949 war seine Familie nach Marseille gegangen, wo sein Vater Arbeit im neuen Hafen fand und seine Mutter als Zimmermädchen das Familieneinkommen aufbesserte. Als junger Mann verschlug es Cesare auf ein Frachtschiff, das zwischen dem Libanon und Frankreich verkehrte. Weil er bei einem Arbeitskampf einen Polizisten schwer verletzt hatte und man ihm, dem jungen Hitzkopf, irrigerweise eine politische Motivation unterstellte, wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt.


Ins Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt, bleibt Cesare doch ein Außenseiter, das Fremde haftet wie Pech an ihm.  Im Nachbarort trifft er die siebzehnjährige Adele, die Liebe seines Lebens. Um sie, die zukünftige Lehrerin,  heiraten zu können, muss er Geld verdienen; und tut es: als Schleuser von afrikanischen Illegalen. Das Handwerk des Menschenschmugglers –Bergrouten erkunden, sichere Verstecke finden, Helfernetzwerke aufbauen –  lernt er von seinem Onkel Giovanni. Später wird der junge Fausto Berardi  sein wichtigster Partner als Steingänger. Nun liegt Fausto unten in einem Wasserloch am Cumbo Scuro, aufgequollen und mit zwei Kugeln im Leib. «Jedem das Ende, das er verdient», findet die alte Talina – das sehen viele Bewohner des Varaita-Tals so. 


Man redet hier nicht viel. Und wenn, dann untereinander. Und nicht mit Fremden, erst recht nicht mit Polizisten. So konzentriert sich Sonia Di Meo, Kommissarin der Squadra mobile, in ihren Ermittlungen auf Cesare. Als dieser beginnt, selber Nachforschungen zum Tode Faustos anzustellen, findet er eines Abends zu Hause seine Hündin Micol tot vor. Jemand hat dem Tier den Bauch aufgeschlitzt und dann an die Decke gehängt. Das Zeichen ist eindeutig – und Cesare weiß, wem er das zu verdanken hat: Antonio Damasco, dem greisen Chefs des Drogenschmuggelrings, für den Fausto in den letzten Jahren seines Lebens gearbeitet hat. In Turin kommt es zu einer folgenschweren Begegnung. «Die Zeiten haben sich geändert, Cesare, und ich war mir nicht sicher, ob du das mitbekommen hast. So habe ich es dir auf meine Art mitgeteilt.»

«Man könnte meinen, in diesem Tal sei Reden eine Schande»


«Zum ersten Mal spürte Cesare den Schmerz. Bisher waren es Wut und Ekel und Erschöpfung, doch jetzt war es reiner Schmerz …» Aber sind Damasco und seine Killer auch für den Tod Faustos verantwortlich? Ein letztes Mal muss Cesare als Steingänger in die Berge, um acht Menschen in Sicherheit zu bringen – eine allerletzte Geste der Verbundenheit mit dem Freund von einst …


Davide Longo gilt als einer der besten Stilisten seiner Generation. Longo – Piemonteser, passionierter Bergsteiger, Absolvent (und danach Lehrer) an Alessandro Bariccos berühmter Schule für Erzähltechniken Scuola Holden – hat mit «Der Steingänger» und «Der aufrechte Mann», einer düsteren Italien-Utopie, Maßstäbe gesetzt. «Longo ist einer, der dafür steht, dass es endlich wieder spannende italienische Gegenwartsliteratur zu entdecken gibt.» (KulturSpiegel) 2015 erschien mit «Der Fall Bramard» Longos erster Kriminalroman: brillant komponiert, verfasst in einer wundersam kargen, melancholisch-poetischen Sprache – mit einem Finale, das man so schnell nicht vergisst.


«Die Nacht stand still, der Mond lag schwer auf dem Gebirge, Täler und Bergkämme hoben sich deutlich ab. Die Dächer in Sampeyre schimmerten feucht» – das ist typischer Longo-Sound: dicht,  poetisch und anspielungsreich, wortgewaltig und geheimnisvoll. Das Drama um Fausto und Cesare so enden zu lassen, wie es endet, ist brillant. Wenn es ein Gesetz in der Bergwelt des Piemont gibt, dann dieses: Wovon du nicht reden kannst, davon musst du schweigen. So haben es die Menschen hier schon immer gehalten, in dieser engen, überschaubaren Gesellschaft, die sich im Schweigen eingerichtet hat. Diese Kunst des Verschweigens – alle wissen alles, aber niemand redet darüber –  kennt Davide Longo von Kindesbeinen auf. Als Autor folgt daraus: Nicht alles muss  erklärt, nicht alles muss erzählt werden. Genau das macht Davide Longos «Steingänger» zu einem Meisterwerk.


Autor: Werner Irro

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