22.07.2016   von rowohlt

Die Irrfahrt eines Liebenden als politischer Abgesang

Jochen Distelmeyers «Otis» – Schelmenroman von einer Welt im Wandel

© Sven Sindt
© Sven Sindt

Ein Mann, eine Stadt, eine Suche. Das überraschende Ende seiner langjährigen Liebesbeziehung hat Tristan Funke aus Hamburg nach Berlin verschlagen. Während die Leitmedien der Republik daran arbeiten, den bemerkenswert eigenschaftslosen Bundespräsidenten zu stürzen, wird für Tristan die Stadt zum Schauplatz einer modernen Odyssee … Mit seinem Debutroman «Otis» hat der ehemalige Blumfeld-Frontmann Jochen Distelmeyer das Genre gewechselt, ohne auf den ihm eigenen dichterischen Ton zu verzichten. «Ein Berlin-Roman. Ein Liebesroman. Ein Roman über einen Roman … und ein bisschen auch ein Schlüsselroman.» (FAZ) «So wie Distelmeyer die ‹Odyssee› liest, wird sie zum Königsweg für das Verständnis der Gegenwart.» (Zeit Online)


Mit Alben wie «L'État Et Moi» wurde Distelmeyers Band Blumfeld zu einer der wichtigsten musikalischen Stimme ihrer Generation. Jochen Distelmeyer, «Chefcharismatiker des deutschen Indie-Rock» und «Archetyp des Feingeists», gilt als Wegbereiter zeitgenössischer deutschsprachiger Popmusik und «untypischster Popstar des Landes». «Kein anderer deutscher Songschreiber beherrscht es in gleicher Weise, die fein nuancierten, manchmal furchtbar diffusen Gefühle, die uns umtreiben, so anrührend und präzise, so brutal klar in Worte und Musik zu fassen wie er.» (Der Spiegel)

Von Homer zu John Lee Hooker

Berlin, Februar 2012. Nach der schmerzhaften Trennung von seiner Langzeit-Liebe Saskia und dem Wechsel von der Alster an die Spree fühlt Tristan Funke sich endlich angekommen: In Berlin, dem Inbegriff «komplexer Segnungen und Gewissheiten der Metropole». Den ehemaligen Angestellten eines Hamburger Verlagshauses interessieren Verlage nun aus einem anderen Grund: zur Veröffentlichung des Romans, an dem er arbeitet. 


Sein Romanheld Otis Weber, abgebrochener Philosophie – und Informatikstudent, ist ein ausgewiesener Spezialist des Scheiterns. Als drogen- und tablettenabhängiger Programmierer des illegalen Filesharing-Dienstes «Staubgrube»/«Megamovie» ist er endgültig auf die schiefe Bahn geraten. Auf der Flucht vor den Behörden lässt er Frau und Kind zurück und begibt sich auf eine Irrfahrt durchs Mittelmeer. Wie einst dem antiken Heros Odysseus begegnen ihm Nymphen, Sirenen und Götterboten. Im Drogenwahn, versteht sich.


Mit Odysseus teilt Distelmeyers Tristan einen Traum: die Rückkehr zu sich selbst. «Tristan war sich nach der Trennung von seiner großen Liebe Saskia selbst wie ein Verschollener vorgekommen. In Erinnerung an die Geschichte des schwermütigen Helden von Troja, war ihm das Bild der webenden Frau und des mit seinem Schiff umherirrenden ‹großen Dulders› zu einer Art Schlüssel und Lieblingsgedanken geworden.» 

«Und was macht die Kunst?»

Manchmal aber schieben sich familiäre Verpflichtungen vor die zähe Arbeit am Text. Rechtsanwalt Cornelius Wegener, Tristans Onkel, übergibt ihm – mit besten Grüßen, leisem Bedauern und ein paar Scheinen Spielgeld – sein Töchterchen Juliane. Die Abiturientin mit den extravaganten Klamotten und pinken Zöpfen entpuppt sich als wahres Party Animal. Mit ihr lässt Tristan sich durch die Stadt treiben. Erst ins Theater und schließlich zur Abschiedsfeier des Musikerfreundes Ole, der mit Frau und Töchtern nach Ashburn/Virginia auswandern wird.


Auf diesen Abend in der Gypsy Bar läuft alles zu in Distelmeyers Roman. Ein Abend, der für Tristan zum Wendepunkt seiner Existenz werden soll. Hier prallen Vergangenheit und Zukunft, Anspruch und Wirklichkeit aufeinander, körperlich und auf engstem Raum. In der Gypsy Bar trifft Tristan auf diverse Geliebte, Ex-Geliebte und Fast-Geliebte, auf die Schauspielerin Stella und die Fotografin Leslie, auf Vanessa Kaltschmidt, die heiß begehrte Chiropraktikerin Nora, und als Krönung der Screwball-Konfusion seine (schwangere) Ex-Liebe Saskia. Kurz: ein mordsmäßig kompliziertes,      heikles Arrangement. 


Für den Romantitel «Otis» bietet Distelmeyer gleich ein Bündel von Bezügen an. Die List des Odysseus, sich im Kampf mit dem riesenhaften Zyklopen Polyphem, dem Sohn des Meeresgottes Poseidon, als «Niemand» (griechisch: «Outis») auszugeben. Dann: Soulstar Otis Redding («Sittin' on the dock of the bay»). Außerdem: Johnny Otis, Bandleader und Multiinstrumentalist. Oder jene Firma, die Aufzüge herstellt und weltweit vertreibt. Und die Berliner U6 hat natürlich eine Haltestelle in, exakt, der Otisstraße.

«Krass, Alter! Keep it real! Stay gangsta!»

Mit «Otis» ist Jochen Distelmeyer nun «beyond Blumfeld». Auffallend ist die Integration politischer Bezüge in die Tristan/Otis-Geschichte. Neben Lea Rosh, Wulff und Gauck, Duisburger Love Parade und Piratenpartei haben Joschka Fischer, Kohl und Merkel (System M) ihre Cameo-Auftritte. Dabei liest Distelmeyer die «Odyssee» als Quelltext für die drängenden Fragen unserer Zeit: Asyl-und Flüchtlingspolitik, Männer- und Frauenbilder in Zeiten der Krise, Rechtsstaatlichkeit und Diplomatie vs. Faustrecht und Remilitarisierung. Am augenfälligsten wird das  Montageverfahren dort, wo Distelmeyer Tristan und Juliane in das von Kritikern hochgejazzte Beckett-inspirierte Theaterstück «Das Loch» schickt – ein Stück-im-Stück auf 19 Seiten. 


Brillant und mit scharfem Witz gezeichnet sind die Porträts jener Typen der Partycrowd, denen Tristan abends über den Weg läuft. (Wer reale Vorbilder im Berlin jener Tage sucht, wird sie leicht finden.) Bernhard Lippnitz, Starblogger und Lästermaul; Experimentallyriker Reimar Wellenbrink, Autor grandios unverständlicher Texte wie «transit I–III. hymen. hoden. elegien»; die dunkelhaarige Verhaltensbiologin des Ostberliner Zoos, Hardcore-Spezialistin für Sexualpraktiken der Wespenspinnen. 


Oder Jürgen Zaller, eine Figur wie rauskopiert aus dem Suhrkamp-Zoff der Titanen Barlach/Unseld-Berkewicz. Verleger-Großkotz Zaller ist es schließlich, der Tristans Ambitionen mit erstaunlichen Einlassungen wie diesen einen mittelschweren Dämpfer versetzt: «Pan ist tot! Es gibt kein Außen mehr. Keinen Resonanzraum zur Selbstbestimmung der Spezies. Die Realität wird zum Interface für die Performances und Applikationen der Multioptionsgesellschaft …» 

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