29.04.2016   von rowohlt

«Die Fiktion mäandert um die Realität herum»

Von der Last der zweiten Nachkriegsgeneration, Chronisten der eigenen Großeltern zu sein – Ein Interview mit Stefan Slupetzky

© Kurt Pinter
© Kurt Pinter

Wer die hinreißende Serie um den Privatermittler Lemming (alias Leopold Wallisch) gelesen hat oder den bitterbösen und urkomischen «Polivka»-Krimi, wird den Wiener Schriftsteller Stefan Slupetzky hier von einer ganz anderen Seite kennenlernen. «Der letzte große Trost» erzählt – inspiriert von Slupetzkys eigener Familiengeschichte – von dem Fotografen Daniel Kowalski, der eines Tages einen Brief seiner Großtante aus Israel erhält: ein Brief, der Daniels ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Die alte Dame will ein Haus aus Familienbesitz verkaufen, in dem Daniel und sein Bruder ihre Kindheit verbracht haben. Ein Gespräch mit dem Autor über die Bürde der Geschichte und die Suche nach dem eigenen Vater.

Das Interview

«Ich glaube, wer einen guten Krimi schreiben kann, der wird auch andere literarische Genres bewältigen», haben Sie im Buchkritik-Gespräch gesagt. Was haben Sie beim Lemming und bei Polivka für einen «ernsten Roman» wie «Der letzte große Trost» gelernt?
Ich hoffe, gelernt zu haben, wie man eine Art von Textfluss erzeugt, der einen beim Lesen auch über inhaltlich trockenere Stellen hinwegträgt. Leider geht das nicht mit meinem Schreibfluss Hand in Hand: Vereinfachung und Rhythmisierung sind oft ein hartes Stück Arbeit.


Ein Großonkel, dessen Firma mit der Ungezieferbeseitigung begann und bei der Menschenbeseitigung durch Zyklon B endete; die jüdische Großmutter, deren Familie unter die Räder der Nazimaschinerie kam; der geliebte Vater, der im Alter von Anfang vierzig starb: Wie schmerzhaft war die Arbeit an diesem Buch für Sie?
Der Schmerz hat da eingesetzt, wo sich meine eigene Geschichte widerspiegelt: bei der Erinnerung an den Tod meines Vaters (er starb mit 58), aber auch bei der Rückschau auf meine eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten, auf meine nicht immer geglückten Versuche, das Leben zu meistern.


Im Gespräch mit der Wiener Zeitung haben Sie auf den Druck der Schriftsteller der zweiten Nachkriegsgeneration hingewiesen, «die Chronisten unserer Großeltern» zu sein. Aber ist das nicht ein Druck, den man sich selber macht?
Die Geschichten der Kriegsopfer und -täter sind nun einmal tragisch und dramatisch, sie sind es eindeutig wert, erzählt zu werden. Abgesehen davon, dass der Vorschlag, über die Herkunft, die Kindheit und Jugend meiner Eltern zu schreiben, auch von außen an mich herangetragen wurde.


Wie viel Stefan Slupetzky steckt eigentlich in Ihrem Protagonisten Daniel Kowalski?
60 – 70 %.

Friedrich Dürrenmatt & Helmut Qualtinger

Wer die Eckdaten Ihrer Familiengeschichte kennt, könnte den Buchtitel «Der letzte große Trost» als persönliches Statement seines Autors lesen: Ein Buch als Eigentherapeutikum, als Akt der Befreiung, als (nicht letzten, aber) großen Trost für Sie selbst?
Ja, ich denke, ich habe etwas erledigt. Und sei es auch nur eine schriftliche Liebeserklärung an meinen Vater.


Ihr letzter Roman «Polivka hat einen Traum» (den ich großartig fand) hat Ihnen neben blendenden Kritiken auch den Vorwurf eingebracht, einen bitterbösen Genremix aus Krimi und politischer Agitation produziert zu haben. Dürfen Krimiautoren nicht politisch sein? Oder wurde diese spezifische Wut attackiert, die sich da Bahn brach – die Wut auf Kapitalismus/Gier/Macht/Korruption/verkommener Moral?
Die Geister haben sich geschieden. Was mir die einen zum Vorwurf machten, haben die anderen besonders gemocht. Unterm Strich haben die Reaktionen das Gefühl bei mir ausgelöst, dass ich meinen Zorn beim Schreiben etwas zügeln sollte. Trotzdem drohen die Pferde immer wieder mit mir durchzugehen.


Wenn man ein paar «literarische Säulenheilige» für Stefan Slupetzky nennen sollte – wer wäre dabei? Friedrich Dürrenmatt, Helmut Qualtinger …? Sonst noch jemand, den Sie als Referenz preisgeben?
Es gibt so viele. Aber mit Dürrenmatt und Qualtinger sind Sie auf dem richtigen Weg.

Erich Kästner & Roald Dahl

Es muss schön sein, seinen Kindern die eigenen Bücher vorzulesen – ob «Der Gurkenfrosch», ««Pauls Reise» oder «Nurmi der Bär». Verlangt ihr achtjähriger Sohn nicht ständig nach neuen Geschichten aus Papas Feder?
Nein, eigentlich nicht. Für sein Alter haben Berufenere geschrieben: Erich Kästner und Roald Dahl, um nur zwei zu nennen. Es ist schön, ihren Büchern beim abendlichen Vorlesen wieder zu begegnen und zu erkennen, dass sie auch für mein Alter geschrieben haben.


Schriftsteller, Illustrator, Schauspieler, Musiker (u.a. mit dem erfolgreichen Trio Lepschi), Familienvater – wie kriegen Sie all Ihre Talente (und Verpflichtungen) unter einen Hut (wahrscheinlich sind's diverse Hüte …)?
Eigentlich nur Schriftsteller, Musiker und Familienvater. Also zeitlich meistens zu bewältigen. Finanziell nicht immer.


Wohlunterrichten Kreisen zufolge sollen Sie an einem Roman arbeiten, in dem zwei Kriminalisten – dead or alive – ein spektakuläres Revival haben werden: der Lemming (alias Leopold Wallisch) und Bezirksinspektor Polivka. Was dürfen Slupetzky-Leser erwarten: eher eine anarchisch-turbulente oder mega-melancholische Story?
Eindeutig anarchisch-turbulent. Ein verliebter Straßenbahnfahrer, viele seltsame Vögel und ein steirischer Bauernbub auf einem holländischen Ostindiensegler …

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