02.01.2016   von rowohlt

«Die Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war»

«Eine Geschichte, die Wunder wirkt. Schenkt sie doch ihren Lesern jenen inneren Frieden, den der Protagonist so verzweifelt sucht.» (WAZ)

«Cabo de Gata» Roman ist ein Glanzstück novellistischer Prosa. Geschrieben in einem «Ton vollkommener Aufrichtigkeit, die den Leser in seinen Bann zieht» (Die Zeit), erzählt Eugen Ruges Roman von einem Mann, der sein altes Leben hinter sich lässt, um in der kalten Einöde eines andalusischen Fischerortes zu sich zu finden. «Ruge ist ein Meister des konkreten, sinnlichen Details. Er braucht nur wenige Striche, um dem Leser dieses Dorf mit seiner hypnotischen Ereignislosigkeit plastisch vor Augen zu führen. Er fängt dessen Stille ein, dessen seltsame, weltentrückte Magie.» (Focus) 


Wer Eugen Ruges großen Familienroman «In Zeiten des abnehmenden Lichts» (Deutscher Buchpreis 2011) gelesen hat, dem mag manches hier bekannt vorkommen. Die Figur des Vaters etwa, der auch nach 1989, nach dem Systemkollaps der DDR mit manischer Besessenheit seine Revolutionsgeschichte(n) weiterschreibt und den westdeutschen Staat verflucht, der ihm pünktlich zum Monatsersten seine ordentliche Rente überweist. Die Versuchung ist groß, diese Geschichte eines befreienden Scheiterns als Selbstporträt des Autors zu lesen. Aber bei aller Ähnlichkeit zwischen Ruge und dem Ich des Romans – nicht umsonst lautet der erste Satz in «Cabo de Gata»: «Die Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.»

«Ich erinnere mich …»

Berlin kurz nach der Wende. Es die Zeit der Umbrüche und Aufbrüche. Ein Mann beschließt, einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zu setzen. Er kündigt Arbeit und Wohnung, Renten- und Krankenversicherung, verkauft oder verschenkt sein Hab und Gut. Angewidert von der Protz- und Klotzmentalität der Typen, die in schwarzen BMWs vorfahren und deren Vokabular nur aus Wörtern wie «Marktanteile», «Expansion» und «Absatz» zu bestehen scheint, wird ihm schlagartig klar, was er zu tun hat: weggehen, sofort. Aus dieser Stadt, aus diesem Land, aus dem Leben, das er bis dahin geführt hat – «bis auf weiteres».


Die Abnabelung fällt ihm nicht schwer. Allein die Abmeldeprozedur beim Einwohnermeldeamt bereitet Schwierigkeiten. «Sie müssen doch wissen, wo Sie hinwollen.» Genau das weiß er nicht. Seine letzten Besuche führen ihn zu der Frau, mit der er zusammengelebt hat, und zu seinem Vater, dem er noch immer nicht ohne Zorn und Misstrauen begegnen kann – «als wäre er schuld daran, dass ich seine Regelmäßigkeit nachlebte oder nachäffte, seinen maschinenhaften Lebensstil, seine roboterhafte Arbeitsweise, die umso schwerer zu ertragen war, als er damit Erfolg hatte.» Noch in seinen Träumen verfolgt ihn der Starrsinn des alten, einsamen Mannes.


Wenig später bricht er auf, Richtung Süden, mitten im Winter. Viel mehr als das Nötigste hat er nicht dabei, etwas Kleidung, ein scharfes Opinelmesser, eine fast gewichtslose Hängematte. Erste Station: Barcelona. Erlebnisse, die an Tristesse kaum zu überbieten sind: unansehnliche Vororte, schäbige Neubauten, billige Rambla-Folklore, versalzener Bacalao, eine langbeinige Prostituierte mit dem Gesicht einer Siebzigjährigen, die Gaudí-Kathedrale, eine «monströse Kleckerburg, steingewordener Wahn». Das ist nicht der Süden, den er sucht, nicht das Glück verheißende Unbekannte. Da entdeckt er im Reiseführer einen Namen mit magischem Klang: Cabo de Gata, das angeblich «letzte romantische Fischerdorf Andalusiens». 

Die wahre Botschaft der Katze

Auf den ersten Blick ist Cabo de Gata für den Neuankömmling eine schwer erträgliche Enttäuschung. Ein «Hauch von Afrika»,  «das letzte Paradies Europas»? Reiseführerprosa, was sonst. Dass diese karge Vulkanlandschaft einmal Kulisse legendärer Hollywoodfilme gewesen sein soll, überfordert seine Phantasie. Was Cabo de Gata ihm in den ersten Wochen zu bieten hat, sind Kälte, schneidender Wind, Müllhalden, schäbige Häuser, verkümmerte Palmen, zähnefletschende riesige Hunde, ein Sarg am Strand, Billard gegen sich selbst in der Dorfbar – ein Geisterort. «Noch nie hatte ich so gefroren wie hier im Süden.» 


Er will wieder aufbrechen, weiterziehen, Afrika ist nah, Gibraltar nur einen Katzensprung entfernt. Aber er bleibt. 123 Tage vergebliches Bemühen, einen Roman zu schreiben – oder zumindest einen Romananfang zu finden, der Bestand hat. Es bleibt beim Bemühen. Mucho trabajo, poco pescado – viel Arbeit, wenig Fisch. Aber mit der Zeit, mit der Gewöhnung an die banalen Rituale zwischen Frühstückskaffee und einsamen Billardpartien in der Bar, hellt sich seine Laune auf. Es gibt Schlimmeres als den «Witz der Verzweiflung». 


Und dann taucht die Rotgetigerte auf: die Katze. Erst scheu und abweisend, dann neugierig und zunehmend anhänglich. Plötzlich ergibt der Name des Ortes einen faszinierend tieferen Sinn: Cabo de Gata, Kap der Katzen. Der Mann und die Katze, sie spielen das alte Spiel von Anziehung und Abstoßung. Bis die Distanz zwischen ihnen so weit geschwunden ist, dass seine Gefährtin mit den grünen Augen nachts an seiner Matratze wacht. Bis er die Katzenbotschaft versteht. Bis er weiß, was in seinem Leben falsch gelaufen ist. Bis die Zeit stillsteht und  er sich frei fühlt, endlich frei für etwas, das den Namen Zukunft verdient.

Top