23.06.2016   von rowohlt

«Die Spannung zwischen ihnen heult auf und treibt sie vor sich her»

«Die vielleicht wichtigste Sprachkünstlerin ihrer Generation» (Der Spiegel): das furiose Prosadebüt der britischen Rapperin Kate Tempest

© anyway, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
© anyway, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Wer das Glück hatte, die britische Rapperin Kate Tempest bei ihrem umjubelten Auftritt im November 2014 in Berlin zu erleben, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die kleine Frau mit den rotblonden Locken beeindruckte mit fulminantem Sprachtalent – und purer Relevanz. 2014 erschien Tempests erstes Soloalbum «Everybody Done»: zwölf Rap-Songs, die sie in den Fokus der Popwelt katapultierten. Die Songs erzählen von Harry, Becky, Pete und Leon, vier jungen Londonern. Diese Geschichte(n) schreibt die Dreißigjährige in ihrem Debütroman «Worauf du dich verlassen kannst» fort. Wer einmal damit anfängt, kann gar nicht genug bekommen vom «hochenergetischen, warmherzigen Tempest-Sound» (Der Tagesspiegel).


«Der Roman ist eine Art Maxiversion der Platte», schreibt Nadine Lange im Tagesspiegel, «ein Remix mit vielen zusätzlichen Details und einigen Bonus-Tracks.» Immer wieder baut Tempest Rückblenden in die Vergangenheit ihrer Protagonisten (und wichtiger Nebenfiguren) ein. Manche Songlines tauchen wörtlich im Roman auf, einige Kapitel tragen die gleichen Titel wie die Songs. Kate Tempest (eigentlich: Kate Calvert) brilliert auf mehreren Ebenen: mit Noten und mit Worten, als Musikerin und Spoken Word-Dichterin. Eine politisch hellwache, hochenergetische Frau mit Hang zu wilder Poesie: «Es liegt eine Dringlichkeit in der Stimme von Kate Tempest, die atemlos macht.» (SZ) 

Stimmen zum Roman


Süddeutsche Zeitung: «Hip-Hop ist für sie eine literarische Gattung, und ihre Prosa besitzt das Pathos von Punchlines … Empathie ist für Tempest das, was Literatur ausmacht. (…) Diese Literatur ist der Kontrast zum harten Pflaster South-East Londons und konnte vielleicht auch nur auf einem solchen gedeihen.»
RBB/Fritz: «‹Worauf du dich verlassen kannst› ist wie ein Rausch. Kate Tempest traut sich, so richtig schaumig und ausgiebig in Worten zu baden. Endlich mal eine, die sich nicht hinter Ironie verschanzt.»
SWR 2: «Kate Tempest erzählt ihr Figurenensemble mit viel Liebe, Charme und Witz, mit großartiger Prosa.»  
Profil: «So zynisch der Blick auf den Niedergang Londons gerichtet ist, so erfrischend nahe ist Tempest ihren strauchelnden Figuren.»
Der Spiegel: ««Die queere Liebesgeschichte verbindet sich … überaus organisch mit Tempests anderen Herzensthemen, mit Verdrängung, Verarmung, Idealismus und Empathie.»

Abhauen!


Sechseinhalb rasend schnelle, intensive Seiten – so beginnt der Roman. Die vier Protagonisten, alle Mitte 20,  sind auf der Flucht: mit einem Cortina aus vierter Hand. Panik, Irrsinn, tiefe Müdigkeit. Harry und Pete, Becky und Leon müssen raus aus South-East London, mit einem Koffer voller Geld. Dinge sind aus dem Ruder gelaufen, Sachen sind eskaliert. «‹Raus aus der Stadt?›, fragt Leon. ‹Raus aus dem Land? Was für eine Scheiße.› (…) Die Straßen werden breiter, die Häuser größer, weniger Imbisse, mehr Gastro-Pubs. Die Stadt lockert ihren Griff. Sie fahren auf die Autobahn. Im Radio singt Billy Bragg ‹A New England›.»


Und das sind die vier jungen Leute, vollbepackt mit familiären und finanziellen Problemen, Außenseiter allesamt. Harry vertickt als Kleindealerin gemeinsam mit ihrem Kindheitsfreund Leon Koks an High-Society-Kunden. Ihr Bruder Pete ist arbeitslos, knallt sich den Kopf mit Alkohol zu, wohnt mit Mitte zwanzig immer noch bei seinem Vater Graham, einem Kleine-Leute-Anwalt. Becky ist Tänzerin mit 1a-Abschluss, findet aber nach ihrer Ausbildung keinen Job; deshalb jobbt sie im Café ihres Onkels und verdient sich ein paar Scheine dazu mit erotischen Massagen. Als Becky aufkreuzt, verändert sich die fragile Balance der Gruppe: Beide, Harry und Pete, sind hin und weg von der schönen Tänzerin. 


Becky und Pete? Becky und Harry? Man wird sehen, was daraus wird. Das Begehren geht oft merkwürdige Wege. 

Tempests heimlicher Protagonist: South-East London


Früher waren die ärmeren Viertel in Londons Südosten der Humus für Aufruhr und Anarchie; mittlerweile aber ist die Gentrifizierung in vollem Gange, die Stadt verändert sich in dramatischem Tempo. Wer hier lebt und nicht untergehen will, braucht einen Plan. Den hat Harry nicht, aber einen Traum hat sie: Mit dem Drecksgeld aus dem Drogengeschäft will sie einen Ort der Begegnung schaffen, eine Oase für alle, die Ruhe, Halt und «ein bisschen Sinn» suchen. «Kein blödes, poshes Restaurant, wo sie dir zwölf Tacken für ein Frühstück abknöpfen. Einen schönen Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen. Einen Raum, wo Menschen sich begegnen können. Wir sind alle so einsam in dieser Stadt.»


Die Stadt begegnet den Menschen, die in ihr leben, mit kalter Gleichgültigkeit: zyklopisch, verwirrend, gewalttätig. «Die Stadt gähnt und lässt die Fingerknöchel knacken. Schickt ein paar verlorene, taumelnde Seelen vorbei.» Einsame Seelen gibt es hier zuhauf, da sind Harry und ihre Clique nicht allein. Unglücklich verliebt, verkatert, zugeballert; verschwundene Väter, desillusionierte Mütter; Probleme, wohin dass Auge schaut. Über allem in dieser Geschichte liegt eine tiefe Traurigkeit, und doch ist da keine Spur von Larmoyanz oder Zynismus. Weil sich hier niemand so schnell geschlagen gibt. Weil das Leben ist, wie es eben ist: «mal abscheulich und mal schön und manchmal beides». Don't surrender!

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