20.03.2018   von rowohlt

Die Rache der Überlebenden

Über Machtmissbrauch in der NVA, den Reiz von Neubrandenburg und die große Fred Vargas: Ein Interview mit Claudia Rikl

© Garry Ridsdale/Getty Images
© Garry Ridsdale/Getty Images

Es ist dreißig Jahre her, dass Kriminalhauptkommissar Michael Herzberg im berüchtigten Stasigefängnis Bautzen II einsaß. Die schrecklichen Erinnerungen scheinen vergessen. Doch dann stellt ein Leichenfund alles auf den Kopf. Ein Ex-Major der NVA wurde grausam ermordet, die Leiche entstellt. Bald muss Herzberg  nicht nur mit einer übereifrigen Journalistin fertigwerden, die auf eigene Faust recherchiert. Ein Netzwerk ehemaliger Militärs und Stasileute, das bis in den Polizeiapparat reicht, will verhindern, dass er die düsteren Kapitel der DDR-Diktatur noch einmal aufschlägt. Herzberg glaubt, dass der Fall mit seiner persönlichen Geschichte nichts zu tun hat. Ein fataler Irrtum …

DAS INTERVIEW


Ihr Debüt «Das Ende des Schweigens» ist ein packender, politisch brisanter Krimi aus Deutschlands Osten, der ein weithin unbekanntes Stück NVA-Geschichte erzählt. Worum geht es?
Es geht um Wunden, die nicht verheilen wollen, um Schweigen und Vertuschen. Ein Ex-Major der NVA wurde in seiner Datsche in Neubrandenburg grausam ermordet. Kriminalhauptkommissar Michael Herzberg muss den Mord aufklären und wird mit seiner verdrängten Vergangenheit konfrontiert. Vor fast 30 Jahren hat er im Stasigefängnis Bautzen II eingesessen. Es beginnt ein Kampf gegen seine eigenen Erinnerungen, die es ihm schwermachen, objektiv zu bleiben. Hinzu kommt, dass ein altes Netzwerk aus Stasi und Militärs, das bis in den Polizeiapparat reicht, die Ermittlungen torpediert. Dabei kommt ihm auch noch eine übereifrige Journalistin in die Quere ... 


Das erste Kapitel entfaltet atmosphärisch einen starken Sog. Man ist förmlich hautnah dabei, wenn Journalistin Susanne Ludwig die alte Datsche betritt und die grausam zugerichtete Leiche findet …
Die Idee mit der Datsche kam mir übrigens vor nunmehr sechs Jahren beim Laubharken auf meinem Wochenendgrundstück … Die räumliche Situation, das «Setting» wird anhand sinnlicher Details heraufbeschworen: durch Bilder, Farben, Gerüche, auch das Wetter spielt eine Rolle. Der Raum darf aber nicht lediglich Kulisse sein. Bei Susanne Ludwig beschwört der Geruch des Blutes in der Datsche ein altes Trauma herauf, das im Lauf des Romans thematisiert wird. Die Figuren und ihre Entwicklung sind das Rückgrat jeder Geschichte. Der Schlüssel zur überzeugenden Darstellung einer Figur ist letztendlich etwas, das der Autor als Person, als Mensch einbringt: Empathie. Ich beschäftige mich lange mit meinen Figuren, ehe ich mit dem Schreiben beginne. Erst wenn ich weiß, wer sie sind, was sie durchgemacht haben, wie sie denken und fühlen, wenn ich es am eigenen Leib spüre, dann weiß ich auch, wie sie agieren. Spannung erzeugt, wer selbst unter Spannung steht. 


Der Tote in der Datsche ist Hans Konrad …
… ein ehemaliger NVA-Major. Er stammt aus sehr einfachen Verhältnissen, die DDR hat ihm, dem Arbeiterkind, eine Karriere in der NVA ermöglicht. Im Gegenzug war er dem System gegenüber loyal und ein geradezu fanatischer Anhänger seiner Ideologie. Ein Menschenleben bedeutete ihm weniger als die Treue zum Staat. Sein Idealismus endete jedoch, als sich nach der Wende die Möglichkeit bot, aus der Auflösung der NVA und ihrer gigantischen Waffenbestände finanziellen Nutzen zu ziehen. Aus Wut und Enttäuschung über das Scheitern eines Lebensplans, aber auch aus Gier.


Was haben Sie von Machtmissbrauch in der NVA mitbekommen? 
Da gibt es keine direkte persönliche Betroffenheit, in meiner Familie etwa. Aus Erzählungen wusste ich allerdings, wie NVA-Soldaten unter Schikanen durch dienstältere Kameraden und Offiziere litten. Meine Deutschlehrerin berichtete einmal von ihrem Bruder, der in den späten achtziger Jahren Soldat bei der NVA war und derartiges erleben musste. Zum Beispiel, dass jungen Rekruten Stahlhelme an die Ellbogengelenke und Knie gebunden wurden und sie damit über den Flur schlittern mussten – die sogenannte Schildkröte. Sie hätte uns das gar nicht erzählen dürfen, tat es aber, weil es ihr so zu Herzen ging. Kurze Zeit später stellte sie einen Ausreiseantrag und wurde umgehend aus dem Schuldienst entfernt.


Was wissen Sie über Verunglückte und Selbstmorde in der NVA?
Im Roman werden reale Zahlen genannt. Die Stasi hatte in jeder Kaserne ihre Spitzel, sogenannte Abwehroffiziere, die über alle Vorgänge in der Kaserne Buch geführt haben. Die Machthaber und die Armeeführung waren also stets sehr gut informiert über Manöver und sonstige Unfälle, Suizide und Übergriffe jeglicher Art unter den Soldaten und von Vorgesetzten gegenüber Soldaten. Überdies ist die Militärgeschichte der DDR inzwischen sehr gut erforscht. Die erschreckenden Zahlen kommen auf verschiedene Weise zustande: Soldaten kamen beispielsweise bei Manövern ums Leben, bei Verkehrsunfällen. Da verstarben in den sechziger Jahren jedes Jahr zwischen 45 und 50 Soldaten.
Und es gab natürlich Suizide: für die Jahre 1984 bis 1989 sind 220 verbürgt. Dazu kam es auch, weil die Soldaten mit ihrem Soldatendasein nicht zurechtkamen, mit der Unfreiheit, der Gängelei, den Schikanen. Kontakte zur Außenwelt, zur Familie, zu Freundin oder Ehefrau waren streng reglementiert. Daran zerbrachen viele Beziehungen. Es darf aber keinesfalls der Eindruck entstehen, dass diese Unfälle und Suizide ein NVA-typisches Phänomen sind, das stimmt nicht. Allerdings  gilt die NVA als eine Armee mit einer der ausgeprägtesten soldatischen Subkulturen.


Warum lassen Sie Ihren Kommissar ausgerechnet in Neubrandenburg ermitteln?
Ich liebe Mecklenburg, seit ich das erste Mal dort im Urlaub war. Mecklenburg hat drei große Kriminalpolizeiinspektionen: Rostock und Schwerin kannte ich schon, nach Neubrandenburg bin ich gefahren, um es kennenzulernen. Eines der ersten Gebäude, an denen ich vorbeigelaufen bin, war die Kriminalpolizeiinspektion gleich am idyllischen Stadtwall. Das war ein Zeichen. Und je mehr ich von der Stadt und der Umgebung sah, insbesondere den herrlichen See, umso klarer wurde mir: Es stimmt einfach alles, genau das brauche ich.  


Sie sind 1972 geboren, in Naumburg aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an das Leben in der DDR? 
Jetzt, dreißig Jahre später, sind die meisten Erinnerungen verblasst, was sicher damit zusammenhängt, dass ich persönlich keine schlimmen Erfahrungen gemacht habe. Ich stamme weder aus einer linientreuen, noch aus einer Dissidentenfamilie. Wir gehörten – wie die meisten Menschen – zu denen, die einfach unbeschadet durchkommen wollten. Dafür war es notwendig, sich anzupassen. Das war schon verrückt: in der Schule machte man den Pioniergruß und plapperte dem Lehrer nach, dass der Imperialismus den Weltfrieden bedrohe und das der Friede bewaffnet sein müsse. Und dann ging man nach Hause und da sagten die Eltern: «Alles Quatsch, aber behalt das für dich».
Gern erinnere ich mich an die Aufregung am Vorabend des 1. Mai. Da gab es immer einen großen Lichterumzug. Man war stolz, endlich mit einer Fackel in der Hand mitlaufen zu dürfen und nicht mehr mit einer Laterne. Die Fackeln wurden dann auf einem öffentlichen Platz von Feuerwehrleuten auf einen großen Haufen geworfen. Da brannte dann ein riesiges Feuer. Das fand ich cool. Ich erinnere mich auch noch gut an den ganz speziellen Geruch eines Westpakets, das war so eine Mischung aus Weichspüler, Kaffee und Schokolade – jeder DDR-Bürger weiß, was ich meine.
Ich vermisse tatsächlich auch den starken Zusammenhalt der Menschen, der daraus resultierte, dass es wenig Ablenkungen durch Medien gab – die Inhalte waren ohnehin zensiert. Der private Raum bildete einen starken Kontrast zum gesellschaftlichen Leben, in dem viel freier gesprochen und gelebt wurde. Wofür oft genug auch Kreativität gehörte, die Menschen mussten ja in ihrem Alltag einen wirtschaftlichen Mangel verwalten. Wir konnten z.B. tatsächlich so etwas wie Nutella! Es kursierten in der DDR etliche Rezepte. Aber dennoch habe ich irgendwann begriffen, dass man dieses normale Leben nur führen konnte, wenn man den Kopf in den Sand gesteckt hielt und die Bevormundung, die Gängelei, die Unfreiheit nicht kritisierte. Tat man es doch, waren die Folgen verheerend. 


Was haben Sie nach der Wende gemacht?
Ich habe 1991 das Abitur gemacht, danach gleich studiert. Jura, eine reine Vernunftentscheidung. Dann, als die Kinder klein waren, noch ein zweites Mal, diesmal das Richtige: Literaturwissenschaft und Geschichte. Danach habe ich eine Dissertation angefangen und festgestellt: Die Wissenschaft ist es auch nicht, ich muss auf die andere Seite. Und dann habe ich «Das Ende des Schweigens» geschrieben.


Woher rührt Ihre Begeisterung für das Geschichtenerzählen – gab es ein Schlüsselerlebnis?
Ich habe immer schon gern gelesen, nicht nur in Büchern. In meiner Kindheit lebten wir im eigenen Haus, das die Familie seit Generationen bewohnte. Mein Lieblingsort war der Dachboden, wo neben alten Möbeln auch Tagebücher, Poesiealben und Briefe lagerten. Und Schülerarbeiten von meinem Großvater, der Lehrer gewesen war. Einmal habe ich kleine Aufsätze aus den vierziger Jahren zum Thema «Wie ich einmal fromm war» gelesen. Ein Junge schrieb da auf einer herausgerissenen Heftseite, dass an einem Sonntag einmal sein Vati plötzlich in der Tür stand und alle Familienmitglieder vor Freude weinten, denn sie hatten lange nichts vom Vati gehört, der Soldat im Krieg war. Und davon sei er dann ganz fromm geworden. Faszinierend! Mich hat es nicht losgelassen, dass wir mit der Schrift ein Medium haben, das Leid und Freud unserer Mitmenschen in unsere Gegenwart transportiert. Doch diese Begeisterung geriet lange in Vergessenheit. Künstlerische Berufe hatten in meinem Weltbild ohnehin keinen Platz – und das, obwohl ich in meiner Jugendzeit große Begeisterung für Autoren wie Aitmatow und Tucholsky hegte. Viele Jahre später, nach dem Literaturstudium, begann ich eine Dissertation, und als ich meinem Professor die ersten Ideen vorstellte, sagte er: «Das wird anspruchsvoll, damit können Sie sich die nächsten paar Jahre gut beschäftigen. » In dem Moment wusste ich: ich muss hier weg! Und als mir dann kurze Zeit später die Idee zu einer Geschichte kam und ich sie aufzuschreiben begann, war nach wenigen Tagen ganz klar: Das ist es, was ich tun will!


Warum gerade Krimis?
Ich bin ein begeisterter Krimileser. Fred Vargas ist definitiv diejenige, die mich zuerst am Haken hatte mit ihren Romanen um Jean- Baptiste Adamsberg, der in Paris ermittelt und ein leidenschaftlicher Spaziergänger ist. An Krimis fasziniert mich stets das Rätsel, das sie lösen. Was musste geschehen, damit ein Mensch einem anderen das Kostbarste wegnahm, das er besaß, nämlich sein Leben? Psychopathen interessieren mich dabei aber nicht, ebenso wenig große Massen an Blut und Gewalt, sondern vielmehr, unter welchen Umständen ganz normale Menschen, deren Leben bislang unauffällig verlief, völlig außer Kontrolle geraten können. Dahinter stecken immer große Gefühle. Die Krimis, die ich mag, und die Krimis, die ich schreibe, erzählen daher nie nur von einem Verbrechen. Ich mag es auch, dass Krimis in der Konstruktion anspruchsvoll sind. Es gibt ja mehrere Handlungsebenen: die Geschichte der Tat und möglicher Versuche des Täters, sie zu vertuschen. Die Vorgeschichte des Verbrechens. Und die der Aufklärung der Tat, welche mit vielen Wendungen und Schleifen – bedingt durch Ermittlungsfehler und Irrtümer – auf die beiden anderen zugreift und diese rekonstruiert.  


Wird es einen zweiten Fall für Kommissar Herzberg geben? 
Ja, wird es. Herzbergs nächster Fall führt ihn in ein mecklenburgisches Gutsdorf, wo er den Mord an einem Großbauern aufklären muss, der 1945 als Kriegsverbrecher enteignet wurde. Nach der Wende hat er sich die ortsansässige LPG unter den Nagel gerissen. Die eigentliche Vorgeschichte des Mordes aber führt Herzberg noch weiter zurück, nämlich in die letzten Kriegstage des Jahres 1945 …

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