31.03.2017   von rowohlt

Die Hocker von Versailles

«Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der hinreißender über Geschichte erzählen kann» (Giovanni di Lorenzo)

© iStockphoto.com
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Ein eigenartiger Kontinent ist das Europa der Könige: Hier kann ein König von England, der kein Englisch spricht, auf die Idee kommen, die Pläne eines kein Spanisch sprechenden Königs von Spanien zu durchkreuzen, indem er dem kein Polnisch sprechenden König von Polen anbietet, König von Sizilien zu werden. Hier residiert die Macht in überfüllten Schlössern, deren Höflings-Bewohner sich den ganzen Winter über um das Recht streiten, in Gegenwart der Königin auf einem Hocker sitzen zu dürfen, bevor sie im Sommer losziehen, um an der Spitze knallbunt uniformierter Truppen direkt in das Musketenfeuer der Kriegsgegner hineinzumarschieren. In seinem hinreißend erzählten Monumentalwerk folgt Leonhard Horowski Edelleuten und Prinzessinnen durch labyrinthische Palast-Korridore und sieht zu, wie mit Duellen und Zeremonien Politik gemacht wurde. «Ein tolles Buch.» (Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung)

Über «Das Europa der Könige»


Stern: «Was Leonhard Horowski über die Macht- und Mätressenspielchen an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts herausgeforscht hat, ist so aufschlussreich wie unterhaltsam und vor allem prickelnd erzählt. Ein Stil, von dem sich viele Historienprofis mehrere Scheiben abschneiden können.»
Die Zeit: «Der Ton, den dieser Historiker anschlägt, ist etwas Neues: Leonhard Horowski hat über ‹Das Europa der Könige› ein erstaunliches Buch verfasst.»
die tageszeitung: «Ein bunt gewebter, kunstvoll verknüpfter Erzählteppich.»
SWR lesenswert: «Diese Geschichte höfischen Rangbewusstseins erzählt Leonhard Horowski unfassbar komisch und anekdotenreich.»
Spiegel Online: «Süffig erzählt, spannend und vergnüglich zu lesen. (…) Ein funkelndes Panorama wie ein wissenschaftlich fundierter, quellengesicherter Abenteuerroman, der anderthalb Jahrhunderte auf über tausend Seiten vorbeiziehen lässt.» 
Süddeutsche Zeitung: «Dieser faktenhungrige Autor belebt seinen barocken Staatsroman mit Geistreichtum ... Ein tolles Buch.»

DAS INTERVIEW


Rund 1050 Textseiten, 60 Seiten Quellen, Literatur und Register, ein Eineinhalb-Kilo-Brocken von Buch … Kann es sein, dass das ursprüngliche Buchmanuskript noch umfangreicher war?
Das dann zum Glück doch kaum. Die Ironie liegt ja eher darin, daß ich ursprünglich geplant hatte, zur Abwechslung mal ein nicht sehr langes Buch zu schreiben und mich dabei auch noch vom akademischen Schreiben zu erholen, weil ich ja diesmal viel freier von den Konventionen der Universität sein würde. Davon hat freilich nur der zweite Teil geklappt.


Vermutlich haben Sie diverse Jahre an diesem «Staatsroman» der Frühneuzeit gesessen. Wie hält man sich als Autor bei einem solchen Ultramarathon bei Laune, speziell bei Schreiblaune?
Das pure Schreiben hat etwa anderthalb Jahre gedauert und hatte natürlich seine Durststrecken. Aber manchmal half als Abwechslung die Recherche, die ich ja nicht komplett vom Schreiben getrennt habe; für alle Kapitel hatte ich zwar einen groben Plan, fand dann aber doch oft erst während dieser Schreibphase im Detail heraus, wo genau die Reise lang geht. Manchmal half es schon, beim Schreiben die Filmmusik von Game of Thrones zu hören (die Serie selbst habe ich vorsichtshalber erst nach dem Ende der Schreibphase angeschaut). Und meine Freundin war die größte Hilfe: ohne deren Geduld und Unterstützung wäre ich vermutlich überhaupt nicht heil da rausgekommen.


Wo findet man all diese verrückten Details (Brillenverbot im Hochadel, mit edlem Gebäck gefütterte Karpfen Ludwigs XIV. etc.)? Wo endet die Orientierung an belegbaren Fakten, wo beginnt die erzählerische Freiheit?
Das Faszinierende ist, daß es zwar bis heute überhaupt keine Überblicksdarstellungen zur europäischen Hofgesellschaft gibt und sehr selten auch nur wissenschaftliche Bücher, die mehr als kleine Ausschnitte behandeln. Aber wenn man diese Einzeluntersuchungen zusammenträgt und vor allem die unendlich vielen publizierten Quellentexte, wie das dank ganz umfassender Digitalisierung erst seit etwa fünfzehn Jahren möglich ist – dann kann man sich ein wunderbares Puzzle bauen. Gerade die irren materiellen Details oder seltsamen Ereignisse meiner Erzählung sind durch die Bank weg gut dokumentiert und praktisch alle Quellen inzwischen auch online digital verfügbar. Erzählerische Freiheit brauchte ich daher nur da, wo ich suggeriere, was Leute gedacht haben mögen, und das mache ich dann auch immer ausdrücklich als Vermutung kenntlich.


Der Text liest sich so leichtfüßig und temperamentvoll, dass man sich gut vorstellen kann, dass vielleicht auch der Autor dieser Zeilen gern im 17. oder 18. Jahrhundert gelebt hätte. Was wäre, unter all den pittoresken «Hofplanstellen» wie Siegelwachswärmer, Toilettenstuhlträger oder Sporenmacher Ihr Job im Universum von Versailles gewesen – vielleicht Tanzmeister der Stallpagen?
Schwierig, weil ja nichts lächerlicher wäre als ein Autor, der sich einbildet, selbst zur Welt der Höfe und Aristokraten zu gehören, bloß weil er über sie schreibt und vielleicht noch Handküsse gibt. Aber wenn wir denn mal annehmen, daß eine falsch eingestellte Zeitmaschine mich ins alte Versailles schösse, dann würde ich vermutlich versuchen, introducteur des ambassadeurs zu werden, also Botschafter-Einführer – da wäre man eine gut bezahlte Randfigur bei den großen Zeremonien, nah am König und trotzdem nicht wichtig genug, um sich so viele Feinde zu machen wie etwa der Hofgenealoge, der den Adelsfamilien das Alter ihres Adels bestätigen muß.


Hat es Sie während des Schreibens nicht oft in den Fingern gejuckt, Bezüge zwischen damals und der Obama/Trump/Merkel/Putin-Ära von heute herzustellen?
Geht so. Es war ja nicht direkt so, als ob man während meiner Schreibphase sonst nicht genug über die Besagten gehört oder nachgedacht hätte, da brauchte ich die nicht auch noch in meinem Buch, zumal das leicht so einen Datumsstempel abgibt, der sich dann in zehn Jahren wie ‚veraltet‘ liest. Aber manchmal beschreibe ich natürlich signifikante Kontraste oder Kontinuitäten, bei denen die Leser ruhig auch von alleine bestimmte Namen einsetzen können. Und was die Macht mit der Psychologie der Mächtigen macht, gerade bei sehr intelligenten Leuten, die sich wie Obama, Merkel oder Putin aus ganz unwahrscheinlichen Positionen an die Spitze gearbeitet haben, das habe ich mich beim Schreiben oft gefragt.


Im Saint-Simon-Kapitel gibt es einen kleinen Seitenhieb gegen den Historiker Norbert Elias. Woran liegt es, dass Sie ungleich mehr Quellen benutzt haben als andere Fachkollegen?
So würde ich das gar nicht sagen wollen, weil ich Elias durchaus sehr schätze – als jemanden, der zur Hofgeschichte bereits die richtigen Fragen gestellt hat, als das Gros der Historiker noch überzeugt war, daß es da gar nichts zu sehen gebe. Nur seine Antworten sind halt falsch, weil er wirklich fast keine Hofquellen gelesen hat. Aber er arbeitete eben auch um 1930, und da hätte er zur Konsultation sehr vieler Quellen praktisch noch hinlaufen und sie von Hand abschreiben müssen. Wer sich heute für dieselben Themen interessiert, kann auf viel mehr Forschung und viel mehr digitalisierte Quellen zurückgreifen, und das machen denn auch meine Kollegen heute genauso wie ich. Mein Vorteil ist bloß, daß ich solche Dinge seit über drei Jahrzehnten sammele, weil ich schon mit zehn ein Geschichts- und Genealogie-Nerd war und deswegen mein Gedächtnis in einem Alter trainieren konnte, in dem es alles einfach aufsaugt; das gibt einem dann ein vernetztes System von Erinnerungen, in dem es viel leichter ist, sehr schnell auf passendes Material zurückzugreifen.


Sind Sie nach dem «Europa der Könige» für die nächsten Jahre durch mit dieser Epoche, mit all den Intrigen und Gegenintrigen, der dynastischen Heiratspolitik und kriegerischen Scharmützeln aus fadenscheinigsten Anlässen?
Ganz sicher nicht. Sie müssen sich vorstellen, daß ich da ja 160 Jahre der Politik- und Eliten-Sozialgeschichte von ganz Europa behandelt habe. Die 1100 Seiten sind für ein Buch extrem lang und zeigen doch bloß einen kleinen Ausschnitt aus dieser Welt. Vermutlich gibt es auf Deutsch allein über die Familie Mann mehr zugänglich und trotzdem sachlich kompetent geschriebene Bücher als über diese ganze höfische Welt der Frühen Neuzeit, und deswegen glaube ich (auch auf die Gefahr hin, daß das wie eine Drohung klingen könnte), daß sich da noch viele schöne Dinge schreiben ließen … wenn ich nur erst einmal meine Habilitation abgeschlossen habe.


Stichwort «Regime der alten Damen»: Von welcher Frau aus der höfischen Welt des 17. und 18. Jahrhunderts könnte Bundeskanzlerin Angela Merkel - mit ihrem speziellen Background aus Protestantismus und Physik – noch ein paar diplomatische Tricks und Kniffe lernen?
Ach, so viele … aber meine persönliche Favoritin wäre da wohl die Marschallin Herzogin von Noailles, die 1671 mit 15 Jahren verheiratet wurde, in 23 Ehejahren 21 Kinder gebar, daneben bis zu ihrem Tod als 93jährige den wichtigsten Hofclan von Versailles regierte und Intrigenbriefe von einer solch glasklaren Härte und Subtilität schrieb, daß es selbst den durchtriebensten Hofbischöfen Angst machte. Neben dem, was solche Frauen an patriarchalischer Ungerechtigkeit zu überwinden hatten (und dann doch selbst wieder reproduzierten), ist sogar das, was auch Angela Merkel in diesem Genre ja durchaus noch abbekommen hat, das reinste Picknick.


Letzte Frage: Wir vermuten, dass Sie aus beruflichen Gründen an zeitgenössischen Fachmagazinen wie Gala und Bunte nicht vorbeikommen. Gibt es heute ein Königshaus, das in Ihren historisch geschulten Augen akzeptable Unterhaltung bietet?
Lauter verpaßte Chancen, fürchte ich, auch wenn das snobistisch klingen mag. Aber die Königshäuser haben sich tendenziell weniger interessant gemacht, als sie aus Angst vor Revolution immer bourgeoiser wurden und dann auch noch immer weniger international; seit sie aus Liebe bürgerlich heiraten, heiraten sie ja auch im eigenen Land, und so driftet denn die einstige große Familie immer weiter auseinander. Und die Zeitschriften verschenken die Chance der Fremdheit, indem sie das wenige, was man wissen kann (sowie einen großzügig draufgeschlagenen Rest) automatisch in Herz-Schmerz-Geschichten packen, damit wir glauben, «die» seien doch letztlich genauso wie wir. Das stimmt aber zum Glück immer noch nicht ganz.


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